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Ex-Bayern-Profi Kapellmann:Leichenteile im Trainingslager

Sepp Maier (Mitte) und Jupp Kapellmann (links) spielen mit dem FC Bayern gegen Saarbrücken im Jahr 1977.

(Foto: Imago)

Jupp Kapellmann erklärte Mitspielern gerne an toten Körpern, wo Kreuzband und Meniskus liegen. Nun arbeitet der Ex-Bayern-Profi als Arzt in einem Land, das von Menschenrechtsorganisationen hart kritisiert wird: Saudi-Arabien.

Von Benedikt Warmbrunn

Diese Geschichte über den ehemaligen Fußballspieler Hans-Josef Kapellmann beginnt so, wie nur wenige Geschichten über ehemalige oder aktuelle Fußballspieler beginnen: mit einem Gehirn. Ein Sommer in den Siebzigerjahren, der FC Bayern fährt ins Trainingslager, und Kapellmann, der nie ein gewöhnlicher Fußballprofi war, nimmt ein Gehirn mit, eingelegt in Formalin.

Damit geht er an einem Abend zu seinem Freund, dem Torwart Sepp Maier. "Sepp, schau", sagt Kapellmann, er zeigt auf verschiedene Stellen des Gehirns, "dort bist du sehr gut ausgebildet, dort sehe ich bei dir noch etwas Potenzial, aber dort", Kapellmann tippt mehrmals auf eine Stelle, "dort wird sich bei dir niemals etwas regen." Kapellmann lacht, und weil auch Maier nie ein gewöhnlicher Fußballprofi war, lacht er mit. Dann lässt er sich das menschliche Gehirn in all seinen Einzelheiten erklären.

Der Fußballprofi Kapellmann war immer auch ein Mittler zwischen Welten, die zunächst kaum zueinander passen, und genau das, dieses Mittlersein, ist es, was sich Kapellmann aus seiner Zeit als Fußballprofi bewahrt hat. Weswegen ihn seine Geschichte schließlich nach Saudi-Arabien führen sollte.

"Irgendwann hatte ich das System so dicke"

Einer der letzten Sommernachmittage des Jahres, eine Privatklinik am Ostersee im Süden des Starnberger Sees. Kapellmann, 65, das Gesicht in einer ledernen Bräune, der Körper nach wie vor in einer athletischen Dürrheit, die Haare in einer etwas zu langen Meckihaftigkeit, verbringt hier einen letzten Nachmittag. Fast zwei Wochen lang war er in der Klinik. Ein Schwächeanfall bei der "Tour der Hoffnung", einer Benefiz-Fahrrad-Tour für leukämiekranke Kinder. Die Ursache: ein geschwächter Herzmuskel. Zwei Wochen verbringt Kapellmann also schon in der Privatklinik, er wurde auf alles durchgecheckt, er hat sich erholt. Und er hat auch gesehen, warum er, dessen Leidenschaft schon lange die Medizin ist, seit fast fünf Jahren nicht mehr in Deutschland arbeitet.

Damals, als der Fußballprofi Kapellmann seinem Mitspieler Sepp Maier die verschiedenen Bereiche des menschlichen Gehirns erklärte, war die Medizin für ihn noch ein Abenteuer. Er sah sich, den angehenden Arzt, als einen Mann, der in die verwinkelten Geheimnisse des Körpers eindrang und der mit diesem Wissen anderen Menschen helfen konnte.

Dieses Interesse hatte ihn auch 1973 vom 1. FC Köln zum FC Bayern geführt. 800 000 DM hatte der Klub für ihn bezahlt - und ihm einen Studienplatz an der LMU München besorgt. Die Ablösesumme war die Voraussetzung, die der 1. FC Köln an den Wechsel geknüpft hatte. Der Studienplatz war die Voraussetzung Kapellmanns. Noch in seiner Zeit als Profi begann er, als Assistenzarzt zu arbeiten, 23 Jahre lang praktizierte er als Orthopäde in Deutschland. "Aber irgendwann hatte ich das System so dicke."

Unangenehme Annehmlichkeit

Er wollte den Patienten nicht mehr als Nummer sehen, er wollte ihm nicht einfach nur eine schnelle Diagnose wie einen Stempel aufdrücken, und vor allem wollte er nicht operieren müssen, weil allein Operationen ihm Geld bringen. Er wollte auch nicht länger mitmachen, wenn Privatpatienten wie er in edle Kliniken wie die am Ostersee geschickt werden, Kassenpatienten aber lediglich nach Hause - als Patient ist ihm diese Annehmlichkeit unangenehm, bequem findet er es aber auch.

"Meine Vorstellung von der Medizin war immer schon eine ganzheitliche. Konservative Behandlung, Ordnung ins Leben bringen, vielleicht mal über die Ernährung nachdenken, gesünder leben", sagt Kapellmann. "Patienten sind nicht immer nur schwarz oder weiß. Patienten sind meistens im Graubereich. Man muss mit ihnen über ihr Leben nachdenken." Die Stelle des Gehirns, in der Dinge hinterfragt werden, war Kapellmann schon immer die liebste.

So kam es, dass der im heutigen Würselen geborene Weltenbürger Kapellmann, der als Kind mit seinen Cousins niederländisch und französisch sprach, der mit seinem sardischen Adoptivbruder italienisch redete, der in Köln Dolmetscher eines argentinischen Mitspielers war, der eine Finca auf Mallorca besitzt, der mit seinen Kindern einmal im Jahr Urlaub in der Ferne macht, 2010 in ein Land umzog, in dem er seine Vorstellungen moderner Medizin umsetzen konnte. Nach Saudi-Arabien.

Der Botschaftler mit dem Messer in der Hand

Ein ehemaliger Patient aus seiner Zeit in Rosenheim vermittelte ihn an eine Klinik nördlich der Hauptstadt Riad. Kapellmann darf dort eine orthopädische Station ganz nach seinen eigenen Vorstellungen leiten. Das beginnt damit, dass er und all seine Mitarbeiter ein Festgehalt bekommen - ohne Zuschläge. Also wird fast nicht operiert. 7000 Patienten hatte Kapellmann im vergangenen Jahr, aber er nahm sie nicht mehr nur als Nummern wahr. Er kann sich jetzt jedem Patienten so ausführlich widmen, wie er es für nötig hält. "Und wenn ich das Gefühl habe, dass einer eine Stunde lang reden muss, dann setze ich mich auch mal eine Stunde lang an sein Bett."

Jupp Kapellmann, 65, spielte zunächst in seiner Heimatstadt Bardenberg. Beim FC Bayern war er von 1973 bis 1979, dann wurde er Manager des TSV 1860.

(Foto: Imago)

Ausgerechnet in Saudi-Arabien, wo Menschenrechtsorganisationen zahlreiche Menschenrechtsverletzungen beklagen, fand Kapellmann zu seiner ursprünglichen Leidenschaft für die Medizin zurück. Und wurde wieder zu einem Mittler zwischen zwei Welten, die zunächst unterschiedlicher kaum sein könnten.

Kapellmann sagt: "Ich bin der Botschafter mit dem Messer in der Hand."

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