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Feuerwehr-Einsätze in München:Nie ohne pneumatisches Hochdruckhebekissen

Für alle Fälle gerüstet: Die Packliste für ein Feuerwehrauto umfasst mehr als hundert Geräte, vom Generator bis zur Mistgabel.

(Foto: Florian Schuh/imago)

84 567 Mal musste Münchens Feuerwehr im vergangenen Jahr ausrücken. Sie verfügt über ein beeindruckendes Arsenal von Spezialgeräten und Fahrzeugen - das hat auch seinen Preis.

Es gibt Situationen, da ist man froh, wenn man ein pneumatisches Hochdruckhebekissen dabei hat. Zum Beispiel neulich in Allach-Untermenzing. Da war ein Bub auf einen Baum geklettert und hatte sein Knie in einer Astgabel eingeklemmt. Er konnte sich nicht mehr befreien. Sein Papa konnte ihn nicht mehr befreien. Die Männer vom Rettungsdienst konnten ihn nicht befreien. Niemand von ihnen hatte ein pneumatisches Hochdruckhebekissen dabei. Das hatte erst die Feuerwehr, die mit einem Hilfeleistungs-Löschfahrzeug anrückte. Mit dem Luftkissen hebelten sie die Astgabel so weit auf, dass der Baum das Knie frei gab und der Junge unverletzt nach Hause konnte. Aufwand für den Kraxl-Unfall: ein Feuerwehrauto, ein Rettungswagen, acht Einsatzkräfte, davon ein Notarzt.

Vielleicht hätte man das Problem auch anderes lösen können, ohne pneumatisches Hochdruckhebekissen. Der Laie denkt da zum Beispiel an eine Säge. Natürlich haben die Einsatzkräfte auch da was dabei, sogar eine ansehnliche Auswahl: eine Motorsäge mit 400 Millimeter Schwertlänge samt Ersatzkette. Eine elektrische Säbelsäge, fünf Sägeblätter für Holz und Kunststoff, fünf Sägeblätter für Grünholz, fünf Sägeblätter für Holz mit Nägeln und Buntmetall, fünf Sägeblätter für Metall sowie eine gewöhnliche Bügelsäge. So steht es in der Packliste, denn jedes Fahrzeug eines Typs ist exakt gleich bestückt, Suchen und Improvisieren würde im Notfall wichtige Minuten kosten.

Messerundgang

Mit nur einem Finger am Joystick Tonnen bewegen

Die Münchner Feuerwehr verfügt sogar über einen mobilen Baumbiegesimulator, mit dem sie das Sägen von dicken Ästen und Baumstämmen unter großer Spannung übt. Aber dem Bub war es sicher lieber, mit einem Luftkissen befreit zu werden, als wenn die Rettungskräfte direkt neben seinem Knie eine Säge angesetzt hätten.

Wer Berichte über die Einsätze der Münchner Feuerwehr liest, der staunt manchmal über den technischen Aufwand, der zur Lösung scheinbar banaler Probleme betrieben wird. Da war zum Beispiel der verletzte Schwan in der Isar, der im März unter Einsatz von Tauchern und einem Boot gerettet wurde. Spaziergängern war das Tier in der Nähe der Mariannenbrücke aufgefallen. Die Feuerwehr schickte erst ein Kleinalarmfahrzeug, so groß wie ein VW-Bus und mit allem ausgestattet, was zur Tierrettung benötigt wird, vom Bienenkorb bis zum Schlangenfänger. Aber der Schwan war zu weit weg vom Ufer, das Wasser zu tief. Also forderten die Feuerwehrleute Unterstützung an: ein Hilfeleistungs-Löschfahrzeug und die Taucher mit Boot. Die konnten das Tier schließlich auf einer Insel einfangen und in die Tierklinik bringen.

Oder der Fall von dem jungen Mann, der sich von der Reichenbachbrücke abgeseilt hatte, um sein verlorenes Handy zu retten. Das Seil an einem Rettungsring, das er dazu zweckentfremdet hatte, war gerissen und nun stand er unten auf einer Betoninsel am Brückenpfeiler mitten in der Isar bei seinem Handy aber ohne eine Idee, wie er die sechs Meter zurück auf die Brücke überwinden sollte. Die Feuerwehrleute erreichten ihn schließlich mit einer Drehleiter, banden ihn auf eine Schleifkorbtrage und hoben ihn sanft zurück auf die Brücke. Vielleicht hätte es eine gewöhnliche Steckleiter oder sogar eine Strickleiter auch getan. Aber es war ja zunächst nicht klar, ob sich der Mann bei seinem Sturz verletzt hatte, als das Seil bei seiner Aktion Handyrettung etwa zwei Meter über dem Boden gerissen war.

