Falsche Polizisten "Das hat eine neue Dimension": Betrügerische Anrufe nehmen drastisch zu

Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins zeigt sich besorgt über die starke Zunahme betrügerischer Anrufe und appelliert an die Bürger in München.

(Foto: Polizei)
  • Seit Anfang dieser Woche wurden der Polizei München 400 betrügerische Anrufe gemeldet - von Dezember bis Anfang Februar waren es vier.
  • Mindestens in vier Fällen waren die Betrüger erfolgreich und konnten so in kurzer Zeit Gold, Münzen, Schmuck und Bargeld im Wert von mehr als 400 000 Euro erbeuten.
  • Die Polizei warnt die Bürger in einem Video - und mit einem aufgezeichneten Anruf.
Von Martin Bernstein und Julian Hans

Eine Weile war Ruhe. Aber seit einer Woche haben falsche Polizisten erneut die Münchner Senioren ins Visier genommen. Die Betrüger suchen gezielt alte Personen als Opfer, indem sie im Telefonbuch nach Vornamen suchen, die heute nicht mehr gebräuchlich sind. In perfektem Deutsch geben sie sich am Telefon als Polizeibeamte aus und erzählen fast immer dieselbe Geschichte: Einbrecher seien unterwegs und das Geld oder der Schmuck der Angerufenen sei in Gefahr. Manchmal wird behauptet, ein Mitglied der Bande sei mit einem Adresszettel erwischt worden, dann wieder sollen die Opfer angeblich helfen, die Bande dingfest zu machen.

Von einer bisher nie dagewesenen Welle von betrügerischen Anrufen sprach am Freitag der Leiter der Ermittlungsgruppe "Phänomene" im Polizeipräsidium, Jens Liedhegener. "Das hat eine neue Dimension", sagte er. Nachdem die türkische Polizei Ende vergangenen Jahres bei Razzien mehrere Tatverdächtige festnehmen konnte, war es ruhiger geworden. Von Dezember bis vor einer Woche seien nur vier betrügerische Anrufe bei der Polizei München gemeldet worden, sagte Liedhegener. "Seit Anfang dieser Woche waren es mehr als 400."

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Mindestens in vier Fällen waren die Betrüger erfolgreich. Insgesamt konnten sie in so kurzer Zeit Gold, Münzen, Schmuck und Bargeld im Wert von mehr als 400 000 Euro erbeuten: Eine 81-Jährige aus Denning hängte am Montag gegen Mitternacht Bargeld, Schmuck und Edelmetalle im Wert von 30 500 Euro in einem Stoffbeutel an ihren Gartenzaun, wo sie kurz danach von einem Unbekannten abgeholt wurden.

Die Betrüger haben inzwischen diverse Varianten ihrer Geschichte vorbereitet, die sie von Fall zu Fall anpassen. Wenn ihre Opfer ihre Ersparnisse auf der Bank deponiert haben, erzählen sie etwa von Ermittlungen gegen korrupte Bankmitarbeiter, vor denen Geld und Wertsachen in Sicherheit gebracht werden müssten.

Ein 81-Jähriger aus Mittersendling verriet den vermeintlichen Polizisten, dass er in einem Bankschließfach Goldbarren im Wert von 55 000 Euro aufbewahrte. Die Betrüger überredeten ihn, das Gold abzuholen und vor seine Wohnungstür zu legen. Ähnlich erging es einer 79-Jährige aus Oberföhring. Sie besorgte Gold im Wert von 70 000 Euro und deponierte es wie angewiesen an ihrer Wohnungstüre.

Mitschnitt eines Betrugsanrufes

Die Polizei München hat am Freitag einen Audiomitschnitt eines früheren Betrugsfalles veröffentlicht. Bei einer Telefonüberwachung wurden Betrüger aufgenommen, die sich gegenüber einer Frau als Polizisten ausgaben.


Hier der Mitschnitt zum Anhören:


Stets drängen die Betrüger zur Eile und mahnen zur Verschwiegenheit: Wegen laufender Ermittlungen bestehe sofortiger Handlungsbedarf. Um die Ermittlungen nicht zu gefährden, dürften die Angerufenen mit niemandem darüber sprechen; ein Verstoß gegen die Verschwiegenheitspflicht sei strafbar.

Telefone werden über eine Software manipuliert

Die Täter agieren von professionell organisierten Callcentern meist von der Türkei aus. Über eine Software manipulieren sie die Telefone so, dass bei den Angerufenen die 110 oder sogar die Nummer des Münchner Polizeipräsidiums angezeigt wird.

Zuletzt hatte es Anfang November eine regelrechte Welle von Anrufen falscher Polizisten in München gegeben. Fast eine halbe Million Euro erbeuteten Betrüger damals in zweieinhalb Wochen. Im Jahr 2017 waren insgesamt 3239 derartiger Anrufe allein im Bereich des Polizeipräsidiums bekannt geworden, 2018 waren es 2465.

Wobei die Dunkelziffer um ein Vielfaches höher sein dürfte. Viele Betroffene schweigen aus Scham. Vor allem dann, wenn die Täter Erfolg hatten. Im vergangenen Jahr wurden der Polizei 35 vollendete Fälle bekannt. Die Schadensumme durch falsche Polizeibeamte belief sich in den vergangenen Jahren jeweils auf mehr als vier Millionen Euro allein in München.

Wenn Täter in Deutschland festgenommen werden können, dann sind das meist nur die Laufburschen der Banden. Die Hintermänner arbeiten von hochmodern ausgestatteten Callcentern in der Türkei aus. Bei zwei Großrazzien Anfang Dezember nahmen türkische Sicherheitskräfte in mehreren Städten knapp 60 Verdächtige fest. In der organisierten Kriminalität spielen türkisch dominierte Gruppen eine große Rolle. Bundesweit hat sich die Zahl der von ihnen verübten Callcenterbetrugsfälle zuletzt verfünffacht. Im Sommer hob die türkische Polizei mit Unterstützung durch zwei Münchner Fahnder erstmals eine Bande in Antalya aus. Um der neuen Betrugswelle etwas entgegen zu setzten, appelliert die Polizei an die Bürger. "Es hilft, darüber zu reden - mit Eltern, Großeltern, der Nachbarin", sagt Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins. "Die Polizei fordert nie Geld oder Wertgegenstände, um Sie zu schützen oder Ermittlungen durchzuführen". Wer angerufen wird, sollte auflegen - und die 110 wählen.

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