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Feldmoching/Hasenbergl:Aus der Isolation

Der Stadtteilverein 2411 bietet internationalen Künstlern statt des Auftritts im eigenen Zentrum eine Online-Bühne. Aus den Beiträgen von Malern, Musikern, Sängerinnen und Fotografen entsteht ein facettenreiches Video-Clip-Festival

Von Annette Jäger, Feldmoching/Hasenbergl

"Der Himmel in einem Zimmer", "Il cielo in una stanza", singt der Jazzsänger Giacomo Di Benedetto. Man sieht ihn dabei mit seiner Gitarre am Fenster sitzen, Fotos sind in Bilderrahmen auf der Fensterbank zu sehen und lassen unscharf Strandszenen unter blauem Himmel erkennen. In Zeiten, in denen jeder aufgefordert ist, zuhause zu bleiben, haben die Textzeilen der Ballade von Gino Paoli ganz besondere Bedeutung. Der Himmel in einem Zimmer. Man muss sich in diesen Tagen vieles nach Hause holen, was derzeit nicht anderswo stattfinden und erlebt werden kann - auch die Kultur.

Das kann durchaus gelingen - wie, das zeigt Kathrin Göttlich vom Verein Stadtteilkultur 2411, dem Kulturverein der zwei Stadtbezirke Feldmoching/Hasenbergl und Harthof. Schon als im März deren Bühne im Kulturzentrum geschlossen und Veranstaltungen abgesagt werden mussten, keimte in ihr die Idee auf, ein Projekt zu starten, das ein Zeichen der Solidarität und der Wertschätzung der Künstler setzen sollte. Es sei schnell erkennbar gewesen, welche Folgen die Einschränkungen für die Künstler haben würden, sagt Göttlich. "Keine Auftritte, keine Gagen. Und das für lange Zeit." So hat sie Künstler verschiedenster Nationen - die meisten leben in München und sind schon mal im Kulturzentrum 2411 aufgetreten - angerufen und vorgeschlagen, einen etwa 15-minütigen Video-Clip zuhause zu drehen und auf diese Weise ihre Musik hörbar und ihre Bilder sichtbar zu machen.

Die meisten waren von der Idee begeistert und haben sofort zugesagt, berichtet sie. Die Musiker und Theatermacher, Fotografen und ein Maler haben für ihre Mühe eine kleine Gage erhalten, als Unterstützung in diesen gagenfreien Zeiten. "Manche haben die technischen Herausforderungen auch erst mal unterschätzt", so Göttlich. Auf der Bühne gibt es Ton- und Lichttechniker - jetzt musste alles selbst umgesetzt werden. Was fehlte, war auch die Atmosphäre, zu der das Publikum sonst beiträgt: Applaus, Lachen, spontane Reaktionen. Jetzt mussten die Kulturschaffenden mit einem Bildschirm interagieren.

Am Ende aller Mühen sind 17 Videoclips unter dem Titel "gemeinsam" exklusiv für die Stadtteilkultur 2411 entstanden, online abzurufen unter www.stadtteilkultur2411.de. Es ist ein kleines Online-Festival geworden, wie die kubanische Pianistin Yamile Cruz Montero es in ihrem Beitrag nennt. Und es ist höchst facettenreich, was sich die Künstler haben einfallen lassen. So improvisiert der Musiker Adrian Gaspar mit anderen Musikern, die er online zugeschaltet hat. Der Fotograf und Video-Artist Mariano von Plocki hat einen aufwendigen schwarz-weiß Film gedreht, der unter dem Titel "Die Chance" in nachdenklichen Bildern um die Frage kreist, ob die derzeitige Corona-Krise auch etwas Gutes bewirken kann, ob sie nicht eine Chance sein kann, innezuhalten und die eigene Verwundbarkeit zu erkennen.

Es gibt viel Musik zu hören, unter anderem der finnischen Sängerin und Songwriterin Tuija Komi, deren Auftritt in der Stadtteilkultur abgesagt werden musste. Der Pianist und Komponist Tommaso Farinetti hat Szenen des Stummfilms "Il fuoco" aus dem Jahr 1916 vertont, es tritt außerdem das Theater Kunstdünger mit Christine Ahlhelm und Lydia Starkulla auf. Die beiden haben in einem liebevollen Beitrag Szenen eines vergangenen Live-Auftritts in der Stadtteilkultur mit neuen Szenen, in denen sie das Zuhausebleiben thematisieren, zusammengeschnitten. Bewegend ist auch der Beitrag des Künstlers Beppe Mora, der in Treviso, in Italien lebt und die Zuschauer an einem "weiteren Tag seiner Isolationshaft" teilhaben lässt. Der Zuschauer kann dabei dem Künstler über die Schulter blicken und ihn beim Malen seiner Bilder beobachten. Viele Künstler erlauben wie Mora berührende Einblicke in ihr privates Umfeld und Ihr Schaffen.

Die Corona-Krise bringt trotz aller Einschränkungen auch Neues hervor: das Internet war bisher "nicht unser Medium" für Kulturarbeit, sagt Göttlich, "jetzt schon". Und trotzdem ist das persönliche Treffen noch viel besser. Irgendwann, wenn das alles vorbei ist, will sie ein großes Fest veranstalten und alle Künstler einladen. Bis dahin kann man es nur halten wie der Musiker Stefan Grasse in seinem Beitrag singt: "Corona, don't let bring us down."

© SZ vom 05.05.2020

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