Festspiele ErlDie Konkurrenz schläft nicht: Starglanz bei den Festspielen in Erl

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Julia Muzychenko und Ludovic Tézier treten bei den Festspielen in Erl als Gilda und Rigoletto auf.
Julia Muzychenko und Ludovic Tézier treten bei den Festspielen in Erl als Gilda und Rigoletto auf. (Foto: Scheffold Media)

Jonas Kaufmann holt als Intendant der Festspiele Erl Sänger erster Klasse nach Tirol. Soeben etwa den global gefeierter Bariton Ludovic Tézier. Wie schafft er das, und muss sich München vor der neuen Attraktion fürchten?

Von Paul Schäufele

Der Panorama-Vergleich: Wer aus dem Erler Festspielhaus schaut, sieht schiefergraue, wolkenverhangene Berge, ein würdiges Grundstück für Wotans Walhall. Wer aus dem Münchner Opernhaus schaut, erblickt eine überdimensionierte Tiefgarageneinfahrt. Ein Punkt für Tirol. Aber auch künstlerisch machen sich die Festspiele unter ihrem prominenten Intendanten Jonas Kaufmann. Muss München nervös werden? Entwickelt sich in den Bergen eine Konkurrenz zu den Opernfestspielen der Landeshauptstadt?

Die konzertante Aufführung von Verdis „Rigoletto“ jedenfalls wäre auch in München beklatscht worden. Ob es am Ende wie in Tirol die Leute reihenweise von den Sitzen gerissen hätte, ist fraglich. Überzeugend ist die konzertante Version des Stücks allemal. Es ist Teil der trilogia popolare von mittleren Verdi-Opern (Rigoletto, Il trovatore, La traviata), für die Jonas Kaufmann interessante Sängerinnen und Sänger nach Erl einladen konnte. Der wohl interessanteste unter ihnen ist Ludovic Tézier, global gefeierter Bariton, der auch in Erl beweisen kann, warum er so gefeiert wird.

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Tézier hat einen neuen Höhepunkt seiner Karriere erreicht. Der anfangs einmal etwas trockene Bariton hat sich gerundet, verfügt über Substanz in der Tiefe wie in der hier oft beanspruchten Höhe. Vor allem aber setzt Tézier seine Stimme mit absoluter Kontrolle ein. Wenn er das erste Mal „Quel vecchio maledivami“ (Der Alte dort hat mich verflucht) singt, endet er die Phrase mit einem so dumpfen Decrescendo, dass man meint, eine unsichtbare Hand drücke ihm die Kehle zu.

In den emotionalen Ausbrüchen seiner Figur findet Tézier eine Innigkeit und Verletzlichkeit, die in Kontrast zum Übrigen stehen. Denn Téziers Rigoletto ist kein Narr, er ist eine Bühnen-Autorität. Er ist das Zentrum des Geschehens, der eigentliche Manager des Geschehens, der an seinen Machbarkeits-Fantasien zugrunde geht. Und das formvollendet: Am Schluss erstarrt er zu einem gesungen gebrüllten „Ah, la maledizione!“ und das Publikum erhebt sich zu Ovationen.

Wie bekommt Jonas Kaufmann Sänger dieser Klasse nach Erl? Vermutlich, weil er sie anrufen kann. Im Laufe einer jahrzehntelangen Karriere, während der Kaufmann die großen Opernhäuser abgeklappert hat, dürfte sich mit dem ein oder anderen eine belastbare Künstler-Freundschaft ergeben haben. Tézier und Kaufmann etwa haben bereits beim legendären „Werther“ der Pariser Opéra National 2010 zusammen gesungen. Vor wenigen Jahren kam gar eine CD mit dem programmatischen Titel „Insieme“ (gemeinsam) dazu.

Eine weitere Sensation war Barbara Hannigan

Weitere Sensationen der Saison waren Barbara Hannigan und Florian Boesch, die in einer grandiosen, durch intelligente Regie zusammengeschweißten Version von Béla Bartóks „Herzog Blaubarts Burg“ und Francis Poulencs „La voix humaine“ auf der Bühne standen. Die Regiearbeit leistete Claus Guth, den Jonas Kaufmann seit Studienzeiten kennt. Später hat man in Mailand einen „Lohengrin“ auf die Bühne gebracht und in New York Schubert-Lieder inszeniert. Und weil Claus Guth schon mit Hannigan und Boesch bei der Uraufführung von Michael Jarrells „Berenice“ in Paris arbeiten durfte, lag es nahe, das Star-Duo auch für den Bartók/Poulenc-Abend anzufragen. So fügt sich eins zum anderen. Kaufmann weiß selbst, dass seine persönlichen Beziehungen ein Grund dafür sind, dass er sich jetzt als Intendant ausprobieren darf. Erl wollte wieder mehr ins Licht der Öffentlichkeit, und das klappt momentan gut.

Doch alles kann auch der Intendant nicht besorgen, wie auch der Erler „Rigoletto“ zeigt. Denn Tézier ist zwar ein überragender Sänger. Es bedeutet aber auch, dass er die Kollegen in manchen Momenten an die Wand singt. Neben Tézier spielen etwa der junge Peruaner Iván Ayón Rivas und die noch jüngere Russin Julia Muzychenko, aufstrebende Kräfte, die viel Potential zeigen, aber naturgemäß nicht über die gewachsene Souveränität Téziers verfügen.

Fürchten muss sich München wohl nicht

Die Kontrolle, die Téziers Rigoletto Spannung verleiht, hat Ayón Rivas nicht. Sein Tenor hat Glanz, nur die Leichtigkeit, die die Herzog-Rolle braucht, fehlt noch. Die unverwüstliche Canzone „La donna è mobile“ bellt Ayón Rivas, dass man staunen kann über die Lautstärke, aber auch ein wenig über die Unfähigkeit, die Stimme an den Raum anzupassen. Besser schlägt sich Muzychenko als Gilda. Nach anfänglichen Intonationsschwierigkeiten findet sie spätestens in der Arie „Caro nome“ sichere Flexibilität. Darüber ist ihre Stimme süß und blühend und damit prädestiniert für die zarteren, intimeren Momente der Rolle. Auch Sparafucile ist vielversprechend, eine düstere Figur, die durch Alexander Köpeczis schimmernden Bass veredelt wird. Schwachstellen gibt es also nicht, obwohl Asher Fishs Dirigat pointierter und sängerfreundlicher sein könnte.

Fürchten muss sich München wohl trotzdem nicht. Kaufmann schafft es, brillante Stimmen nach Erl zu bringen. Ein Ensemble, zumal ein Orchester wie das Bayerische Staatsorchester wird es in Tirol allerdings wohl nicht geben. Wie auch? Dennoch: Kaufmanns Intendanz setzt Impulse, die nicht nur die Sänger nach Erl locken. Auch das Publikum wird sich so in Zukunft vielleicht noch öfters in Richtung Süden bewegen.

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