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Festival:Lob der Einzelwesen

Jefta van Dinther

Gemeinsam effektiv: Sie zerren am Segel, um es zum Zelt zu vertäuen, die Tänzer in "Plateau Effect".

(Foto: Tanzwerkstatt Europa)

Tanzwerkstatt Europa: Stimmungsvolles zum Beginn

Von Eva-Elisabeth Fischer

Gleich nebenan, vorm Ampere, tobt der Bär - zumindest im Vergleich mit der Muffathalle. Dortselbst ist, weiß der Teufel warum, der Ausschank verboten, vielleicht weil sonst der einsame Gang zum Klo behindert wäre. Man drückt sich freudlos in nummerierten Absperrungen vor der Halle herum bis zum komplex geplanten Einlass. 85 dürfen rein und nach Vorstellungsende auf Zuruf dankenswerterweise auch wieder raus. Und dann? Nichts. Kein Fest, kein gar nichts.

Es ist Tanzwerkstatt Europa, Walter Heuns traditionelle Sommermischung aus Workshops und Aufführungen. Diese 29. Ausgabe bildet heuer zusammen mit der ebenfalls von Heun initiierten Tanzplattform anfang März eine Klammer. Beide Veranstaltungen machen sicht- und fühlbar, wie sich das Verhalten der Besucher durch Corona verändert hat: Wurde im Frühjahr kurz vor dem Lockdown noch grenzüberschreitend geherzt, hält man jetzt geflissentlich Abstand und wundert sich über eine grotesk anmutende Ankündigung zur Aufführung: Ein Anschlag an der Tür erklärt, dass ein Duett, das man zu sehen bekommt, von zwei in einem Haushalt lebenden Menschen getanzt würde. Man ist ja schon froh, dass überhaupt was geht und fühlt sich in Hochstimmung nach den ersten beiden Gastspielen.

Zu den Stammgästen der Tanzwerkstatt zählt der niederländisch-schwedische Choreograf Jefta van Dinther. Er ist zurzeit in Berlin zugange und hat mit Tänzern und Tänzerinnen des Staatsballetts ein höchst suggestives Stück, genannt "Plateau Effect", kreiert. Definiert wird das titelgebende Phänomen laut Wikipedia als "eine Naturgewalt, die die Wirksamkeit einmal wirksamer Maßnahmen im Laufe der Zeit verringert". Man kennt das von Diäten oder einem immer gleichen Training: Die Wirkung lässt nach. Auf Dinthers Stück trifft das allenfalls auf den Mittelteil zu, bis es gleichsam wieder Atem schöpft in einer durchrhythmisierten, auch chaotischen finalen Stretta. Am berückendsten aber ist der Beginn. Wie Gestrandete eines Sturms verklammern sich die neun Tänzerinnen und Tänzer zu den akustischen Böen von David Kiers in einem riesigen Segeltuch - lauter Einzelwesen, die sich in Stofffalten verkrallen, darin winden und dazwischen verschwinden, ab- und auftauchen, begleitet vom Sirenengesang einer Frau. Sind es Flüchtlinge? Oder Vereinzelte, die erst Gemeinschaft erfahren müssen, wenn sie ganz undramatisch, aber solidarisch das Tuch zu einem Zelt montieren? Um dann in wahnwitzig energetischen Bewegungsschüben die Plane wieder aufzurollen. Chaos. Ausgang ungewiss.

Ein tolles Planspiel. Dito Cindy van Ackers "Shadowpieces" am selben Ort, elf Etüden für ihr Stück "Without References", das diesen November in Genf uraufgeführt werden soll. Fünf der stimmungsvollen Schattenstücke waren nun zu sehen, getanzt von zwei Männern und drei Frauen, individuelle Signaturen in den Raum geweht, gemalt oder gestanzt, so als seien die fünf Körper die bewegten Schatten der von Cindy van Acker ausgesuchten Klangbeispiele aus der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts - tonal, atonal, digital. Es sind faszinierende Bewegungsstudien dazu entstanden, die einen rätseln lassen, inwieweit sie das tanzende Individuum abbilden oder doch eher angenommene Rollen sind.

© SZ vom 04.08.2020

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