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Fasching in München:Schunkeln in der Kirchenbank

Faschingsgottesdienst, Schunkelmesse, St. Maximilian Kirche, hier alles nach der Messe!

Bunte Messe: Pfarrer Rainer Maria Schießler (mit Faschingshut) mit Prinzenpaar der Wurmesia schunkelt selbst auch gern.

(Foto: Florian Peljak)

Der Stadtpfarrer und Ehrensenator der Narrhalla Rainer Maria Schießler richtet Münchens ersten Faschingsgottesdienst aus

Der obskure Höhepunkt dieses etwas anderen Gottesdienstes ist bei den Fürbitten erreicht. Kaum sind die letzten Worte des Glaubensbekenntnisses in der Weite der St. Maximilianskirche verhallt, spielt die Kapelle ein paar Takte "In München steht ein Hofbräuhäus". Hoppala. Weiter in der Liturgie: noch eine Fürbitte, diesmal folgt "Oh, wie ist das schön". Der Pfarrer spricht: "Lasset uns beten für alle, die ihr letztes Helau oder Alaaf gerufen haben!" - und die Band spielt "Wir kommen alle alle alle in den Himmel". Noch eine Fürbitte, die Orgel tönt "Ich war noch niemals in New York", und in der letzten Reihe sind sie bei Udo Jürgens so textsicher wie eben beim Vaterunser. Wo um Himmels Willen ist man da gelandet? Nun, in Münchens erster Schunkelmesse, gehalten von Stadtpfarrer Rainer Maria Schießler, dem - mit Verlaub, Hochwürden - buntesten Hund der Münchner Kirchengeschichte.

In Köln ist es Tradition, dass vor Beginn der närrischen Zeit Tausende Jecken noch mal innehalten und im Dom für eine friedliche Session beten. Nach dem Motto "Was die in Köln können..." bahnt sich nach der höchst unterhaltsamen Premiere im Glockenbach nun eine bayerische Entsprechung zum Jeckentum mit Kirchensegen an. Und wer außer Pfarrer Schießler könnte diesen Spagat auf so kurzweilige wie tiefsinnige Weise unters mehr oder weniger gläubige Volk jubeln?

Der Tausendsassa im Namen des Herrn ist Ehrensenator der Narrhalla, und so nimmt es nicht Wunder, dass der neoromanische Bau an der Isar mit Girlanden, Ballons und Luftschlangen geschmückt ist. In den vollen Kirchenbänken blitzen bunte Faschingshüte auf, übertroffen von den Kostümen und Standarten der zig Faschingsgesellschaften samt Prinzenpaaren. Faschingsfreunde Fürstenfeldbruck, Olchinger Tanzfreunde, Faschingsclub Laim, Fanfarenzug Hausham, Faschingsgesellschaft Gleisenia, UFC Olé aus Unterschleißheim, alle sind sie da. Was sie erwartet? "Keine Ahnung", sagt Josef Kreithmeier vom Faschingsclub Neuhausen, "wir haben gestern unser Neuhausener Männerballett-Treffen gefeiert, mit sieben Männerballetts!" Die letzten seien um vier in der Früh heim, erzählt Kreithmeier, der mal Prinz Sepp I. war.

Von Papst Sepp I. wird Pfarrer Schießler später scherzen, der sich generell schwer tut, einen Satz ohne Jokus zu vollenden. Macht nichts, tut dem starren Ablauf eines Gottesdienstes ja nur gut. Lustige Stellen in der Bibel zu finden, sei schwer, gibt er zu, aber in seiner Lesung aus Jesaja schafft er dennoch die Verbindung zum Fasching: Der Knecht Gottes sei als Begriff von absoluter Freiheit zu verstehen, von der Freiheit, sich auch über die Obrigkeit und den Militarismus lustig zu machen, daher die lustigen Uniformen. Schießlers Botschaft: "Bitte jetzt leben! Nachher ist es zu spät." Kaum ist er vom Narrhalla-Präsidenten mit dem angemahnten Faschingshut versehen, entlässt er die Gemeinde zu Gemüsesuppe, Bier und Bowle mit den Worten: "Jetzt schunkeln wir!" Und die Band spielt ein Medley: "Waldeslust", "Nach Hause gehen wir nicht", "Trink, trink, Brüderlein trink". Kirche kann echt ein Heidenspaß sein.

© SZ vom 20.01.2020

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