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Fahrradkurs:Wie Migrantinnen beim Radfahren ihre Scham überwinden

Nur der eigenen Balance und den zwei dünnen Reifen zu vertrauen, fällt den Kursteilnehmerinnen anfangs schwer.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

In einem speziellen Kurs können Migrantinnen das Radfahren üben. Meist lernen die Frauen dabei noch mehr: sich selbst zu vertrauen.

Von Elisa Harlan

Dieser eine Moment, in dem sie die Beine vom Boden lösen muss, ist der schwerste. Amsah Lamrani soll sich nur auf die eigene Balance und diese dünnen, wackligen Reifen verlassen. Schwung holen, den anderen Fuß auf das zweite Pedal setzen und den Moment der Schwebe aushalten. Das erfordert Mut. Es dauert lange, bevor Lamrani das erste Mal in ihrem Leben aufs Rad steigt. Unendlich peinlich ist es ihr, dass sie nicht fahren kann und das in einer Stadt, die sich Radlhauptstadt nennt und in der sich scheinbar alle Leute aufs Rad schwingen: die Hipster aufs Rennrad, die Senioren auf ihr Hollandrad, die Kinder auf das Laufrad.

Doch dass Lamrani, die ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will, nicht Fahrradfahren kann, hat einen einfachen Grund: Sie hatte nie die Chance es zu lernen, denn sie kommt aus Marokko, einem Land, in dem Frauen auf Rädern nicht selbstverständlich sind. In vielen Ländern gilt das immer noch als unschicklich und entspricht nicht dem traditionellen Frauenbild.

In Saudi-Arabien war Frauen das Fahrradfahren bis vor zwei Jahren gesetzlich verboten, mobile Frauen sind nicht gerne gesehen. So hatte ein arabischer Geistlicher behauptet, dass Frauen, die am Steuer eines Autos sitzen, riskierten, ihre Gebärmutter zu verletzen. Soweit, so verrückt.

Anfangs glaubte Lamrani nicht, dass sie es schaffen würde

Was in diesen Ländern unmöglich scheint, können die Frauen in München schaffen, gemeinsam mit Donna Mobile, einer Münchner Beratungseinrichtung, die sich speziell an Migrantinnen richtet. Das Angebot geht mit Sportkursen, einem Frauencafé und Vorträgen weit über Fahrradkurse hinaus, aber diese sind schon seit Jahren besonders beliebt. Die Plätze sind begehrt, allein im vergangenen Jahr haben mehr als 140 Migrantinnen das Radfahren erlernt.

Auch Lamrani fasst nach langem Zögern den Entschluss, dass sie es endlich lernen will. Wegen ihrer Tochter, die in die erste Klasse geht, und mit ihr gemeinsam zur Schule fahren will. Weil sie schnell mal mit dem Rad zum Einkaufen fahren möchte. Weil sie sich wünscht, flexibel zu sein, ja, sie will es für sich selbst lernen. Sie überwindet sich und wählt die Nummer von Donna Mobile, wie sie erzählt. Gleich bei der Anmeldung am Telefon sagt sie, dass sie nicht daran glaubt, dass sie es lernen wird. Sie ist unsicher.

"Manchmal sind die Frauen überrascht, dass es im ersten Moment so gut klappt und verlieren dann die Balance", sagt Buket Barlas Waechter. Die Stürze seien aber meist nicht schlimm, sie rappeln sich schnell wieder auf. Anorak glätten, Helm gerade rücken und weiter geht's. Barlas Waechter weiß, dass die meisten Frauen einen starken Willen haben, denn sie unterrichtet seit vielen Jahren "Fahrradfahren".

Die 48-jährige Diplomübersetzerin für Türkisch und Englisch hat eine liebenswürdige und gleichzeitig energische Ausstrahlung. "Viele Menschen können es sich nicht vorstellen, wie schwierig es ist, als Erwachsene Fahrradfahren zu lernen", sagt sie. Sehr schwer sei es für die Frauen, erst einmal ihre Scham zu überwinden.

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