Faust-Festival ab Freitag Der Illusionist

Der Künstler und Bühnenbildner Philipp Fürhofer schafft in der Hypo-Kunsthalle Scheinräume zu Goethes "Faust"

Von Barbara Hordych

Wer derzeit die Rotunde der Kunsthalle Schirn in Frankfurt betritt und nach oben schaut, hält unwillkürlich inne. Erblickt er doch sich selbst, nach unten hängend von einer fiktiven Decke wie eine Fledermaus. Kurz darauf wechselt die Perspektive, die Rotunde öffnet sich nach oben, erstreckt sich ins Unendliche. Das eigene Spiegelbild erscheint als winzige Figur. Der computergesteuerte Perspektivenwechsel von einem sich weitenden zu einem sich verengenden Raum erfolgt alle 13 Sekunden in der Installation "(Dis)connect" des Augsburger Künstlers Philipp Fürhofer, der inzwischen in Berlin lebt und arbeitet. Die mit Spiegeln aus hauchdünner Plastikfolie erschaffene temporäre Illusion ereile die Besucher sozusagen im Vorübergehen, "wenn sie gar nicht damit rechnen", amüsiert sich der Künstler, lässig in Jeans und Sakko, bei einem Treffen in München.

In der Landeshauptstadt arbeitet Fürhofer seit zwei Jahren am Design der Ausstellung "Du bist Faust - Goethes Drama in der Kunst" in der Hypo-Kunsthalle, der zentralen Schau des Faust-Festivals, das am Freitag beginnt. Vor zwei Monaten dann begann er parallel, als eine Art "Satellit", ein elf Meter langes Schaufenster bei Ludwig Beck zu entwickeln. Ähnlich wie in der Schirn erwarte die Passanten dort nun ein "beiläufiges" Erlebnis, so Fürhofer. Beim neugierigen Blick durch einen Bildausschnitt im ganzflächig verspiegelten Schaufenster entdecken sie plötzlich ihr eigenes Konterfei inmitten einer Kunstkomposition. Doch die Wahrnehmung ist trügerisch. Wer betrachtet hier wen? Die Passanten die Schaufensterpuppen, oder ist es eher umgekehrt?

In den Rängen der Pariser Nationaloper war einst Charles Gounods "Faust"-Oper zu sehen.

(Foto: Robert Haas)

Um diesen Effekt zu erreichen, wurde die Schaufensterscheibe mit einer semitransparenten Spionspiegelfolie beklebt und die Rückwand des Schaufensters vollflächig mit Glasspiegeln ausgestattet. Die Innenseite des Schaufensters wiederum ist mit einer "Sternenhimmel"-Tapete beklebt, die auch innerhalb der Faust-Ausstellung bei der Szene "Prolog im Himmel" verwendet wurde. Sie hat allerdings große Aussparungen, die durch historische Goldrahmen abgesetzt sind; die Originale sind wertvolle Leihgaben aus dem Fundus des Münchner Sammlers Werner Murrer, der auch Jugendstilrahmen des Malers Heinrich von Zügel, eines Nachbarn von Franz von Stuck, zur Verfügung stellte.

Durch den gezielten Einsatz der Spiegel entstehen unendlich viele Reflexionen der Schaufensterfiguren. Ein optischer Trick, den sich Baumeister in Schlössern und Kirchen ebenso wie Bühnenbildner in Theatern schon seit Jahrhunderten zunutze machten. Bei Fürhofer ist neben den Betrachtern und Passanten auch das Umfeld des Marienplatzes in das Gesamtbild integriert. Das Spiel mit der Illusion setzte der 35-Jährige auch schon in seinen Arbeiten für international renommierte Opernhäuser ein, etwa für Covent Garden in London, für die Opern von Amsterdam, Kopenhagen, Karlsruhe und Luzern.

Philipp Fürhofer richtet in der Kunsthalle die Gartenkulisse für Faust und Gretchen her.

(Foto: Robert Haas)

Direkt im Anschluss an München geht es auch schon wieder weiter nach Bern, zu den Proben der Oper "Carmen", für die er das Bühnenbild und die Kostüme entwarf. "Viel Zeit, meine Eltern in Augsburg zu besuchen, wird dabei leider nicht bleiben", sagt Fürhofer. Ein leidenschaftlicher Theatergänger war er schon als Kind, "die Augsburger Puppenkiste war einer meiner Lieblingsorte, als Jugendlicher begeisterten mich Opern im Stadttheater". Nach seiner Ausbildung als klassischer Konzertpianist entschied er sich dann doch für die Malerei, er kennt ihn also gut, den Widerstreit zweier Seelen in seiner Brust.

Womit der Brückenschlag zum Faust-Drama und der Kunsthallen-Schau vollzogen wäre. "Wahrscheinlich wurde ich für die Ausstellung angefragt, weil den Verantwortlichen klar war, wenn man dazu etwas Konventionelles macht, wird das stinklangweilig", überlegt Fürhofer. Wobei er durchaus konventionell an die Aufgabe heranging: "Ich hatte den Faust zwar in der Schule gelesen, aber das war dann doch so lange her, dass ich mir zunächst noch einmal gründlich den Text vorgenommen habe". Das Stück gebe in seinen Augen eine "sehr klare Dramaturgie" vor, die für die Konzeption seines "Parcours" maßgeblich war. Der besteht aus 13 Räumen, die thematisch wichtigen Szenen aus "Faust" zugeordnet sind: Ausgangspunkt ist der bereits erwähnte Prolog im Himmel, in dem der Herr und Mephisto ihre folgenreiche Wette schließen, ob sich Faust durch böse Mächte verführen lasse. In den nachfolgenden Räumen hat Fürhofer den Hauptdarstellern wie Mephisto, Faust und Gretchen "eine Bühne bereitet". "Urmenschliche Themen wie Verführbarkeit, das Streben nach Entgrenzung und Unsterblichkeit" würden dort verhandelt. Wobei Fürhofer großen Wert darauf legte, "die zentralen Aspekte auch an Besucher zu vermitteln, die das Drama gar nicht kennen".

Die Exponate zu 200 Jahren Rezeptionsgeschichte, mit denen die Kuratoren etwa Fausts Studierstube oder das taghelle Gretchen-Zimmer bestückten, reichen von Gretchen-Postkarten, wie sie zu Kaisers Zeiten massenhaft gedruckt wurden, bis hin zu Mephisto-Darstellungen von Eduard von Grützner oder Robert Mapplethorpe. Dazu immer wieder der Einsatz von Spiegeln, in denen sich die Betrachter selbst erblicken, getreu dem Motto "Du bist Faust". "Es ist nicht so, dass ich von meinem eigenen Spiegelbild besessen wäre. Aber der Spiegel ist für mich ein Werkzeug, das so viele Inhalte transportieren kann: Er wirft den Betrachter auf sich selbst zurück und gleichzeitig eröffnet er den Raum zur Unendlichkeit."