Süddeutsche Zeitung

Feldmoching:Widersprüchliche Signale

Fast 1600 Wohnungen sollen auf dem Lerchenauer Feld entstehen: Dazu konnten jetzt Bürger ihre Wünsche vorbringen, die allerdings teils konträr sind. Viele Teilnehmer fordern, erst die benötigte Infrastruktur zu schaffen

Innerhalb kürzester Zeit ist die mannshohe Stellwand zum "Kfz-Verkehr" so von gelben Zetteln übersät, dass bald die Rückseite herhalten muss. Der Raumteiler markiert eine von sieben Themenstationen, an denen die Feldmochinger im ersten öffentlichen Dialog zur geplanten Bebauung des "Lerchenauer Felds" Wünsche und Anregungen einbringen konnten, und mitteilen, was ihnen wichtig ist. Teilweise kam man gar nicht näher an die Info-Tafeln heran, so viele Bürger umringten die für Fragen zuständigen Vertreter der Stadt, die Investoren von der Wohnpark Lerchenauer Feld GmbH & Co. KG und die den städtebaulichen und landschaftsplanerischen Wettbewerb begleitenden Architekten des Münchner Büros Dragomir Stadtplanung GmbH. Und schon auf dem Weg in die Faganahalle diskutierten Bürger. Der Tenor: Erst die Straßen und Infrastruktur ertüchtigen, dann erst die Wohnungen bauen.

1600 Wohnungen sollen auf dem fast 24 Hektar großen Feld zwischen der Lerchenauer Straße und der Lerchenstraße entstehen. Dazu sind ein Schul- und Sportcampus mit einem Schwimmbad, Geschäfte, fünf Kinderbetreuungs- und andere soziale Einrichtungen geplant. Der Verkehr soll bis zu 70 oder auch 80 Prozent über die Lerchenauer Straße, zu 20 bis 30 Prozent über die Lerchenstraße geleitet werden. Eine Anbindung zur Ponkratz- und Josef-Zintl-Straße ist nicht vorgesehen.

Das Thema Verkehr bewegte denn auch viele der etwa 200 anwesenden Feldmochinger. Die Straßen seien nicht zuletzt wegen der Bahnübergänge schon jetzt am Limit, der ÖPNV unzureichend und völlig überlastet, war nicht nur zu lesen, sondern auch in Gesprächen zu hören. In Hochmutting entstehe ein Baugebiet für 1100 Einwohner, doch laut einem Verkehrsplaner seien nur mit 130 zusätzlichen Pkw in der Rushhour zu rechnen. "Das soll mir mal jemand erklären", sagte ein Besucher. Auch an der Ratold- und Raheinstraße werde ein Quartier mit 900 Wohnungen hochgezogen. Feldmochings Hauptdilemma jedoch sei der Durchgangsverkehr aus dem Landkreis Dachau zu BMW. Den müsste man vernünftig außen herum lenken, forderte er. Einige sehen eine Verlängerung der Lassallestraße nach Norden als Lösung, andere wollen dies auf keinen Fall.

Konträre Standpunkte gab es auch an der Station "Städtebau und Wohnungsbau". Zu viele Wohnungen, zu wenige Wohnungen, keine Hochhäuser oder nur Hochhäuser, damit viel Grün erhalten bleibe, lauteten die Statements. Wichtig für die meisten ist jedoch ein rücksichtsvoller Übergang von der neuen Bebauung zum Bestand. Und jemanden beschäftigen offenbar schon Einrichtungsfragen: "Keine Einbauküchen", hieß es auf einem der Zettel. Und an die Architekten, Planer und Investoren gerichtet: Ihnen solle klar sein, dass ihr Vorhaben den sozialen, optischen und gewachsenen Charakter eines ganzen Stadtteils zerstöre. Zur Verbesserung des ÖPNV forderten Bürger die Öffnung des Bahn-Nordrings für Personenverkehr, eine U-Bahn-Verlängerung in verschiedenen Ausführungen bis hin zu einer Ringbahn, eine Trambahn zwischen U-Bahn und Olympia-Einkaufszentrum und die Erschließung neuer Linienwege der Busse.

Für völlig unvereinbar hielt eine Frau, eine Immobilienmaklerin, das Projekt in einer Pause. Einerseits werde zur Rettung der Bienen aufgerufen, andererseits alles "zubetoniert". Um weiteren Zuzug zu stoppen, müssten Regierung und Politiker endlich strukturschwache Gebiete attraktiv für Firmen machen.

Dennoch verlief der erste Bürgerdialog sehr sachlich. Er ist nur einer von dreien bis zum Bebauungsplanverfahren von 2020 an. Alle Wünsche werden dokumentiert und den Teilnehmern des Wettbewerbs als Protokoll mitgegeben, versicherte Moderatorin Ursula Ammermann.

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SZ vom 07.02.2019
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