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Festival:Stoff für Gesellschaftskörper

Die 25. Tanzplattform Deutschland zeigt in München 15 unterschiedliche Produktionen aus den vergangenen zwei Jahren - sie eint die Dringlichkeit, zu aktuellen Entwicklungen Stellung zu beziehen

Auf einer Plattform hat viel Unterschiedliches auf gleicher Höhe Platz. Ein passendes Bild für die Intentionen der Jury der 25. Tanzplattform Deutschland, die vergangene Woche in München stattfand: Hier wurden 15 unterschiedliche Produktionen aus den vergangenen zwei Jahren ohne weitere Hierarchisierung zusammengestellt. "Divers", das ist der einzige Begriff, der die vielen ästhetischen Ansätze des zeitgenössischen Tanzes vereint. Dass daraus im Jahr 2020 zwangsläufig ein (gesellschafts-)politisches Statement folgt, das dem Publikum mal mehr und mal weniger stark entgegenschlägt, ist so offensichtlich wichtig und in der Dringlichkeit, die es gerade für die Kunst hat, auch erschreckend.

Rein ästhetisch reicht das Spektrum von intensiven Bewegungsstudien wie Ginevra Panzettis und Enrico Ticconis gruseliger Commedia dell'Arte-Einverleibung "Harleking" bis hin zu großen Panoramen wie Isabelle Schads Eröffnungsstück "Reflection", in dem 13 Tänzer auf einer Drehbühne wie in einem Zementmischgerät umeinander taumeln. Das geordnete Chaos mit seinen feinjustierten Richtungs- und Tempoänderungen ist wunderschön. Mit der Hilfe von Lichtreflexen auf nackter Haut und Metall entstehen daraus tolle Konstruktionen aus weißen Armen und reflektierender Bühnenmaschinerie. Doch der für die Deutsche Tanzpreis-Trägerin aus Berlin erstaunlich dynamische Abend kann am Ende etwas zu lange nicht von seinen fast architektonischen Körper-Bildern lassen, die mit dem Gesellschaftskörper, auf den sich Schad beruft, allenfalls auf biomechanischer Ebene korrespondieren.

Tanzplattform Deutschland 2020

Die Politik der Masse: Sexy, burlesk und exzessiv in Sharon Eyals "Soul Chain".

(Foto: Andreas Etter)

Ähnlich groß angelegt ist Sharon Eyals Exzess-Paraphrase "Soul Chain". Die derzeit gefragte israelische Choreografin, deren Stück "Bedroom Folk" im Mai vom Bayerische Staatsballett getanzt wird, hat mit "Soul Chain" ein Stück für das Ensemble des Staatstheaters Mainz, geschaffen, das Zuschauer und Tänzer an physische Grenzen bringt. So dermaßen laut drückt der Elektrobeat, während die Tänzer in hautfarbenden Nackt-Trikots zunächst Diagonalen entlangtrippeln als trügen sie High-Heels, und schließlich in einem aberwitzigen Gruppenstück zwischen Masse, Chaos und Vereinzelung die Burleske des zeitgenössischen Technoclubtanzes exerzieren; und nebenbei die Strukturen von menschlicher Annäherung und Attraktion spiegeln.

Ganz anders die Kräfte, die im dritten großen Gruppenstück "Coexist" wirken, das Adrienn Hód für das Theater Bremen choreografiert hat. Hier schicken die Tänzer anfangs bewegte Botschaften an Diktatoren, Zensoren und andere, indem sie in kurzen Soli buckeln und fauchen oder den nackten Körper verstecken. Dann explodiert die Wundertüte des zeitgenössischen Tanzes: Brutal, chaotisch, laut, expressiv und oft so unerträglich wie unsere gegenwärtige Realität: Doch welche Vielfalt an tänzerischen Möglichkeiten hier versammelt ist!

Tanzplattform Deutschland 2020

Bewegte Botschaften in Adrienn Hóds "Coexist".

(Foto: Jörg Landsberg)

Auch die kleineren Stücke aus der Off-Szene sind nicht weniger radikal in dem Anspruch sich inhaltlich über die Kunst hinaus zu äußern und einer Gesellschaft, deren Ränder immer weiter auseinanderdriften, einen lauten, warnenden oder bunten Appell für Vielfalt und Miteinander entgegenzuschleudern. Für beides steht "Dis_Sylphide". Saša Asentić bringt darin behinderte Künstler mit Schlüsselszenen der Tanzgeschichte in Dialog. Eine wichtige Botschaft für die gleichberechtigte Arbeit von Menschen mit und ohne Handicap, aber leider viel zu didaktisch. Die Kritik an der Gesellschaft manifestiert sich in Kat Valastúrs Solo "Rasp Your Soul" geschmeidiger, wenn der Körper ihres Performers Enrico Ticconi zum Material wird. Verstärkt durch ein Kontaktmikrofon am Mund positioniert er sich zwischen der Entkopplung von Geschlecht und dem Ekel vor so viel verstärkter Körperlichkeit. Etwas altbacken sind dagegen Simone Aughterlony, Petra Hrašćanec und Saša Božić mit "Compass" - auch wenn berührend-verstörende Bilder entstehen, wirken die Mittel der Body Art hier doch abgegriffen.

Unter den vielen neuen Namen ist auch die afrodeutsche Tänzerin und Choreografin Joana Tischkau mit ihrer Masterarbeit "Playblack", in der drei Tänzerinnen - darunter Tischkau selbst - im Modell einer Playback-Show-Bühne Mund, Hüften und Beine bewegen. Akustisch sind Pop-Fundstücke zu einer Collage verschnitten, in der Rihanna in Endlosschleife nach ihrer kulturellen Identität gefragt wird ("What are you?") und sich die Sehnsucht nach karibischer Ganja-Lässigkeit mit dem Klischee von schwarzer Ghettokultur beißt. Damit legt diese kleine Produktion einen viel raffinierten Umgang mit kulturellen Appropriations- und Deutungshoheits-Prozessen an den Tag als die Oldies von Gintersdorfer/Klaßen mit ihrem eitlen und geschwätzigen "Kabuki Noir", das die Festivaldramaturgie zudem so ungünstig platziert hatte, dass der einzige Münchner Beitrag - Moritz Ostruschnjaks stilles Stück "Unstern" - direkt danach ziemlich platte Zuschauer abbekam. Ähnlich das vermeintlich unscheinbare "Vis Motorix" der Gruppe "Cocoon Dance", das nachts um zehn in ruhiger Abstraktion und beeindruckender Präzision eine Art Evolution erzählt. Tut gut.

Mit "Pink Unicorns" war diesmal sogar ein Jugendstück dabei. Ein von Samir Akika eingerichteter Schlagabtausch zwischen dem chilenisch-spanischen Kraftpaket Alexis Fernandez und dessen 14-jährigem Filius Paulo, der mit überwältigender Tanzlust sehr freundschaftlich Generationenkonflikte verhandelt.

Es bleibt das Problem, dass trotz all der fröhlichen Vielfältigkeit, der gelebten Diversität und der Begegnungsmöglichkeiten, das Publikum und die Teilnehmer doch zum großen Teil aus dem gleichen gesellschaftlichen Spektrum stammen. Das überrascht nicht und beschädigt weder den spannenden Gesamteindruck noch die radikalen Bemühungen um Botschaften. Gesamtgesellschaftliches Integrieren gelingt aber natürlich auch nicht.

© SZ vom 10.03.2020

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