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Festival:Anrührende Selbstentblößung

Pressefotos TANZWERKSTATT EUROPA 2020, nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit der Berichterstattung über die Veranstaltung! Credit wie im Dateinamen angegeben!

Konzepttanz: Frédéric Tavernini zeigt auf die Tattoos, deren Bedeutung erklärt wird.

(Foto: Marc Domage)

Die Gastspiele bei der Tanzwerkstatt Europa lenken den Blick auf den Erkenntniswert von Choreografie

Von Eva-Elisabeth Fischer

Warum ist er plötzlich so dunkel, der Weg von der S-Bahn zur Muffathalle? Im roten Klotz am Rosenheimer Berg sind die Lichter aus: Der Gasteig ist Gespensterhaus. Angesichts der tosenden Isar fasst einen dann richtig die Apokalypse an. Gegengift: Man durfte die vergangenen Tage trotz Corona bei der Tanzwerkstatt Europa echten Tänzerinnen und Tänzern in Workshops und Aufführungen bei der Arbeit zuschauen und davon Erkenntnisse mit nach Hause nehmen, wie sie einem kein Livestream jemals mitgeben könnte. Auch sah man sich konfrontiert mit Aufführungspraktiken, die sich, auch wenn neu überdacht, als merkwürdig überholt erwiesen. Man weiß es ja: Nichts ist so alt wie die Avantgarde von gestern.

Es gab, das ist noch gar nicht so lang her, zum Beispiel eine offensiv schwule Subkultur, die sich inzwischen zumindest offiziell überlebt hat. Sie ist das eigentliche Thema der "Lostmovements" von Jan Martens & Marc Vanrunxt aus Antwerpen, eines Stücks, das vermeintlich verlorenen choreografischen und kompositorischen Momenten nachspürt. Martens zählt sie auf, die großen und kleinen Heroen der Bühnentanzkunst, wobei, was irgendwie schon gerecht ist, Ludwig IX. und Susanne Linke sich quasi einen Atemzug teilen.

Martens hat so ein Hemdchen an, wie sie die Tanztheaterfrauen gern trugen. Und er macht dann so introvertierte Schrittchen, als hätte er sich die übersensible Haut eines Raimund Hoghe übergestreift. Jan Martens, der hinreißende Anverwandler, zitiert verschiedene Tanzidiome, die seinen künstlerischen Weg begleiteten, nennt am Ende, geballt in einer zweiten Verballitanei, jene kreativen Berühmtheiten, die schwul waren und das auch lebten, als die Gesellschaft noch nicht so liberal war, wie heute behauptet.

Das, was Noé Soulier im "Portrait of Frédéric Tavernini" ebendiesem großartigen Tänzer auf den Leib choreografierte, hieß Mitte der Neunziger, der Hochzeit der Postmoderne, Konzepttanz. (Wobei man damals darob zeitweise den Tanz schon mal wegließ.) Tavernini personalisiert diesen und zeichnet mit seinen schönen gotischen Händen Zitate seiner Rollen in die Luft auf der theoretischen Grundlage von Semiotik und Strukturalismus. Uff! Dabei dominiert anrührend immer noch der tanzende lange Mensch, in dessen Arme sich nicht nur die bedeutungsschwangeren Tätowierungen eingegraben haben, sondern auch die Spuren gelebter Jahre.

Aber Mette Ingvartsen überstrahlt bei der heurigen Tanzwerkstatt alle anderen. In einem Gespräch erzählte sie kürzlich von der existenziellen Angst, dass ihr wegen Corona bald die Gastspiele wegbrechen könnten und München dann ihr letzter Auftritt gewesen sei. Auf der Bühne ist sie natürlich voll da. Kaum eine artikuliert sich so klar, tritt so selbstverständlich schlicht, zumal völlig nackt, vors Publikum und dröselt mit solch intellektueller Akkuratesse in Wort und Aktion die dunkle Allianz von Sex und Gewalt auf. Was sie im vierten Teil ihrer "Red Dances", den "21 pornographies", erzählt, was sie tanzt über Koprophilie und die perverse Lust am Übertöten, das denkt sich im Kopf des Zuschauers fort und bringt es auf den Begriff. Am Ende kreiselt Ingvartsen minutenlang nackt um sich selbst, mit einem schwarzen Sack über dem Gesicht und einem Leuchtstab über dem Kopf: Sie tanzt ihn, den Horror von Abu Ghraib. Es ist nicht vorbei.

© SZ vom 08.08.2020

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