„Thomas Müller! Mit der 25!“, ruft Peter „Piet“ Giedigkeit über die Anlage mitten im Englischen Garten. Thomas Müller dreht sich zu seinem Trainer um. Der Junge mit dem Trikot des ehemaligen Bayern-Spielers wird herangewunken. „Kommst du auch dazu, es geht los.“ Dieser Thomas Müller ist nur eines von vielen Kindern, die in Trikots des FC Bayern erschienen sind Mitte April zur zweiten Trainingswoche. Was zum einen daran liegt, dass in München viele Kinder in vielen Sportarten den Dress der Bayern-Kicker tragen. Aber zum anderen auch, dass der Fußballverein, den es nun seit Kurzem mitten in der Stadt neu gibt, so jung ist, dass noch keine Zeit war für die Beschaffung von eigenen Klamotten samt Logo.
Auch der Trainer Piet Giedigkeit ist an diesem Donnerstagnachmittag mit dem runden Logo des deutschen Rekordmeisters auf dem Trainingsanzug da. Um die Kinder auf einer Wiese zu trainieren, die zu dem Zeitpunkt vor allem noch von Gänseblümchen und Löwenzahn bespielt wird. Und um die Geschichte zu erzählen, wie und warum es nun im an Fußballvereinen eher saturierten München den Jugendfußballverein FC Englischer Garten gibt, der vielleicht noch nicht für seine Erfolge zu beneiden ist, aber auf jeden Fall schon für seine Lage.
Umgeben ist der Platz von Monopteros, Eisbachwelle und Nationalmuseum, die nächstgelegene Haltestelle heißt Paradiesstraße, die Adresse der Sportanlage ist die Himmelreichstraße und das Ambiente erinnert eher an ein Sommerpicknick als an Schweiß geschwängerte Maloche. Und es soll auch kein normaler Fußball-Club werden, wenn es nach Giedigkeit und den anderen Gründern geht.
Der 30-Jährige wartet, bis der Junge mit dem Müller-Dress bei den anderen angekommen ist, bevor er mit der Vorstellungsrunde beginnt. Es ist halt alles noch sehr neu hier, bis auf die Schulsportanlage Hirschanger, die seit Jahrzehnten an ebendieser Adresse liegt und bei der sich Anwohner wie Passanten ebenso lange fragen, warum da nachmittags so wenig los ist. Ab und an sind am Wochenende Cricketspiele, sonst schauen die Kicker auf dem angrenzenden Bolzplatz immer neidisch auf die unberührten Wiesen und die 400-Meter-Bahn. Auch Giedigkeit war einer von ihnen. Er spricht von zwei ausschlaggebenden Erfahrungen, die ihn dazu brachten, am 11. Oktober 2025 um 20.18 Uhr eine Nachricht in sein Handy zu tippen, die dazu führte, dass mittlerweile 180 Kinder angemeldet sind und eine Warteliste eingeführt werden musste.
Zum einen ist da die persönliche Geschichte des Trainers. Giedigkeit betreute während seines Jura-Studiums vor sechs Jahren einen damals sechsjährigen Jungen, betreute ihn, etwa als Nachhilfelehrer. Der Junge spielte mittwochs beim schon seit Jahren angebotenen freien Training auf dem Hirschanger. „Er hat Fußball gehasst“, sagt Giedigkeit, „Und sagte zu mir: Keiner passt mir den Ball zu.“ Auch in der Schule auf dem Pausenhof und im Sportunterricht sei das so gewesen. Doch mit Giedigkeit und regelmäßigem Training habe das Kind dazugelernt und vor allem: „Er hat Selbstwertgefühl aufgebaut.“ Irgendwann wurde er angespielt, kickte mit, auf der Wiese und in der Schule. Und an dieser Stelle wird Giedigkeit grundsätzlich.
„Mannschaftssport hat den Jungen verändert. Zu spüren, dass Fehler erlaubt sind, dass man durchs Üben besser wird.“ Was der neue Verein will, ist natürlich schon auch, möglichst bald am Spielbetrieb teilzunehmen und gegen Teams anderer Vereine spielen. Aber vor allem möchte man hier „viel loben und den Kindern die Angst vor Fehlern nehmen“.
