Restaurant Farmer & LouEhrliche Wohlfühlküche

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Die Spaghetti alla Checca werden hier mit Gambas aufgepeppt und kosten 21,90 Euro.
Die Spaghetti alla Checca werden hier mit Gambas aufgepeppt und kosten 21,90 Euro. (Foto: Stephan Rumpf)

Klein, aber fein: Im Restaurant Farmer & Lou in Haidhausen setzt man auf mediterran inspirierte Küche mit reichlich Gemüse. Vieles gelingt, aber nicht alles.

Von Alois Gudmund

Es soll sich im Mai 1754 zugetragen haben, dass Johann Jakob Tarone, ehemaliger Wasserbrenner und nunmehriger Kaffeesieder zu Wien, die behördliche Genehmigung erhielt, vor seinem Kaffeehaus am Graben Tische, Stühle und ein Zelt zum Ausschank von „Erfrischungsgetränken“, ein damals vulgo sogenanntes „Gifthaus“, aufzustellen.

Mit seiner zentral gelegenen Freischankfläche gilt Tarone als Begründer des Wiener Schanigartens. Wobei nicht verbürgt ist, ob der italienischstämmige Wirt Gianni gerufen wurde und so Wiens Außengastronomie seinen Namen gab. Oder ob dieser sich vom französischen Vornamen Jean ableitet, mit dessen mundartlich verballhornter Form Austrias frankophile Oberschicht ihre Dienstboten, gleich welchen Taufnamens, herumzukommandieren pflegte – nach dem vom Volkssänger Wilhelm Wiesberg ins Wienerlied übertragene Motto: „Schani, drog ’n Goatn aussi!“

Es ist wohl das einzig positive Erbe der Corona-Pandemie, dass seither von Mai an auch in München die Wirte ihre Gärten hinaustragen dürfen, samt Tischen und Stühlen. Was im Winter toter Parkplatz für Blechkisten war, wird im Sommer zum Lebensraum dinierender Menschen, eine für die meisten Münchner – besonders lärmempfindliche Anwohner ausgenommen – echte Steigerung der Daseinsqualität, auch weil der Schanigarten in seiner münchnerischen Version bewirkt, dass nun auch kleinere Restaurants in größerem Rahmen aufkochen können.

Es gibt kaum ein städtischeres Glücksgefühl, als an einem lauen Sommerabend bei Kerzenschein und unter dem Licht der Straßenlaternen vor pittoresken Haidhauser Altbaufassaden beim Glas Wein vor dem Farmer & Lou im Freien zu sitzen. Das heißt: Solange in der Straße nicht gerade unter erheblicher Lärmentwicklung eines Generators ein riesiger Kran aufgebaut wird, um im Dachgeschoss des gegenüberliegenden Anwesens die Gentrifizierung voranzutreiben. Aber der Juliabend, an dem das geschah, war ohnehin nass und kalt, weswegen der Wirt mit viel Charme und letztlich Erfolg die Gäste in das Innere seines Lokals stapelte.

Wozu gesagt werden muss: Das Farmer & Lou ist klein. Keine zehn kleine Tische lassen sich tetrisartig um die bunt gekachelte Bar zwängen. So eng, wie das klingt und auch war, fühlte es sich aber gar nicht an. Etwas laut war es schon, aber der Raum ist hoch, die Fenster sind es auch, und die Stimmung ist entspannt.  Ein paar Treppenstufen höher, durch einen Schlitz in der Wand mehr zu ahnen als zu sehen, hantierte der Koch in einer Küche, augenscheinlich so winzig, dass sich die Frage stellte, wie sich dort überhaupt eine Pfanne schwingen lässt.

Entspannte Stimmung auf engem Raum. Hinter dem Schlitz in der Wand agiert der Koch.
Entspannte Stimmung auf engem Raum. Hinter dem Schlitz in der Wand agiert der Koch. (Foto: Stephan Rumpf/Stephan Rumpf)

Aber es geht offenbar. Meist, mit Ausnahmen, ganz gut. Und das sogar, als der – siehe oben: wunderbar urbane – Schanigarten mit seinen mindestens doppelt so vielen Plätzen wie im Innern an einem ruhigeren und trockeneren Abend voll besetzt war. Da kam aus dieser „Tiny Kitchen“ eine gehaltvolle Tomatensuppe (8,90 Euro), welche die Süße und die Säuernis der Frucht gut zur Geltung brachte und damit einen Schwerpunkt der Speisekarte betonte. Die ist, der Größe der Küche angemessen, nicht umfangreich und besteht aus einer handgeschriebenen Wochenkarte und einer nicht allzu langen Liste stets angebotener Gerichte. Was uns dort und auf dem Teller oft und erfreulich reichlich begegnete, war Gemüse.

