Euthanasie-Verbrechen:Als Patient ermordet

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Bezirk beleuchtet die Verstrickung seiner Kliniken in Nazi-Verbrechen

Von Bernhard Lohr

Der Bezirk Oberbayern geht bei der Aufarbeitung der Euthanasie-Verbrechen, die während der Nazi-Zeit in psychiatrischen Einrichtungen begangen wurden, in die Offensive. Eine Arbeitsgruppe soll bis Herbst ein Konzept vorlegen, wie das komplexe und lange verdrängte Thema für die Vorläufer-Kliniken in Haar-Eglfing, Taufkirchen/Vils und Wasserburg beleuchtet werden kann. Auch Ideen für eine nachhaltige Erinnerungskultur sollen entwickelt werden. Bezirkstagspräsident Josef Mederer (CSU) sagte, er wolle "pro-aktiv" die Angelegenheit angehen.

Tatsächlich hat sich der Bezirk bisher eher punktuell um Aufklärung bemüht, was die Ermordung Tausender Patienten aus ganz Oberbayern angeht, die in Tötungsanstalten geschickt wurden oder in Hungerhäusern gezielt ums Leben gebracht wurden. In Haar-Eglfing wurden alleine in der sogenannten Kinderabteilung, die laut der Historikerin Sibylle von Tiedemann eine reine Tötungsabteilung war, 312 Kinder ermordet. Es gab Gedenkveranstaltungen, an drei Orten wird alleine in Haar an die Verbrechen erinnert. Das Psychiatriemuseum in Haar widmet sich natürlich dem Thema.

Doch nun soll eine umfassende, systematische Aufarbeitung beginnen. Und zwar für sämtliche Kliniken, für die der Bezirk als Träger der Psychiatrie-Versorgung in Oberbayern verantwortlich ist. der Anstoß dazu kam von mehreren Seiten. So hat eine Arbeitsgruppe im Auftrag des NS-Dokumentationszentrums und mit Unterstützung des Bezirks Schicksale Münchner Euthanasie-Opfer recherchiert; kommendes Jahr soll ein Gedenkbuch für die Münchner Opfer erscheinen. Ähnliches stellt sich Mederer für die Opfer aus ganz Oberbayern vor. Die Archivarbeit sei intensiviert worden. Denkbar sei, später externe Fachleute dazuzuholen und einen Historiker einzubinden. "Gründlichkeit geht vor Schnelligkeit." Wie viel noch im Dunkeln liegt, wurde Mederer nach eigenem Bekunden wieder bewusst, als jüngst bekannt wurde, dass am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München bis heute Gehirnpräparate von Opfern aus den Heil- und Pflegeanstalten aufbewahrt wurden. Sobald die nun eingesetzte Arbeitsgruppe im Herbst Ergebnisse liefert, sollen laut Mederer politische Mandatsträger eingebunden werden. "Das darf nicht nur die Aufgabe der Klinik sein."

Die treibt die Aufklärung selbst voran. Der seit November amtierende Ärztliche Direktor am Isar-Amper-Klinikum, Peter Brieger, rief am Freitag das Klinikpersonal zu einem Zeitzeugengespräch zusammen; dort trat der Sohn des nach 1945 von der US-Armee eingesetzten Klinikdirektors Gerhard Schmidt auf, der wegen seiner Aufklärungsarbeit bald wieder von alten Seilschaften aus dem Amt gedrängt wurde. Es folgten bleierne Jahre des Verdrängens. Brieger sagte, dies sei "kein Thema, das abgeschlossen ist". Und an die Mitarbeiter appellierte er: "Tragen Sie es in die Klinik, in die Öffentlichkeit."

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