„Die Hedwig, die haben wohl die Nazis auf dem Gewissen“: Es war nur ein Satz des Großvaters, der in der Familie kursierte. Mehr wusste der Großneffe Christoph Poschenrieder nicht. Bis die Ahnung zur Gewissheit wurde.
Denn im Meer an Unwissen tauchte vor einigen Jahren eine Boje auf: Auf einer „Liste der unnatürlichen Tode“ in der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar, die 2018 ein Expertenteam in einem Gedenkbuch veröffentlichte, stand auch der Name Hedwig Poschenrieder. Und damit wurde offiziell, dass die Tante 1944 nicht zufällig an einer Lungenentzündung gestorben war: Sie war eines der Münchner Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde. Ihr Großneffe begann nachzuforschen – und hat nun ein beeindruckendes Buch vorgelegt, das einen so schnell nicht loslässt.
Der Münchner Schriftsteller und frühere Journalist hat akribisch recherchiert, um in „Fräulein Hedwig“ das Leben und Sterben seiner Großtante nachzuzeichnen und die Lücken zwischen den dürren Daten mit echtem Leben zu füllen; dass er sich dabei auch manche literarische Freiheit nimmt, erklärt das Etikett „Roman“. Ihm half eine Schublade voller Aufzeichnungen, Fotos, Dokumente und Briefe, die Hedwigs Schwester Marie hinterlassen hatte. Und seine eigene, bereits in Büchern wie „Das Sandkorn“ geschulte Fähigkeit, aus weiteren, in Archiven und Bibliotheken zusammengetragenen Fakten die Atmosphäre einer Epoche zu destillieren.

So zeichnet Poschenrieder zunächst ein für die Jahrhundertwende eher unauffälliges, von vielen Zwängen geprägtes Frauenleben zwischen Regensburg und München nach. 1884 wird Hedwig als erstes Kind eines baldigen Gymnasialprofessors ins aufstrebende Bürgertum hineingeboren, durch den frühen Tod des Vaters wird die Familie jedoch schwer erschüttert. Die eigentlich eher musisch begabte Hedwig muss Lehrerin werden, um die Mutter und drei jüngere Geschwister finanziell zu unterstützen. Sie leidet unter dem ihr verordneten Beruf (der damals Frauen auch noch den sogenannten „Lehrerinnen-Zölibat“ auferlegte), flüchtet in katholische Frömmelei mitsamt einem skrupulösen „Beichtfimmel“ und wird zunehmend schwermütig.
Als Hedwig 1928 beginnt, am offenen Fenster nach ihrem Beichtvater zu rufen und Gegenstände aus der Wohnung zu werfen, diagnostiziert ein Hausarzt „manisch-depressives Irresein“ und weist sie in die Psychiatrische und Nerven-Klinik in München ein. Unter Klinikchef Oswald Bumke gibt man sich dort damals modern, doch die fünfmonatige Therapie beschränkt sich auf Schlaf- und Beruhigungsmittel. Dass Hedwig in der Folge aus dem Schuldienst entlassen wird – sie nimmt es mit Erleichterung auf.
Fortan schlüpft sie wieder bei der Familie unter, gelegentlich gibt sie noch Privatunterricht. Beistand sucht sie jetzt bei der wundertätigen Resl von Konnersreuth, es scheint der Frommen zu helfen. Ob sie und die Familie sich sorgen, als die Nationalsozialisten 1933 ein „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ erlassen und einige Jahre später Menschen wie sie „zum heimlichen Abschuss freigegeben“ sind, wie Poschenrieder schreibt? Auch von Menschen mit bipolaren Störungen, wie man das Krankheitsbild heute nennen würde, will man schließlich den „Volkskörper“ rein halten.

Erinnerungskultur:Die Würde des Menschen ist nicht verhandelbar
Mit der „Bibliothek der Namen“ wird auf dem Gelände des Haarer Klinikums an das dunkelste Kapitel der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt erinnert: die Deportation und Ermordung von etwa 4000 Menschen durch die „Euthanasie“-Verbrechen während der NS-Zeit.
Doch erneut auffällig wird Hedwig erst während des Krieges. Während die Sirenen wegen Bombenalarms heulen, steht die verwahrlost wirkende Sechzigjährige in München am Fenster, schreit und schimpft. Irgendwann reicht es der Luftschutzpolizei. Hedwig wird im Juni 1944 zum zweiten Mal in die Klinik in der Nußbaumstraße überwiesen, deren geschmeidiger Chef immer noch Bumke heißt. Schnell wird sie von dort aus weiter in die Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar geschickt, wo man bereits vor Jahren begonnen hat, sich solcher „Ballastexistenzen“ zu entledigen.
Nur sechs Wochen später ist Hedwig Poschenrieder tot. Und der sonst meist sachlich die Erzählfäden ordnende Großneffe verliert ein Mal die Fassung: „warum musste diese arme Seele hier, in Eglfing-Haar“, so schreibt er, „in einem schmutzigen überfüllten Krankensaal vernachlässigt, durch Schlaf- und Beruhigungsmittel niedergehalten, hungrig, ungewaschen und einsam und allein zugrunde gehen, sterben, verrecken?“ Und er gibt sogleich die Antwort: „Weil sie es konnten. Und niemand es verhinderte.“
Die Ärzte nicht, die Kranke wie sie mit Spritzen ruhigstellten und vergifteten. Das Pflegepersonal nicht, das einigen Einfluss darauf hatte, ob jemand überlebte. „Es geht so schnell, weil man sie loswerden will“, schreibt Poschenrieder. Und zur Wahrheit gehört auch, dass selbst die Familie, mit dem eigenen Überleben beschäftigt, das Schicksal der lästigen Verwandten zunächst wenig schert.
Und so ist für den Tod der Hedwig Poschenrieder, wie ihr Großneffe am Ende wieder nüchtern referiert, nie jemand angeklagt oder verurteilt worden. Umso wichtiger ist es, dass ein Buch wie dieses laut und deutlich sagt: Es war Mord.
Christoph Poschenrieder: Fräulein Hedwig. Roman. Diogenes, 326 Seiten, 25 Euro.

