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Feldafing:Missbrauch im Kinderheim

In der ehemaligen Einrichtung in Feldafing soll es in den Sechzigerjahren zu schwerer sexualisierter Gewalt und Misshandlungen an Kindern gekommen sein. Das berichten frühere Bewohner.

Von Rainer Stadler

In einem ehemaligen Kinderheim in Feldafing am Starnberger See soll es in den Sechzigerjahren zu schwerer sexualisierter Gewalt und Misshandlungen an Kindern gekommen sein. Das geht aus einer Mitteilung des Paritätischen Wohlfahrtsverbands hervor, der damals Träger des Heims war. Eine private Recherchegruppe habe den Vorstand des Verbands Ende September kontaktiert und Berichte ehemaliger Bewohner des Heims vorgelegt. Diese Berichte stufe der Paritätische Wohlfahrtsverband "als glaubhaft und sehr ernstzunehmend ein". Vorstandsmitglied Margit Berndl sagte: "Wir sind zutiefst entsetzt über die Berichte der Betroffenen. Dass Kinder in einer ehemaligen Einrichtung unseres Verbandes unvorstellbare Gewalt und Leid erlitten haben, berührt uns tief."

Nach SZ-Informationen nahm die Einrichtung von 1952 bis 1972 Kinder auf, darunter viele aus München. An der Recherchegruppe, die den Verband über die Vorfälle informierte, sind frühere Heimkinder beteiligt, die aber in anderen Einrichtungen lebten. Der Kontakt zu den früheren Bewohnern des Hauses in Feldafing soll während eigener Nachforschungen der Gruppe zur Situation in Heimen in der Nachkriegszeit entstanden sein. Die Recherchegruppe wandte sich an den Paritätischen Wohlfahrtsverband, um finanzielle Hilfe für die ehemaligen Bewohner des Heims in Feldafing zu erbitten, die teils in prekären Verhältnissen leben sollen.

Der Paritätische Wohlfahrtsverband kündigte an, einen mit Expertinnen und Experten besetzten Beirat einzurichten, der wiederum ein unabhängiges externes Aufarbeitungsteam beauftragen soll, um "die Strukturen und Verantwortlichkeiten umfassend" aufzuklären. Er solle auch Empfehlungen abgeben, wie Betroffene unterstützt werden können. Der Paritätische Wohlfahrtsverband wies darauf hin, Betroffene könnten sich auch an die bayerische Anlaufstelle für ehemalige Heimkinder wenden und sich dort beraten lassen.

Zudem heißt es in der Mitteilung, es habe bereits vor zehn Jahren Kontakt zwischen einem damaligen Vorstand des Paritätischen Wohlfahrtsverbands und einem früheren Bewohner des Feldafinger Heims gegeben, der "leider nicht weiterverfolgt" worden sei. Berndl erklärte, ihr Haus übernehme als Träger der Einrichtung "Verantwortung für eine umfassende Aufklärung und Aufarbeitung" der damaligen Geschehnisse. "Sexualisierte Gewalt und Misshandlungen dürfen Kindern nicht angetan werden."

© SZ vom 28.10.2020
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