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Extended-Reality-Rundgang:Das Ich in der Kristallkugel

Gnothi Seauton

Im ehemaligen Luftschutzbunker nimmt man mit einer Virtual-Reality-Brille auf einer Art Thron Platz, die Kristallkugel in den Händen.

(Foto: Dominik Oczkowski)

Die audiovisuelle Reise "Gnothi Seauton 3.0" in der Architekturgalerie München im Bunker

Von Jürgen Moises

Was soll ich tun? Wie soll ich mich verhalten? Waren solche Fragen mit wichtigen oder gar lebenswichtigen Entscheidungen verbunden, riefen die alten Griechen meist die Götter an. Oft taten sie das aber nicht direkt, sondern mittels Propheten wie Pythia, der weissagenden Priesterin im Orakel von Delphi. Um Antworten von dieser zu bekommen, gaben sie dafür nicht selten höchst persönliche Dinge von sich preis. Und das dabei auf Seite der Priesterschaft gesammelte Wissen mag erklären, warum Pythias Weissagungen zuweilen gar nicht so falsch waren.

Heute stellen wir nicht Pythia, sondern Alexa oder Siri unsere Fragen oder geben entsprechende Suchwörter bei Google ein. Nur geht es dabei eher um den Schuhkauf oder das Fernsehprogramm. Trotzdem geben wir Google & Co. auch hier unsere privaten Daten. Wir wissen das. Wissen, dass "wir einen Teil von uns ins Internet verlagern", wie es die Münchner Multimedia-Künstlerin Aida Bakhtiari formuliert. Aber es scheint uns nicht so recht zu stören. Vielleicht, weil das alles zu abstrakt oder einfach so bequem ist. Damit wir ein verstärktes Bewusstsein für unser digitales Ich und die uns umgebende Datenwelt bekommen, hat Bakhtiari zusammen mit der Künstlerin Katrin Savvulidi, dem Programmierer Alexander Degner, dem Musiker Daniel Door und mithilfe weiterer Experten "Gnothi Seauton 3.0" entwickelt. Einen interaktiven Extended-Reality-Rundgang, den man aktuell in der Architekturgalerie München im Bunker an der Blumenstraße unternehmen kann. Diesen zu präsentieren, war schon im letzten Jahr im Deutschen Museum und in einer alten Villa geplant. Wegen Corona musste das aber beide Male ausfallen.

"Gnothi Seauton" ist Altgriechisch und heißt "Erkenne dich selbst". Dieser Satz stand angeblich am Tempel von Delphi. Und er ist nicht die einzige griechische Zutat. Es gibt eine Pythia mit Maske, in einem halb antik, halb futuristisch anmutenden Gewand. Sie führt einen um den Bunker und in ihn hinein, während man eine Art Kristallkugel in Händen hält und einen Kopfhörer aufhat. Mit der Kugel liest man QR-Codes an den Wänden ab und kann virtuell in den Raum projizierte Dinge sehen. Im Bunker nimmt man mit einer Virtual-Reality-Brille dann auf einer Art Thron Platz, was inklusive Kopfhörer und FFP2-Maske eine kleine Herausforderung ist. Nun geht es auf eine mythisch anmutende, virtuelle Reise, an deren Ende man sich selber gegenüber sitzt.

Der Bezug zu Google & Co wird dabei nicht immer deutlich, oder dass hinter fast allem im Internet nur noch banale wirtschaftliche Interesse stehen. Nichtsdestotrotz ist "Gnothi Seauton 3.0" ein eindrücklicher audiovisueller Trip, woran auch der ehemalige Luftschutzbunker als Schauplatz seinen Anteil hat. Nach dem Bunker würden sie "Gnothi" gerne auf Festivals zeigen, erzählt Alexander Degner. Und Katrin Savvulidi verrät, dass sie gerade eine interdisziplinäre "Artist Residence" für 2022 organisiert. Dass ihr klar war, dass sich das vor zwei Jahren als Abschlussarbeit ihres Kunst- und Multimedia-Studiums gestartete Projekt ebenfalls nur interdisziplinär entwickeln lässt, berichtet wiederum Aida Bakhtiari.

"Komplexe Thematiken, sei es Umweltschutz oder Machine Learning, können wir nur gemeinsam angehen", sagt die Künstlerin. Und dafür sei es nötig, dass man über interdisziplinäre und andere Grenzen hinweg eine "gemeinsame Sprache" entwickelt. Auch dazu solle "Gnothi Seauton 3.0" beitragen, weil das ihrer Meinung nach bisher viel zu selten passiert. Darüber hinaus sei eine zentrale Motivation für sie gewesen, die digitale Datenwelt um sie herum auch selber besser zu verstehen. Die Blockchain-Technik, das sei zum Beispiel etwas, was sie auch sehr interessiert. Weitere gemeinsame Projekte seien auf jeden Fall in Planung.

Gnothi Seauton 3.0, bis 28. März, Architekturgalerie München im Bunker, Blumenstr. 22, Anmeldung über gnothi.info

© SZ vom 22.03.2021
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