32,40 Euro

So viel kostet der Einsatz eines Hilfeleistungs-Löschfahrzeuges in der Stunde. So ist es in der "Aufwendungsersatzsatzung" der Stadt festgelegt. Das ist etwa so viel wie ein Carsharing-Auto, aber dazu kommen noch 7,32 Euro Streckenkosten pro Kilometer und die Personalkosten für sechs Mann Besatzung - zwischen 41,40 und 70,80 Euro pro Feuerwehrmann und Stunde je nach Qualifizierungsebene. Abgerechnet wird im Minutentakt. Die Preise sind aber nur für die interne Kalkulation. Für den Bürger ist eine Rettung immer kostenlos.

Im April schreckte eine Nachricht aus Berlin auf: Bundesweit fehlten mehr als 500 Fahrzeuge für den Brand- und Katastrophenschutz, musste das Bundesinnenministerium in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der FDP-Fraktion einräumen. Klaus Heimlich, der Sprecher der Münchner Feuerwehr, beruhigt: Bayern sei gut ausgestattet, sagt er. Ohnehin gehe es in der genannten Anfrage um den erweiterten Katastrophenschutz. Für den Brandschutz sind die Kommunen verantwortlich, der Katastrophenschutz ist Ländersache. Erst der Zivilschutz ist Aufgabe des Bundes, der dazu den Ländern zusätzliche Fahrzeuge zur Verfügung stellt, die im Katastrophenfall genutzt werden können. "Der Grundschutz ist immer gesichert", sagt Heimlich: "Wenn im erweiterten Katastrophenfall vielleicht ein, zwei Fahrzeuge fehlen, hilft eben ein benachbarter Landkreis aus."

So einen "erweiterten Katastrophenfall" hat Bayern im vergangenen Winter erlebt, als Zugstrecken tagelang gesperrt werden mussten, Autofahrer festsaßen, Bäume unter der Schneelast umknickten und Dächer geräumt werden mussten, weil sie drohten, einzustürzen.

Den Rettern fehle nicht die Technik, sondern eher das Personal, sagt der Feuerwehr-Sprecher. Die freiwilligen Feuerwehren auf dem Land haben zunehmend Schwierigkeiten, Mitglieder zu werben. Viele Bewohner sind Pendler und arbeiten tagsüber viele Kilometer entfernt in der Stadt. Und nicht jeder Arbeitgeber stimmt begeistert zu, dass sein Mitarbeiter jederzeit zu einem Einsatz abrücken kann. Mit mehr als 310 000 Ehrenamtlichen seien die Freiwilligen Feuerwehren in Bayern dennoch im Bundesvergleich an der Spitze, betonte Innenminister Joachim Hermann anlässlich des internationalen Tags der Feuerwehrleute, der an diesem Samstag begangen wird. In den vergangenen zehn Jahren habe der Freistaat 355 Millionen Euro zur Unterstützung der freiwilligen Feuerwehren an die Gemeinden überwiesen, sagte Hermann, davon allein im Jahr 2018 fast 53 Millionen Euro - eine Rekordsumme.

Im Vergleich mit der Landeshauptstadt erscheinen diese Summen nicht mehr ganz so groß. Genau 105 722 304 Euro hat sich die Landeshauptstadt die Rettung ihrer Bürger 2018 kosten lassen (Gäste und Besucher werden natürlich mit gerettet). So steht es im Jahresbericht der Branddirektion. Das sind auf 1,54 Millionen Einwohner verteilt pro Kopf fast 69 Euro. Die Zahl der Einsätze steigt kontinuierlich mit der Einwohnerzahl Münchens: 2009 waren es insgesamt 63 755 Einsätze, 2018 schon 84 567 - ein neuer Höchststand.

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Geht man weiter zurück in der Geschichte der Stadt, erscheint der Sprung enorm: 1959, vor 60 Jahren also, wurde die Feuerwehr 2237 Mal zu Einsätzen gerufen. Damals lebten gerade etwas mehr als eine Million Menschen in München, es gab weder U-Bahnen noch Hochhäuser, die besondere Herausforderungen an den Brandschutz stellen, und der Posten stand mit 5 Mark und 9 Pfennigen pro Kopf in den Büchern der Stadt.

Heute stehen insgesamt 212 Fahrzeuge in den Garagen der Münchner Berufsfeuerwehr - wenn sie nicht gerade unterwegs sind. 1679 Frauen und Männer sind im Einsatzdienst. In der integrierten Leitstelle klingelt im Schnitt zwei Mal in der Minute das Telefon. Von den 24 490 Einsätzen 2018 waren 17 812 Hilfeleistungseinsätze. Von den 6678 Brandalarmen stellten sich mehr als 4000 im Nachhinein als Fehlalarme heraus.

Trotzdem rücken zu jedem Feueralarm 18 Mann aus: Zwei Hilfeleistungs-Löschfahrzeuge mit je sechs Mann, ein Einsatzleiterwagen, ein Rettungswagen und eine Drehleiter mit je zweien. Meistens handelt es sich um kleine Brände, die schnell gelöscht sind. Aber was, wenn nicht?, fragt Heimlich: "Wir können ja nicht sagen: Wir fahren erstmal hin und schauen."