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Faschingstest in München:Jeck ist anders

München will immer alles haben. Also gibt es hier auch einen Fasching. Der ist oft ungezwungen, originell und lustig, manchmal auch ein wenig steif. Dem Original am nächsten kommen die Feste des Köln-Münchner Karnevalsvereins. Der Münchner Fasching im Test.

Von Franziska Hein

Fasching, passt das überhaupt nach München? Über diese Frage wird schon lange kontrovers diskutiert. Die SZ hat eine Reporterin in den Münchner Fasching entsandt, die vom närrischen Treiben etwas versteht. Denn sie stammt aus dem Rheinland, wo der Karneval zu Hause ist.

Der Taxifahrer auf dem Weg zur ersten Veranstaltung schnaubt erst ungläubig und bemerkt im mitleidigen Ton: "Nein, da sind Sie einem nicht existenten Phänomen auf der Spur." Jedenfalls zeigen die Münchner, so der erste Eindruck, kein besonderes Interesse am närrischen Ausnahmezustand. Drei Faschingsfeste werden auf ihren jecken Wert getestet: Die Soiree der Narrhalla im Bayerischen Hof - immerhin eine Faschingsgesellschaft mit proklamiertem Prinzenpaar -, das Weiße Fest in der Max Emanuel Brauerei und die Karnevalsparty des Köln-Münchner-Karnevalsvereins.

Zu prunkvoll für Karneval

Eines ist klar, die Kulisse im Bayerischen Hof ist viel zu prunkvoll für eine Karnevalsveranstaltung. Schließlich herrscht in der fünften Jahreszeit verkehrte Welt. Es geht um den Rollentausch, um den Bruch mit der Konvention, um die Umkehr der Hierarchien. Immerhin tragen Manuel I. und Astrid I. den Rathausschlüssel in der Tasche - ein Zeichen für die Herrschaft der Narren. Doch die Soiree ist ein gesellschaftliches Ereignis.

Dass der Ball französisch-vornehm "Soiree" heißt, ist bereits das erste Indiz dafür, dass hier die Reichen und Schönen tanzen. Mit Straßenkarneval hat das wenig zu tun. Seine Tollität, Prinz Manuel, sieht in seiner dunkelblauen Uniformjacke mit der roten Schärpe aus wie König Ludwig II. In perfekter Haltung wirbelt er seine Prinzessin im Walzertakt über die Tanzfläche. Narrenfreiheit ist hier nicht erlaubt. "Sehr verehrte Damen und Herren", so grüßt das Prinzenpaar streng nach Etikette. Ehrlich, das wirkt wie vom Teleprompter abgelesen.

Eine Überdosis Etikette

Ein atemberaubender Moment ist der Auftritt der Debütanten. Zur Melodie von "One Moment in Time" schreiten sie elegant die Treppenstufen herab. Statt Anmut und Grazie auszustrahlen, wirkt der Auftritt allerdings eher steif und pathetisch. Trotzdem ist er schon der vorauseilende Höhepunkt des Abends.

Auch das folgende Programm wird mit tierischem Ernst statt karnevalesker Leichtigkeit vorgetragen. Keine Spur von Ironie oder Eigenwitz. Selbst das fröhliche Schunkeln ist in München offenbar unerwünscht. Da zischt die Frau vom Nachbartisch: "Wir sind hier nicht in Köln. Im Fasching wird nicht geschunkelt." Schade! Auch ein Tusch oder ein gejubeltes Alaaf oder Helau für das Prinzenpaar ist schon zu viel. Nur die Tanzgarde der Narrenzunft Gelb-Rot Koblenz vermag es, die Ernsthaftigkeit für einen Augenblick zu unterbrechen. Die bunte Performance sorgt im Saal für Furore.

Näher kommt das Ballpublikum an diesem Abend dem Karneval nicht. Wenn man das Fest jedoch als das sieht, was es eigentlich ist - eine Tanzveranstaltung -, dann amüsiert man sich hier gut. Es ist ein betont stilvoll inszenierter Abend mit so viel Zuckerguss wie weißen Rüschen an den Kleidern der Debütantinnen.

