Fassbinders "Satansbraten" an den Kammerspielen Genie und Kopie

Tolle Nachahmerei: Mit dem Film "Satansbraten" legte Rainer Werner Fassbinder 1976 eine fiese Künstlerkomödie vor - bissig, zynisch, abgefahren. Regisseur Stefan Pucher beamt das jetzt genauso überdreht vom Celluloid auf die Bühne der Münchner Kammerspiele.

Von Christine Dössel

Hätte man sich vorher nicht den durchgeknallten Film "Satansbraten" zu Gemüte geführt, man würde kaum glauben, dass der Kokolores da vorn auf der Bühne tatsächlich - und haarklein - von Rainer Werner Fassbinder ist. Dessen Domäne war schließlich das Melodram, der emotionale Problembezirk, in dem Liebe kälter ist als der Tod, Angst die Seele aufisst und Petra von Kant bittere Tränen weint.

Dichter-Pos(s)e: Wolfgang Pregler führt sich auf wie Stefan George. Edmund Telgenkämper kniet vor ihm.

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Mit dem Film "Satansbraten" aber legte Fassbinder 1976 eine krasse Farce auf den linken Kunst- und Kulturbetrieb seiner Zeit vor, eine sarkastische Post-68er-Künstlerkomödie, bissig, zynisch, abgefahren. Und Stefan Pucher beamt das jetzt genauso überdreht - mangels Zeitnervtreffer nur ein bisschen weniger ätzend und kulturkritisch schmerzend - vom Celluloid auf die Bühne der Münchner Kammerspiele: Lichtspieltheater, beinahe eins zu eins, von Stéphane Laimé (Bühne) und Tina Kloempken (Kostüme) kongenial ausgestattet.

Im Zentrum steht der klamme Schriftsteller Walter Kranz, dem es nicht an Sex-Gespielinnen, wohl aber an Eingebungen fehlt. Im Film gespielt von einem fieberwahnwitzigen Kurt Raab auf Speed - oder was immer das für eine Droge ist, die ihn fiepsen, kläffen und wie irre abgehen lässt -, holt ihn der robustere Wolfgang Pregler mehr in die innerlich-elitaristische Ecke blasierter Dichterarroganz, das Egomanie- und Gemeinheitsmonopol seiner Rolle genüsslich auskostend. Groß!

Gefeiert als Dichter der 68er-Revolution, bringt Kranz nichts mehr zu Papier und ist entsprechend abgebrannt. Zu Hause hat er eine keifende Frau (Annette Paulmann) und einen debilen Bruder (Thomas Schmauser) zu ernähren, der Verleger rückt keinen Pfennig Vorschuss mehr raus, und als Kranz bei der nymphomanisch-masochistischen Irmgart von Witzleben (Genija Rykova) einen Scheck erbettelt, bringt er sie zum Höhepunkt lustmörderisch um. Weshalb von da an ein Inspektor (Edmund Telgenkämper) durch den Plot geistert.

Aber eigentlich geht es um Kohle und Kult, Genie und Kopie, um die Verstiegenheit und Verkommenheit des Kulturbetriebs. Als Kranz endlich wieder ein Gedicht zustande bringt, ist es blöderweise ein Plagiat: "Der Albatros" von Stefan George. Woraufhin sich Kranz, der Stein und Bein schwört, das Gedicht nicht geklaut zu haben, ganz und gar in George verwandelt, dessen Habitus und Stil imitiert und junge Männer dafür bezahlt, seinen George-Kreis zu bilden. Als Luise ihren Mann darauf hinweist, er könne gar nicht Stefan George sein, weil der nämlich schwul war ("Der hat's erfunden!"), holt sich Kranz in der Bahnhofstoilette sogleich ein männliches Probe-Exemplar. Aber auch das geht nicht gut.

Nur eine hält in sklavischer Ergebenheit fest zu ihrem Idol: das späte Mädchen Andrée, angereist aus der Provinz, um sich von Kranz jederzeit demütigen zu lassen. Im Film ist das Margit Carstensen: kurzhaarig, altjungferlich, quälend devot. Mit großen Kulleraugen hinter panzerglasdicken Brillengläsern. Brigitte Hobmeier als ihre Wiedergängerin sieht genau so aus. Was für eine Verkleidung! Wie sie mümmelnd die Zähne vorschiebt - man erkennt sie kaum. Es ist von bösartiger Komik, wie maßlos diese Frau Geniekult betreibt - Fassbinder nimmt da durchaus sich selbst und seine Gruppe aufs Korn -, wie widerspruchslos sie sich erniedrigen lässt und sogar hinnimmt, dass sie im Kohlenkeller vergewaltigt wird. Brigitte Hobmeier spielt das kolossal gut - und ist umso frappierender, als sie im Kontrast dazu Kranz' lasziv-mondäne Geliebte Lisa gibt und in dieser Ingrid-Caven-Rolle all ihre divenhafte Erotik und Fassbinderfrauen-Tauglichkeit demonstrieren kann.

Glücklich das Theater, welches solche Schauspieler hat! Die Münchner Kammerspiele - und hier muss man jetzt einfach mal Fan sein dürfen - haben immer noch die besten, das zeigt sich gerade im perfekten Zusammenspiel. Annette Paulmann als Helen-Vita-Double: eine Wucht. Thomas Schmauser, der schwachköpfige Kranz-Bruder mit dem Fliegen-Tick: kostbar, sonderbar, wunderbar.

Auch Edmund Telgenkämper schlägt sich als (falscher) Inspektor, Banker und Stricher glänzend. Alle außer Pregler übernehmen mehrere Rollen, stimmen nachtschöne Songs von Leonard Cohen oder Lana Del Rey an, und auch die junge Schauspielabsolventin Genija Rykova kann in dieser Top-Runde so locker wie selbstbewusst mithalten. Dass sie sich als Prostituierte nicht nackt auszieht - wie in dem recht freizügigen Film -, geht völlig in Ordnung. Im Theater ist Nacktheit etwas viel Direkteres, und sexy ist die Inszenierung auch so.

Daran, dass sich der Erfolg im Kielwasser Fassbinders zusammenstrudelt, mag sich stören, wer will. Das Copy-and-Paste-Verfahren jedenfalls liegt beim "Satansbraten" nicht so fern. So, wie der Protagonist Kranz Stefan George imitiert, welcher sein Gedicht "Albatros" wiederum von Baudelaire übernahm, covert Pucher nun den Fassbinder-Film. Nehmen wir's als Kulturtechnik, und die bewirkt hier vor allem: einen Heidenspaß.

Weil die Übertragung auf das pfiffig-variable Bühnenset toll funktioniert. Und auch technisch ist der Abend mit seinen vielen Live-Drehs vor und hinter den Kulissen grandios gemacht. Er hat Tempo und Timing und das krude Happy End des Originals. Nach Martin Kušejs Erfolg mit "Die bitteren Tränen der Petra von Kant" im Marstall (SZ vom 5. 3.) ist Puchers "Satansbraten" ein weiterer Beweis dafür, dass Fassbinders Stoffe immer noch zünden. Zumindest in München, wo das Fassbinder-Revival zum 30. Todestag des Künstlers als gelungen gelten kann.