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Fasching in und um München:"Es ist gestattet zu lachen"

Fasching in München: Der Faschingszug der Damischen Ritter

Verglichen mit dem Rheinland beispielsweise waren Faschingsumzüge in München stets eine eher beschauliche Veranstaltung. Seit einigen Jahren veranstalten die Damischen Ritter zumindest wieder einen solchen in der bayerischen Landeshauptstadt.

(Foto: Robert Haas)

Mit dem Fasching kann der Südbayer nicht allzu viel anfangen. Mancherorts aber blühen seltsame Traditionen, in denen sich Karneval und alte Bräuche zum Winteraustreiben mischen.

Wer schon einmal in den rheinischen Karneval und in die alemannische Fasnacht hineingeschmeckt hat, den wird beim Anblick des bayerischen, zumindest des südbayerischen Faschings vermutlich Langeweile übermannen. Den Münchnern etwa sagt man nach, dass sie im Fasching mit hängenden Mundwinkeln am Straßenrand stehen. Dies bestätigt sogar die Stadtchronik, in der anno 1910 vermerkt ist: "Aus zahlreichen Beschreibungen ist bekannt, dass die Münchner - anders als im Rheinland üblich - den Faschingszug ohne jede Gemütsregung verfolgten. Die Veranstalter sahen sich deshalb zu folgender Aufforderung genötigt: An die verehrlichen Zuschauer! Es ist gestattet zu lachen. Der Zug darf mit frohen Zurufen begrüßt werden. Es ist nicht nötig, eine Leichenbittermiene zu machen." Wer das liest, versteht nur allzu gut den großen Philosophen Karl Valentin, der einmal sagte: "Zum Spaß, mei Liaber, ist der Fasching net da, da hört sich der Spaß auf."

Sehr wahrscheinlich besteht beim Thema Fasching ein großes Missverständnis. Denn schon der frühere Bezirksheimatpfleger Paul-Ernst Rattelmüller (1924-2004) hat erklärt, dass alte Fasnachtsbräuche in ihrem Kern gar keine Gaudi sind, sondern weitgehend eine recht ernste Angelegenheit. Die wochenlange Faschingsfeierei, die wir heute erleben, sei eher ein Phänomen der Nachkriegszeit, bestätigt der Brauchtumsexperte Michael Ritter vom Landesverein für Heimatpflege. Umzüge, Elferräte, Gardemädchen - da sei vieles vom rheinischen Karneval kopiert worden. Hatte der hiesige Fasching mit seinen Redouten und Hofbällen früher eher den Charakter einer geschlossenen Veranstaltung, strebten die alemannischen und rheinländischen Narren seit jeher an die Öffentlichkeit.

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Letztlich verlief die Entwicklung beim Fasching wie bei der Sprache und beim Brauchtum: Alles vermischt sich, die Elemente werden ausgetauscht. Zum Beispiel in Benediktbeuern, wo der Besucher am Faschingsdienstag neben dem Maschkerazug auch noch ein Haberfeldtreiben erlebt, einen Brauch also, der mit lustigem Fasching eigentlich nichts zu tun hat. Früher verstand man darunter ein Rügegericht, in dessen Verlauf die Haberer den Beschuldigten in Versform ihre (meist sittlichen) Verfehlungen vorhielten.

Vor diesem Hintergrund ist es schwierig, im Münchner Umland auf originäre Faschingstraditionen zu stoßen. Der Skifasching auf der Firstalm am Spitzingsee zählt zumindest zu den originellsten Faschingstreffen, aber er wurde erst 1930 erfunden. Recht viel weiter dürfte auch der archaisch anmutende Tanz der Marktweiber auf dem Münchner Viktualienmarkt nicht zurückreichen. Immerhin gibt es im Stadtarchiv einen Zeitungsbericht über den Marktweibertanz aus dem Jahr 1933, ein Nachkriegsphänomen wie die meisten bayerischen Faschingsumzüge ist er also nicht.

Zum ältesten noch lebendigen Faschingsbrauchtum in der Region zählt der Hemadlenzenumzug in Dorfen. Niemand weiß, wo der Brauch herkommt, aber die Dorfener haben ihn schon im 19. Jahrhundert gepflegt, das steht fest. Wahr ist auch, dass dieser Brauch gut zu den mitunter rebellischen Dorfenern passt. Anno 1910 tobte hier ein Bierkrieg, der Wellen bis nach Amerika schlug, und seit mehr als 30 Jahren kämpfen die Bürger gegen den Bau der Isentalautobahn. Dass Dorfen, wie manche behaupten, kein Ort sei, sondern ein Zustand, wird durch den Hemadlenzenbrauch untermauert. Er ist in Altbayern so einzigartig wie der Chinesenfasching in Dietfurt im Altmühltal, bei dem die Narren chinesisch gewandet sind.

Zum Hemadlenzenumzug versammeln sich am Unsinnigen Donnerstag Tausende in Dorfen (Landkreis Erding), um den Winter auszutreiben.

(Foto: Renate Schmidt)

In Dorfen schlüpfen sie wiederum in weiße Unterhosen und Nachthemden. Mit großem Tamtam karren die Hemadlenzen eine Strohpuppe durch die Stadt, um sie dann unter großem Gejohle an einem Galgen aufzuhängen und unter blasmusikalischen Hymnen zu verbrennen. Brauchtumsforscher vermuten, mit dieser Handlung werde symbolisch der Winter ausgetrieben. In der alemannischen und schwäbischen Fasnacht ist ein solches Treiben in vielen Dörfern üblich - nur dass die Hemadlenzen dort Hemdgluncker heißen. Möglicherweise ist dieser Brauch durch einen Auswanderer nach Dorfen übergesprungen.

Auch anderswo häufen sich an den letzten Faschingstagen jene Rituale, die den Winter vertreiben sollen. Ohne dass es eine schlüssige Erklärung dafür gibt, welcher Zusammenhang zwischen Fasching und Winteraustreiben besteht, wie Brauchtumsexperte Ritter anmerkt. Rund um das Karwendelgebirge machen an den Faschingstagen zum Beispiel die Schellenrührer mit ihren Kuhglocken einen Heidenlärm. Aber wie das so ist mit alten Bräuchen in einem globalen Umfeld: Ihr kulturhistorischer Unterbau gerät in Vergessenheit, das Brauchtum wird von sinnfreiem Saufen und Grölen okkupiert. Traditionsfeste wie der Hemadlenzenumzug wurden vom feierwütigen Partyvolk zu Events umfunktioniert, das Winteraustreiben war begleitet von Dutzenden "Alkoholleichen", denen der alte Faschingsbrauch eigentlich egal ist. Die Stadt Dorfen hat die Reißleine gezogen ("wir wollen Hemadlenzen und keine Sauflenzen"), es dürfen seit einigen Jahren keine harten alkoholischen Getränke mehr ausgeschenkt werden.

Auch bei den Faschingsumzügen im Münchner Umland (etwa in Fürstenfeldbruck, Ismaning, Mauern, Gammelsdorf, Indersdorf, Petershausen, Ebersberg, Pliening oder Weichs) wächst die Gefahr, dass unbelehrbare Narren dem Alkohol über die Maßen zusprechen. Die Damischen Ritter aber, die seit 2006 Jahr für Jahr in der Stadt München einen Faschingsumzug veranstalten, haben andere Sorgen. Sie wären erst einmal froh, wenn die Münchner nicht zum Lachen in den Keller gingen.

Dieser Text ist am 25. Februar 2011 in der Süddeutschen Zeitung erschienen und wurde leicht überarbeitet.

© SZ vom 25.02.2011/kast
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