Wo Metzger und Engelchen gemeinsam feiern

Die Weißen Feste in der Max Emanuel Brauerei entsprechen schon eher der Idee des Karnevals. Schließlich wurden sie als Gegenveranstaltung zu den Faschingsbällen gegründet. Sie sind ein Relikt des Künstlerfaschings. "Das Weiß macht alle gleich", erklärt Stephan Gloxhuber, der die Feste ausrichtet. Hier hat sogar schon der Monaco Franze gefeiert. So wurde die Fete zur Münchner Faschingslegende.

Das weiße Interieur strahlt auf die Gäste ab. Alle sehen blendend aus, und weil bei manchen die Unterwäsche durchblitzt, geht es schnell hemmungslos zu. Hier trifft man auf skurrile Gestalten und aufwendige Verkleidungen. Natürlich sind auch die Kostüm-Klischees vertreten wie Krankenschwestern und Ärzte, Matrosen und Kapitäne oder Engelchen. Doch haben sich auch eine Dame im venezianischen Kleid, ein Vampir und ein Metzger mit blankem Hintern auf die Tanzfläche verirrt.

Niemand muss alleine nach Hause gehen

Ein bisschen Glamour darf auch hier nicht fehlen - das Fest wird mit einem Walzer eröffnet. Das Motto wird auch vor der Tür konsequent verfolgt. Wer zum Rauchen nach draußen geht, legt sich eine weiße Fleece-Decke um die Schultern, damit sich die Mädchen im knappen Engelchen-Kostüm nicht verkühlen. Die Weißen Feste sind atmosphärisch, gesellig und auch ein bisschen jeck. Am Ende der Nacht muss hier niemand alleine nach Hause gehen.

Doch wie könnte es anders sein: Der Köln-Münchner Karnevalsverein kann den Karneval am besten. Unter dem Motto "La Isla Colonia" feiern hier echte Jecken. Der DJ, der eigens aus Köln geholt wurde, legt nur originale Karnevalslieder von den Höhnern oder den Bläck Föös auf.

Das Herz eines wahren Kölners schlägt dann höher, wenn "Viva Colonia" von den Höhnern erklingt. Aus voller Brust singen die Münchner den Refrain mit: "Wir lieben das Leben, die Liebe und die Lust. Wir glauben an den lieben Gott und ham auch immer Durst." In dieser Hinsicht scheinen sich Kölner und Münchner wunderbar zu verstehen.

Erstaunlich textsicher ist das Publikum auch bei der Hymne des FC Kölle. Auf Rheinländer im Münchner Exil wirkt es sehr charmant, wenn eingefleischte Bayern-Fans plötzlich mit dem FC Köln sympathisieren. Komm loss ma fiere, das funktioniert am besten hier. Deswegen befindet sich auch Martina Pourrier unter den Gästen an diesem Abend. Sie war das Funkenmariechen der "Kölschen Funken rut-wiess". Bis letztes Jahr schwang sie dort das Tanzbein. Vor zwei Jahren hatte sie auf der Karnevalsparty des KMKV mit den Funken einen Auftritt und war begeistert von der Stimmung - "besser als in Kölle", glaubt sie. "Es war klar, wenn ich nicht mehr tanze, komme ich wieder zum Feiern. Gesagt, getan - da bin ich!" Recht hat sie, denn die Stimmung ist ausgelassen und närrisch.

Ein herzliches "Bützje" hinterlässt auf jeder Wange einen Herzabdruck. Zum Karnevals-Klassiker "Die Karawane zieht weiter" bildet sich sogar eine Polonaise. Das ist Fasching für Fortgeschrittene - ohne Kitsch und Brimborium, nur die pure Lust am Feiern und mit Gaffel-Kölsch, wie es sich gehört. Fazit: Zum Karneval doch lieber nach Köln, aber ein Besuch zum Oktoberfest ist fest geplant. Dann herrscht auch in München Ausnahmezustand.

© SZ vom 28.01.2013/infu

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