Ausstellung:Zu Unrecht vergessen

Lesezeit: 2 min

Ausstellung: Fritz Dudas suggestives Selbstbildnis ist ein Hingucker - und schaut sozusagen zurück.

Fritz Dudas suggestives Selbstbildnis ist ein Hingucker - und schaut sozusagen zurück.

(Foto: Claus Schunk)

Ihre Karrieren wurden 1933 gebremst und ihre Werke im Zweiten Weltkrieg teils zerstört. Nun rückt das Kallmann-Museum in Ismaning die "Verfolgten der Moderne" ins Rampenlicht.

Von Udo Watter, Ismaning

Die großen Namen fehlen nicht. Das ist wichtig. Weniger deshalb, weil der Teil des Publikums, der sich in seiner Besuchsmotivation eher vom Kanon der Kunstgeschichte leiten lässt, sonst eine Visite im Kallmann-Museum in Ismaning erst gar nicht in Erwägung zöge. Sondern weil sich gerade im Nebeneinander von Werken Max Beckmanns, Erich Heckels, Käthe Kollwitz', Lyonel Feiningers oder Karl Schmitt-Rottluffs und den zahlreichen Arbeiten mutmaßlicher No-Names, die in der Ausstellung "Kaleidoskop Expressionismus - vom Aufbruch in die Moderne zur NS-Verfemung" zu sehen sind, eine erhellende Frage auftut: Wie können so viele dieser Künstler und Künstlerinnen, die in der ersten Hälfe des 20. Jahrhunderts zur Blüte expressiver Vielfalt in Deutschland beitrugen, (nahezu) unbekannt sein?

Man spricht von der verschollenen Generation, den Verlierern der Kunstgeschichte, der Zweiten Generation der Moderne. Weil das bei manchen unterschwellig Zweitklassigkeit suggeriere, bevorzugt Gerhard Schneider den Begriff "Jüngere Generation der Moderne". Die in Ismaning präsentierten Werke sind allesamt aus der Sammlung des 83-Jährigen, die einen Querschnitt der Kunstströmungen zwischen 1910 und 1937 abbilden: Expressionistische Frühwerke, sozialkritische Großstadtszenen, religiöse Motive, Landschaften, Porträts, karikaturenhafte Zeichnungen; viele Druckgrafiken, aber auch Aquarelle, Radierungen, Ölgemälde. "Es sind unglaubliche Arbeiten. Eine Irrsinnsqualität", erklärt Museumsleiter Rasmus Kleine.

Ausstellung: Käthe Kollwitz' Holzschnitt: Beweinung des ermordeten Karl Liebknecht.

Käthe Kollwitz' Holzschnitt: Beweinung des ermordeten Karl Liebknecht.

(Foto: Claus Schunk)

Das zeigt ein Rundgang im Museum, der chronologischen Ereignissen folgt und mit der Initialzündung der Moderne - in Form der Gründung der Künstlergruppe "Brücke" 1905 - und ihren Auswirkungen beginnt: Heinrich Maria Davringhausen, der in seinem Frühwerk von einem fast zart anmutendem, rheinischen Expressionismus geprägt war, Franz M. Jansen mit sozialkritisch-karikaturesken Holzschnitten ("Großstadt") und Erich Fraaß mit vom Grauen des Weltkriegs inspirierten Arbeiten. Aber auch Fritz Fuhrken mit dem Aquarell "Zerstörte Stadt", Erna Schmidt-Caroll, die einen pointierten Strich pflegte, Otto Nagel ("Straßenszenen") und Fritz Duda mit seinem suggestivem Selbstbildnis.

Zudem wird ein Bestand an druckgrafischen Blättern gezeigt, die in der Femeschau in München ("Entartete Kunst") 1937 präsentiert wurden - etwa der Zyklus "Vater unser" von Max Pechstein, Arbeiten von Ludwig Meidner, Otto Pankok und Schmidt-Rottluff. Die Kunstsammlung von Gerhard Schneider, der sich seit knapp vier Jahrzehnten den als "entartet" verfemten Künstlern widmet, ist nach 2016 zum zweiten Mal im Kallmann-Museum zu Gast: Die Ausstellung ",Entartete' Kunst - Verfolgung der Moderne im NS-Staat" wurde damals viel beachtet. Die aktuelle Werkschau, zu der ein Katalog in Arbeit ist, richtet den Blick besonders auf die Vielfalt expressiver Ausdrucksformen - was neben expressiver Gegenständlichkeit die "Neue Sachlichkeit" und den "Magischen Realismus" einschließt. "Der völlige Verzicht auf Emotionen: Ist das nicht auch eine Form von Expressionismus?", fragt Schneider.

Ausstellung: Abstrakte Farbenpracht: Fritz Fuhrkens "Zerstörte Stadt".

Abstrakte Farbenpracht: Fritz Fuhrkens "Zerstörte Stadt".

(Foto: Saša Fuis)

Ausgangspunkt war damals ein neues "inneres" Sehen in der Kunst: Wer die Welt nur abbildet, wie sie sich dem Auge zeigt, durchdringt sie nicht. Die Deformation als Ausdruckform, die Befreiung der Formen und Farben aus zwanghafter Abbildungsfunktion avancierten zur State of the Art.

"Die jüngere Generation geriet unverhältnismäßig viel stärker aus dem Blickfeld", sagt Schneider. Diese Künstler - deren Karriere 1933 gebremst und deren Werke teils im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden - dem Vergessen zu entreißen, ist eine seiner Hauptmotivationen. Einer der wenigen, der zwar auch unter der NS-Kulturpolitik litt, aber nach 1945 wieder Erfolg hatte, ist der Namensgeber des Museums: Hans Jürgen Kallmann. Von ihm sind ebenfalls Arbeiten zu sehen, darunter ein starkes Porträt des Malerkollegen Lovis Corinth. Das Kallmann-Museum ist am 16. Juli 1992 eröffnet worden, feiert also bald 30-Jähriges. "Zu diesem Anlass hätte ich mir keine geeignetere Ausstellung als diese vorstellen können", sagt Hausherr Kleine. Auch Kallmanns Vita ist ja paradigmatisch für die Verwerfungen der deutschen Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Kaleidoskop Expressionismus - vom Aufbruch in die Moderne zur NS-Verfemung, bis 16. Oktober, Kallmann-Museum, Ismaning, Schloßstr. 3b

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB