Ezra Furman mag großen Gefallen gefunden haben an den Worten, mit denen der britische Dichter William Wordsworth die Quellen der Poesie umreißt – ganz und gar d’accord geht sie dann aber doch nicht mit ihnen. „Poesie ist das spontane Überfließen kraftvoller Gefühle“, zitiert sie den britischen Dichter in ihrem selbstverfassten Presseschreiben zu ihrem zehnten Album „Goodbye Small Head“. „Ihre Herkunft liegt in Emotionen, an die man sich in Zeiten der Ruhe erinnert.“
Ruhe, das war tatsächlich noch nie der Zustand, mit dem man die seit 2021 als transgender Frau lebende Ezra „Liz“ Furman aus Chicago spontan in Verbindung bringen würde. Ist ihr Metier doch seit jeher ein emotional angerautes und seelenwundes, schwärmerisches und zweiflerisches, gegossen in Indierock-Songs, die in ihrer aufgekratzten Dringlichkeit thematisch so ziemlich alles umspannen, was uns als Menschen ausmacht. Allein: So etwas wie Seelenfrieden und innere Ruhe schimmert da eher selten durch.
Und so verwundert es auch nicht, dass Furman ihr eigenes Songwriting auf „Goodbye Small Head“ im Hinblick auf das „spontane Überfließen kraftvoller Gefühle“ gern an Wordsworths Ausspruch anlehnt, mit dem Ruhe-Teil aber gar nichts anfangen kann: „Meine Poesie kam inmitten des Sturms an. Sie wurde aufgeschrieben, als ich am Abgrund entlang taumelte.“
Das mag drastisch klingen, kommt bei dieser ausnahmebegabten Musikerin, die bis vor einigen Jahren noch als Musiker unterwegs war, aber auch nicht von ungefähr. War Furman bereits als bisexueller Künstler mit einer Bühnen-Vorliebe für elegante Frauenkleider immer wieder Opfer von Anfeindungen und Drohungen geworden, erreichten diese nach dem Coming-out noch mal eine neue Dimension. Mag bereits für die Transsexualität in Trumps rechtskonservativer Maga-Welt kein Platz sein, so braucht es für die Ausmaße der Ablehnung einer transgender Rock-Musikerin, die auch noch ihren jüdischen Glauben praktiziert, kein großes Vorstellungsvermögen.
Für Furman ist es eine alternativlose Kombination vermeintlich konträrer Lebensaspekte, deren Verbindung sie im Interview mit dem britischen Far Out Magazine als Teil eines Reifeprozesses beschreibt: „Es schien mir lange unmöglich, so etwas überhaupt zu wollen, aber ich brauche das alles zugleich. Ich muss religiös sein und trans und eine Musikerin, die auf der Bühne steht. Ich hielt es bereits für wahnsinnig, nur zwei dieser Leben zu kombinieren, aber fuck everybody, all das zusammen ist einfach das wirklich schöne Leben für mich.“
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Ein Leben, das indes auch jenseits von Religion, Sexualität und Musik nicht ohne Härten auskommt. So begann der künstlerische Prozess von „Goodbye Small Head“ laut Furman am 11. April 2023, einem Tag, an dem sie sich mit schweren Krankheitssymptomen aus dem Bett schleppte, um dann im Badezimmer das Bewusstsein zu verlieren. Es folgten Krankenhausbesuche ohne konkrete Diagnose und ein Erschöpfungszustand, der Furman über Monate ans Bett fesselte, ohne zu wissen, woran sie eigentlich litt.
Die Songs seien dann nach Wochen im Bett regelrecht aus ihr „herausgeblutet“. Sie drehen sich entsprechend um die Erfahrung eines Kontrollverlusts, der, so Furman, gleichermaßen von „Schwäche, Krankheit, Mystizismus, Sadomasochismus, Drogen, einem gebrochenem Herzen, oder auch davon, in einer kranken Gesellschaft zu leben und dabei die Augen offenzuhalten“ hervorgerufen werden kann.
Ezra Furman bewegt sich damit thematisch durchaus im Fahrwasser früherer Alben. Sie frönt hier nach einigen etwas sperrigeren Platten unter Unterstützung eines kleinen Streichquartetts jedoch wieder vermehrt einem ebenso trostreichen wie melodischen Indie-Rock-Sound, der einen wunderbar spielerisch und kraftvoll aus Malaisen aller Art ziehen kann. Vitaler als „Goodbye Small Head“ dürfte eine Songsammlung aus dem Krankenbett jedenfalls selten geklungen haben.
Ezra Furman, Donnerstag, 22. Januar, 20 Uhr, Technikum, Speicherstraße 26

