Experimentierstunde Physik ist kinderleicht

In der Mittagsbetreuung lernen Grundschüler spielerisch Naturwissenschaften kennen

Von Melanie Staudinger

Geschickt fädelt Carlotta einen Faden nach dem anderen durch fünf kleine Holzkugeln. "Ich habe es geschafft", ruft die Grundschülerin fröhlich. Yusuf neben ihr kämpft hingegen noch. "Ich kann das nicht", murmelt er genervt. Jetzt hilft nur noch gutes Zureden, etwas Motivierendes. "Das klappt schon. Willst du es nicht doch noch einmal versuchen", sagt Zehntklässlerin Theresa und hilft dem Jungen. Keine fünf Minuten später ist auch Yusuf mit dem Auffädeln fertig. Nun können Carlotta und er die Fäden an das Strohhalm-Gestell kleben - und schon ist das Klickpendel fertig. In ein paar Jahren werden sie im Physik-Unterricht lernen, dass die Vorrichtung, die sie eben gebaut haben, Newton-Pendel heißt und dass man damit die Impulserhaltung zeigen kann.

Doch um solche Details geht es hier in der Mittagsbetreuung Waschsalon nicht. Jeden Freitagnachmittag kommen Zehntklässlerinnen des Theresia-Gerhardinger-Gymnasiums an die Jahnstraße und experimentieren mit den Kinder. Die Kinder - das sind zum einen 18 Mädchen und Jungen aus der Klenzeschule und sechs Kinder aus der Tumblingerschule, die einen Fluchthintergrund haben.

Von der gemeinsamen Zeit profitieren alle: Die ausländischen Kinder sprechen Deutsch, die deutschen Grundschüler aus dem Glockenbachviertel lernen Kinder aus anderen Kulturkreisen kennen, die Gymnasiastinnen übernehmen Verantwortung für Jüngere - und alle zusammen merken, dass Naturwissenschaften nicht langweilig sein müssen.

Die Experimente müssen sich die Jugendlichen nicht selbst ausdenken. Sie sind Teil eines Projekts der Deutschen Physikalischen Gesellschaft und der Georg-August-Universität Göttingen mit dem Namen "Physik für Flüchtlinge". Dessen Ziel ist es, Kindern und Jugendlichen in Flüchtlingsunterkünften, Erstaufnahmeeinrichtungen und Schulen in ganz Deutschland Physik spielerisch und anhand einfacher Experimente näherzubringen. Knapp 80 Einrichtungen und Schulen beteiligen sich mittlerweile, eine davon ist der Waschsalon. Hier hat Verena Diercks die Kooperation mit der Mittagsbetreuung angeleiert. Sie unterrichtet Physik am Theresia-Gerhardinger-Gymnasium, einer Mädchenschule, an der aller Vorurteile zum Trotz jedes Jahr etwa 20 Schülerinnen in der Oberstufe freiwillig Physik belegen. "Mädchen haben durchaus Spaß an Physik", sagt sie.

Im Waschsalon heißt die Experimentierstunde schlicht "Physik für Kinder", weil erstens alle Mädchen und Jungen teilnehmen können und man nicht immer auf ihren Aufenthaltsstatus der geflüchteten Kinder hinweisen will. Jeden Freitag gehen die Grundschüler nun auf einen Abenteuertrip. Mit den Störchen Kalle und Yara reisen die Kinder von Südafrika Richtung Norden durch den afrikanischen Kontinent, weiter über Ägypten, Israel und die Türkei und schließlich über Osteuropa bis nach Deutschland. 18 Stationen gibt es, hinter jeder verbirgt sich ein Experiment. Jedes Kind hat einen Entdeckerpass, in dem seine Teilnahme dokumentiert ist. Mit dem Klickpendel haben die Schüler die neunte Station nun absolviert.

"Ich war sofort begeistert, als ich von dem Projekt hörte", sagt Mirjam Münch vom Verein Nachbarschaftshilfe Westermühlbach, dem Träger der Mittagsbetreuung. Zum einen liebten die Kinder das Basteln mit den älteren Mädchen. Zum anderen aber eröffne die Zusammenarbeit mit dem Gymnasium auch einen Ausblick auf die nächste Lebenswelt. "Es nimmt den Grundschülern ein wenig die Sorge vorm Übertritt ins Gymnasium, weil sie jetzt schon ein paar Gymnasiastinnen kennen und merken, dass die so unerreichbar nicht sind", sagt Münch. Was ihr besonders gefalle: "Physik für Kinder" könne nur stattfinden, weil es auch Flüchtlingskinder in der Mittagsbetreuung gibt. "Das zeigt, dass von der Integration auch deutsche Kinder profitieren", sagt Münch.

Das Projekt kommt nicht nur bei den Kleinen an. Auch am Theresia-Gerhardinger-Gymnasium sei das Interesse groß, sagt Diercks. Bis Ostern hätten sich die Schülerinnen schon für das Projekt vormerken lassen. Es sind die kleinen Erfolgsmomente, die Freude bringen. Theresa beispielsweise hat es geschafft, Yusuf bis zum Ende bei der Stange zu halten. Jetzt will der Grundschüler gar nicht mehr aufhören. "Machen wir gleich das nächste Pendel?", fragt er. Doch eines ist für diesen Nachmittag genug. Übertreiben bringt nichts.