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Festival:Licht, Lieder und ein Laster

Das Programm der Europäischen Wochen Passau

Von Sabine Reithmaier, Passau

Carsten Gerhard teilt das Programm der Europäischen Wochen Passau (EW) konsequent in Höhe- und Brennpunkte. "Es ist mir wichtig, dass die Festspiele beides haben", sagt der künstlerische Leiter. Die Höhepunkte erfüllten den klassischen Festspielauftrag, hochkarätige Gastspiele in die Region zu bringen - dafür stehen Namen wie Patricia Kopatchinskaja, Igor Levit, Anna Prohaska, Mauro Peter, das Freiburger Barockorchester, Ute Lemper und Ulrich Tukur. "Mit den Brennpunkten dagegen möchte ich den Namen Europäische Wochen zum Programm machen." Dafür hat er zwei Themen gewählt, die Europa gerade herausfordern: die Migration und den Arten- und Umweltschutz.

Freilich klappt nicht alles wie gewünscht: Ausgerechnet das Brennpunktprojekt, mit dem die EW an diesem Donnerstag starten wollten, musste er auf den 29. September verschieben. Eigentlich hätte die britische Theater-Performance-Gruppe "Mechanimal" während einer neunstündigen Nachtwache das Artensterben auf unserem Planeten thematisiert. Doch die Quarantänebestimmungen - zwei Wochen jeweils bei Ein- und Ausreise - erzwangen die Verschiebung der "Vigil".

Vergleichsweise unproblematisch dagegen ist die Organisation der Ausstellung "Les chants de l'Asphodèles" des französischen Fotografen Mathias Benquiui am Passauer Innkai. Seit 2015 reist er mit der Schriftstellerin Agathe Kalfas regelmäßig nach Lesbos, um festzuhalten, wie die Geflüchteten und die griechische Bevölkerung zusammenleben. Die beiden dokumentieren die harten Bedingungen in den Lagern, halten aber auch den Frust der von Europa allein gelassenen Griechen fest.

Auffallend am Programm der 69. Festspiele sind die vielen Open-Air-Konzerte. Von 40 Veranstaltungen fänden 20 im Freien statt, sagt Gerhard. "Jedenfalls wenn man unseren Soundblaster mitzählt." Auch eine Erfindung aus der Corona-Zeit: ein 7,5-Tonnen-Laster, auf dessen Ladefläche halbstündige Live-Konzerte der Vokalgruppe Slixs stattfinden. Auch zum Auftakt am Freitag (18.6.) gibt es mit "German Brass" am Dreiflüsse-Eck ein Open-Air. Reizvoll auch der Schauplatz für das EW-Abschlusskonzert, die Passauer Waldbühne, ein Ort, an dem Gerhard gern dauerhaft ein Klassik-Open-Air etablieren möchte. Heuer spielt im "Passauer Sommernachtszauber" (24.7.) das Stuttgarter Kammerorchester Mussorgskis "Bilder einer Ausstellung", und der Lichtkünstler Philipp Geist inszeniert dazu eine Bildersinfonie auf die Baumkulisse.

Große Fortschritte gemacht hat das Projekt "Heldenepos", das seit Beginn der Pandemie läuft. Um zu zeigen, dass man auch in schwierigen Zeiten gemeinsam gestalten kann, hatten die EW dazu aufgerufen, die rund 10 000 Verse des Nibelungenliedes, das vor 800 Jahren vermutlich in Passau entstanden ist, als Webvideos einzulesen. Inzwischen sind die ersten zehn Abenteuer fertig, einschließlich des Soundtracks des jungen Komponisten Felix Stachelhaus und der eingearbeiteten "Bildstörungen" (Gerhard). Er hat während der Pandemie Zitate aus Zeitungen, Internet und Bücher gesammelt, um den mittelalterlichen Heldenbegriff mit dem der Jetztzeit zu konfrontieren. Diese Fundstücke hat er in die Videos einmontiert (zu sehen unter www.ew-passau.de/heldenepos).

Am 9. Juli erklimmt das Projekt mit einer Nacht der Nibelungen und dem Lesen von neuen Abenteuern die nächste Stufe. Mitlesen werden Bruno Jonas, Otti Fischer und der Schriftsteller László Márton, der das Nibelungenlied 2020 ins Ungarische übersetzt hat. Freiwillige, die sich an der Lesung beteiligen möchten, können sich unter nibelungen@ew-passau.de melden.

Vor zwei Jahren haben die EW damit begonnen, Konzerte in historischem Aufführungskontext zu veranstalten. Heuer nehmen sie sich Gioachino Rossinis "Petite messe solennelle" (17.7.) in der Fassung der Uraufführung vor. Rossini schrieb sie für die Einweihung einer Privatkapelle, die Uraufführung 1864 in Paris war ein wichtiges, gesellschaftliches Ereignis. Um die lange Messe erträglicher zu gestalten, servierte man zwischen Gloria und Credo ein kaltes Buffet. Das wird es in Passau auch geben - angeblich mit den Lieblingsspeisen Rossinis.

Infos: www.ew-passau.de

© SZ vom 17.06.2021
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