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MPhil 360°:Choreografierter Prokofjew

Die Münchner Philharmoniker haben gemeinsam mit Choreografen und Komponisten der freien Szene beim MPhil 360° drei sogenannte "Tanz-Konzerte für Sergej" realisiert.

Von Rita Argauer

Eigentlich ist es ganz erstaunlich, dass so etwas noch nie stattgefunden hat. Da gibt es in dieser Stadt eine ganze Menge hochgradig professionelle Orchester, die weltweit für ihren Klang und ihren Farbenreichtum geschätzt werden. Außerdem gibt es auch eine kleine, aber derzeit durchaus umtriebige freie Tanzszene. Und die einzigen, die regelmäßig ihre ursprünglich von Grund auf systematisch verbundenen Künste zusammen wirken lassen, sind das per Institution zusammengehörige Bayerische Staatsballett samt seinem Staatsorchester.

Doch die Münchner Philharmoniker, dieses Orchester auf Öffnungskurs, hat zu seinem Öffnungsfestival am Wochenende nun auch diese Schranke übersprungen. Gemeinsam mit Choreografen und Komponisten der freien Szene wurden dafür drei sogenannte "Tanz-Konzerte für Sergej" realisiert, die nun uraufgeführt werden. Der Name an sich ist zwar erst einmal ein wenig absurd, denn Tanz und Musik sind eben geschichtlich so immanent verknüpft, dass die Vokabel "Tanz-Konzert" als schlichte Dopplung erscheint. Doch heutzutage ist diese einst so enge Verbindung im künstlerischen Ausdruck eben lange nicht mehr so selbstverständlich.

So war es etwa für die Münchner Choreografin Sabine Glenz, die schon seit mehr als zehn Jahren regelmäßig freie, abendfüllende Arbeiten schafft, das erste Mal, dass sie von der Musik ausgehend choreografierte. Diese Musik, die hier zur Grundlage der Choreografien des britischen Duos Charlie Morrissey und Andrea Buckley sowie der in Berlin lebenden gebürtigen Athenerin Kat Válastur und eben Sabine Glenz wird, ist, wie fast alles an diesem Philharmoniker-Wochenende, von Sergej Prokofjew. Dessen Quintett, op. 39, eigentlich Teil des verschollenen Balletts "Trapèze" von 1924, ist angesiedelt im Zirkusmilieu, was der rhythmisch stark akzentuierten Musik noch anzuhören ist. Den Choreografen wurden nun die Komponisten Robert Merdzo, Orlando Gough und Sebastian Plano zur Seite gestellt mit der Aufgabe, die Spuren dieses Balletts und der erhaltenen Musik ins Heute zu transferieren. Musizieren werden dabei Musiker der Philharmoniker.

Sabine Glenz, die zusammen mit dem Münchner Musiker und Komponisten Robert Merzdo arbeitete, hat dabei ein Stück für vier Tänzer geschaffen, bei dem sie sich stark an der Form der musikalischen Vorlage orientierte. So blieben etwa die sechs Sätze des Originals bestehen, ebenso deren Dynamik, Längen und Charaktereigenschaften. Daraus hat sie dann sechs tänzerische Motive herausgebildet, die sich subtil an der Zirkusstimmung der Vorlage orientieren, also nicht linear erzählen, sondern ihren Nummerncharakter beibehalten haben.

Die Arbeit mit dem Orchester, sagt Glenz, sei toll gewesen, aber gleichzeitig auch absurd. Denn Orchestermusiker verhandeln nun einmal mit ganz anderen zeitlichen Vorgaben, als Glenz es aus der freien Tanzszene gewohnt war. So hatte Sabine Glenz nur eine einzige Probe mit der Geigerin Nenad Daleore und Beate Springorum an der Bratsche, doch sie sei ziemlich erstaunt gewesen, wie schnell die Musiker spontane Ideen und Änderungen hätten umsetzen können. Dass die drei Tanzkonzerte nun nur ein einziges Mal aufgeführt werden, ist dagegen ausgesprochen schade.

Tanz-Konzerte für Sergej, MPhil 360°; Samstag, 12. November, 21 Uhr, Carl-Orff-Saal, Gasteig, Rosenheimer Straße 5; SZ-Videoreportage über eine Probe der Münchner Philharmoniker unter www.sz.de/vr-philharmonie

© SZ vom 12.11.2016

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