Giedigkeit beobachtete also seinen Nachhilfeschüler und traf immer wieder auf Anwohnereltern, die sich die Frage stellten, die wohl jeder Lehel-Bewohner schon mal im Kopf hatte: Warum ist denn da nie was los? Auf dem Hirschanger, der vielleicht schönsten Sportanlage des Planeten, mindestens aber der Stadt. Irgendwann tippte Giedigkeit also eine Nachricht und schickte sie in die Gruppe der Beteiligten am freiwilligen Mittwochstraining. Die Folge ist auf der Webseite des Vereins zu sehen: das Foto der zwölf Gründungsmitglieder des FC Englischer Garten vom 11. November 2025.

Giedigkeit hat an diesem Nachmittag beim Training mit dem kleinen Thomas Müller und 13 weiteren Jungs bis acht Jahre die Begrüßungsrunde durch und erklärt den „Trick der Woche“ namens Tip-Tap. „Den Ball mit dem einen Fuß zur Seite schieben und dem anderen nach vorne drücken.“ Tip, Ball zur Seite, Tap, Ball nach vorne. Und so bearbeiten die Jungs – auch zwei Mädchenteams sind schon im wöchentlichen Trainingsbetrieb – den noch nicht gemähten Rasen.
Kindertraining, das bedeutet: klare und kurze Ansprache, einfache Ausdrücke. Giedigkeit erklärt die nächste Übung: „Den Ball nur mit der Sohle berühren, also das, was unter dem Fuß ist.“ Und wenn er über seinen Verein spricht, hat er auch ein paar kompakte Sprachformeln parat: „Entwicklung vor Ergebnis“ zum Beispiel. „Natürlich könnte man den größten Spieler nach vorne stellen und immer mit langen Bällen anspielen, aber dann haben wenige Kinder den Ball am Fuß.“ Klar gehe es auch darum, zu gewinnen, aber nicht um jeden Preis. Ball am Fuß, Ball am Schläger, Ball in der Hand – das sind längst etablierte Faktoren, die über Spaß und sportliche Entwicklung der Kinder in Ballsportarten entscheiden. Nicht das Ergebnis, zumindest nicht nur das Ergebnis.
Giedigkeit hat auch selbst Fußball gespielt, in Oldenburg, wo er herkommt. Aber vor allem war er Schiedsrichter, und so geht er auch an den Sport ran: mehr Fairness als Vollgas, mehr Miteinander als Meisterschaften. „Wir wollen Fair Play und den Kindern beibringen: Es ist cool, freundlich zu den anderen zu sein.“ Was beim Fußball ein größeres Thema ist, denn die Berichte über pöbelnde Eltern bei Jugendspielen am Spielfeldrand nehmen seit Jahren zu. „Wenn Eltern oder sogar Trainer sich daneben benehmen, kopieren das die Kinder“, sagt Giedigkeit. Und was macht er dann, um ein gutes Miteinander zu schaffen? „Wir sprechen darüber, auch über unsere Philosophie, mit den Kindern.“
Der Verein ist gegründet, die Trainingszeiten stehen, ebenso gibt es genug Tore und Bälle. Fehlt noch der Spielbetrieb. „Derzeit hat der Cricketverein das ausschließliche Recht, die Anlage am Wochenende zu nutzen“, sagt Giedigkeit. Voraussetzung für eine Teilnahme am Spielbetrieb ist aber, auch Heimspieltage anbieten zu können, die an den Wochenenden stattfinden, was deshalb noch nicht geht. Das Verhältnis des FC Englischer Garten zum Bezirksausschuss und zur Stadt sei sehr gut, sagt Giedigkeit mehr als einmal. Man habe Hoffnung, da auch ein paar Zeiten zu bekommen demnächst. Und dann wird der FC Englischer Garten mit Piet Giedigkeit und einem seiner Trainerkollegen an der Seitenlinie antreten, vielleicht ja mit einem surfenden Monopteros als Club-Logo. Das Saisonziel ist aber auf jeden Fall schon klar: „Viele Kinder ausbilden, die mit Mut und Spielfreude auf dem Platz stehen und gerne wiederkommen.“

