Neuperlach könnte zur Blaupause für künftige Kooperationen zwischen Kirche und Kommune in München werden. Die einen können sich ihre sanierungsbedürftigen und wegen zunehmenden Mitgliederschwunds oft gähnend leeren Immobilien in der teuren Stadt nicht mehr leisten. Die anderen suchen händeringend nach einem Dach über dem Kopf für ihre sozialen Aufgaben im dicht besiedelten Raum.
Das Evangelisch-Lutherische Zentrum der Lätarekirche an der Quiddestraße häutet sich aus diesem Grund nun notgedrungen und macht dabei unter anderem gemeinsame Sache mit der Stadt. Am Ende der Umwandlung soll ein kultureller und sozialer Mehrwert für das gesamte Quartier entstehen. So formuliert man es im Rathaus.
„Abreißen, um aufzubauen“, nennt es Pfarrer Martin Decker im aktuellen Gemeindebrief. Es gehe seit Langem darum, „den zurückgehenden Raumbedarf des Zentrums, der leider antiproportional mit wachsenden Neben- und Instandhaltungskosten einhergeht, kreativ in das Stadtteilentwicklungskonzept (ISEK) Neuperlach einzubringen“.
Ende 2022 wurde eine entsprechende Machbarkeitsstudie abgeschlossen, in der Folge ein architektonischer Realisierungswettbewerb ausgelobt, um den Standort baulich und freiraumplanerisch „kompakt“ zu entwickeln. Ziel der Transformation sei es, „das Areal des Lätare-Zentrums zu einem hybriden Stadtbaustein mit verschiedenen Funktionen und Nutzungen zu entwickeln“, zitiert Decker den Wettbewerbstext.
Es ergebe durchaus Sinn, sagt Stefan Neukamm, Leiter der Bauabteilung im evangelischen Dekanatsbezirk München auf SZ-Anfrage, „unsere Räume auch einer breiteren gesellschaftlichen Nutzung zur Verfügung zu stellen“. Priorisiert wird von den Kirchen in der Regel ein „diakonischer“ Partner, also jemand, der in christlichem Sinne eine soziale Infrastruktur bietet und sich damit gewissermaßen einkauft.
Die Lätare-Gemeinde hat für ihren Fall den Christopherus Hospiz Verein gewinnen können. Dort, wo bisher ein Parkplatz und ein Wohnhaus mit Pfarramt des Zentrums aus den 1970er-Jahren stand, wolle der Verein ein offenes Haus der Hospizarbeit mit Veranstaltungs-, Informations- und Schulungsangeboten einrichten, außerdem ein Café am Kirchplatz, teilt eine Sprecherin des Dekanatsbezirks München mit. Das bisherige Gemeindehaus werde umgebaut. Die unter Denkmalschutz stehende Lätarekirche wird erhalten, der Freiraum drum herum neu sortiert.

Auch die Stadt hat sich wesentlich in diese Transformation eingeklinkt. Das Areal der Lätarekirche im Sanierungsgebiet Neuperlach Nord sei ein „außergewöhnliches Zukunftsprojekt“ für den Stadtteil, teilt das städtische Presseamt mit. Im Rahmen der Stadtsanierung entwickle das Planungsreferat deshalb mit der evangelischen Kirche einen neuen, „vielseitigen Stadtbaustein“. Sanierungsziele seien, heißt es im spröden Verwaltungsduktus, unter anderem die Erhöhung der Aufenthaltsqualität und die Schaffung neuer Orte der Begegnung und Interaktion zur Stärkung des nachbarschaftlichen Zusammenhalts. Konkret sollen hier viele Player des Viertels Platz finden: Gesundheitstreff, Bildungslokal, Diakonie, Münchner Tafel, Heilpädagogische Tagesstätte sowie der bestehende Kindergarten.
Für die Gemeinde erheblich: „Es werden über die Städtebauförderung sowohl die Planungsschritte als auch die späteren Baumaßnahmen gefördert“, sagt Bauamtsleiter Neukamm. Die Höhe lasse sich bislang nicht beziffern.
Den ausgelobten architektonischen Realisierungswettbewerb des Dekanatsbezirks haben dieser Tage Steimle Architekten aus Stuttgart mit Lohrer, Hochrein Landschaftsarchitekten und Stadtplaner München als Erstplatzierte für sich entschieden. Was allerdings nun konkret gebaut wird, entscheidet sich erst zu einem späteren Planungszeitpunkt, sagt die Dekanatssprecherin. Alle 14 eingereichten Wettbewerbsarbeiten werden bis 23. Oktober, 10 bis 17 Uhr, in der Lätarekirche, Quiddestraße 15, ausgestellt. Von Montag, 27. Oktober, an sind die Arbeiten der ersten drei Preisträger dann in der „Quidde35 - Raum für Stadtsanierung“, Quiddestraße 35, im Schaufenster zu sehen.
Was bleibt bei all der Transformation noch an originärem Kirchenraum übrig? „Die Kirche soll auch Kultur- und Veranstaltungsraum werden und weiterhin für pastorale Gemeindearbeit zur Verfügung stehen“, sagt Neukamm sehr allgemein.
Pfarrer Martin Decker stellt im Gemeindebrief die offene Frage, wie denn all die neuen Partner auf dem Gelände des Lätare-Kirchenzentrums künftig miteinander auskommen werden? Und verweist im nächsten Satz auf mögliche Antworten in der für Ende November anberaumten Gemeindeversammlung. „Was aber außer Frage steht: Wir werden uns von manchem Liebgewonnenen verabschieden müssen und uns auf viele spannende Herausforderungen einlassen dürfen …“