Die Mischung aus grob geschnippelten Zucchini, Karotten, Paprika und Fenchel war fast allgegenwärtig. Ob gegrillt und mit kleinen Falafeltalern gepimpt als eigene Vorspeise (10,90) oder zusammen mit Roter Bete und Blattsalaten als knackiges Bett für einen mit Honig fein gesüßten Ziegenkäse (10,90); oder gedünstet im Salat, sei es als großzügig bemessene Beilage zum Hauptgericht oder im großen Salatteller unter saftig gebratenen Lachssteaks (22,90) – kurz gegart, und zurückhaltend gewürzt war das einfache, aber ehrliche Wohlfühlküche mediterraner Anlehnung.

Das Lachs krönt den großen Salatteller – für 22,90 Euro.
Das Lachs krönt den großen Salatteller – für 22,90 Euro. (Foto: Stephan Rumpf)

Die Doradenfilets kamen in einer fruchtigen Tomatensoße auf dem Punkt geschmort aus dem Ofen, begleitet von der bewährten Gemüsemischung und ungeschälten Rosmarinkartoffeln, die nur noch ein bisschen Salz benötigten (24,90). Die gleichen Kartoffeln lagen auch neben zwei Scheiben Putenschnitzel Wiener Art – für die sich in Wien allerdings jeder Schani ordentlich geschämt hätte: Statt locker, wellig und goldfarben, wie es sich zu Wien gehört, ummantelte eine teilweise in dunkelstbraune zerbrutzelte Panade das Fleisch, als hätte sie schon lange darauf warten müssen, in die erhitzte Butter zu gleiten.

Die Spaghetti alla Checca mit ihren kleinen, frischen Tomaten, von uns in ihrer mit Gambas aufgepeppten Version probiert (21,90) und übrigens nicht nach dem homophoben Schimpfwort, sondern nach dem Kurzkosenamen einer römischen Köchin namens Francesca so geheißen, waren al dente, hätten ein bisschen mehr Schärfe vertragen können. Gleiches galt für die Penne (20,90), in denen Lachsfiletstücke und Kirschtomaten großzügig, würzige Kräuter allerdings etwas sparsam vorhanden waren.

Noel Latham und Luisa Braker sind die Gastgeber und Inhaber.
Noel Latham und Luisa Braker sind die Gastgeber und Inhaber. (Foto: Stephan Rumpf)

Die Desserts (8,90 bis 9,90) dagegen waren allesamt gut gelungen: das Schokoladensoufflé eine süße Wucht, die Mascarponecreme schön fluffig, das Tiramisu saftig – und die beiden so reichlich mit Erdbeerstückchen bedeckt, dass man die süße Sünde fast für eine gesunde Tugend halten könnte.

Alle Weine gibt es im kleinen Glas (5,10 bis 6,50), im großen (7,90 bis 9,50) oder in der Flasche (29 bis 32 Euro). Die, die Gudmund probierte, waren allesamt überaus ordentliche Trinkweine, so gut ausgewählt, dass man an einem lauen Sommerabend mit dem Glas auf dem Tisch im Schanigarten fast meinen könnte, München wäre eine Weinstadt wie Wien. Die Halbe Tegernseer Bier übrigens kommt hier auf 5,20 Euro.

Farmer & Lou, Breisacher Straße 6, 81667 München, Telefon: 089/62271265, Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 17 bis 23 Uhr. Wochenende geschlossen

Die SZ-Kostprobe

Die Restaurant-Kritik „Kostprobe“ der Süddeutschen Zeitung hat eine lange Tradition: Seit 1975 erscheint sie wöchentlich im Lokalteil, seit einigen Jahren auch online. Etwa ein Dutzend kulinarisch bewanderter Redakteurinnen und Redakteure aus sämtlichen Ressorts – von München, Wissen bis zur Politik – schreiben im Wechsel über die Gastronomie in der Stadt. Die Auswahl ist unendlich, die bayerische Wirtschaft kommt genauso dran wie das griechische Fischlokal, die amerikanische Fast-Food-Kette, der besondere Bratwurststand oder das mit Sternen dekorierte Gourmetlokal. Das Besondere an der SZ-Kostprobe: Die Autorinnen und Autoren schreiben unter Pseudonym, oft ist dies kulinarisch angehaucht. Sie gehen unerkannt etwa zwei- bis dreimal in das zu testende Lokal, je nachdem, wie lange das von der Redaktion vorgegebene Budget reicht. Eiserne Grundregeln: hundert Tage Schonfrist, bis sich die Küche eines neuen Lokals eingearbeitet hat. Und: sich nie bei der Arbeit als Restaurantkritiker erwischen lassen – um unbefangen Speis und Trank, Service und Atmosphäre beschreiben zu können.

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