Europakonferenz in München„Nostalgie ist keine Strategie“

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Ralf Wintergerst, der CEO von Giesecke+Devrient, war Gastgeber der zehnten Europakonferenz mit Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) und Manfred Weber (CSU).
Ralf Wintergerst, der CEO von Giesecke+Devrient, war Gastgeber der zehnten Europakonferenz mit Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) und Manfred Weber (CSU). Stephan Rumpf

Auf der Münchner Europakonferenz wird nicht um den heißen Brei geredet. Gäste wie Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche, der Europaabgeordnete Manfred Weber oder Bayerns Justizminister Georg Eisenreich finden klare Worte zur politischen Lage.

Von Catherine Hoffmann

Dunkle Anzüge, munteres Stimmengewirr, Kellner mit Tabletts voller Lachs- und Käsehäppchen, dazu das Klirren von Weingläsern – in der Münchner Zentrale von Giesecke+Devrient trafen sich am Donnerstagabend Unternehmer, Politiker und Strategen zur zehnten Münchner Europakonferenz. Am Vorabend der Münchner Sicherheitskonferenz ging es jedoch nicht um Panzer oder Diplomatie, sondern um etwas, das inzwischen fast ebenso strategisch ist: digitale Souveränität. Die Frage, ob Europa gestaltet – oder gestaltet wird.

Gastgeber Ralf Wintergerst, CEO von Giesecke+Devrient und Präsident des Digitalverbands Bitkom, führte durch einen Abend, der weniger von Small Talk als von Dringlichkeit geprägt war. Europa dürfe nicht auf Sicherheit spielen, sagte er sinngemäß. „Wenn wir nur versuchen, mit einem Unentschieden rauszugehen, reicht das nicht. Wir müssen spielen, um zu gewinnen.“ Ein Satz, der hängen blieb.

Die europäische Perspektive brachte Henna Virkkunen, Vizepräsidentin der EU-Kommission. Sie sprach ruhig, aber mit Nachdruck von einem „Jetzt oder nie“-Moment. Europa habe alles, was es brauche: exzellente Forschung, tausende Start-ups, eine starke industrielle Basis. Doch all das nütze wenig, wenn es nicht schneller werde. Technologische Souveränität bedeute nicht Abschottung, sondern Handlungsfähigkeit. „Wir müssen immer die Freiheit haben zu entscheiden, mit wem und wie wir zusammenarbeiten“, sagte Virkkunen.

Bayerns Justizminister Georg Eisenreich (CSU) wurde grundsätzlich. „Die Welt, die es vor fünf Jahren gegeben hat, gibt es nicht mehr – und die kommt auch nicht mehr“, sagte er. „Wir haben einen Kampf um eine neue Weltordnung.“ Neue Machtblöcke, Protektionismus, Druck auf Demokratien und ein amerikanischer Präsident, der die Rolle als Anführer der freien Welt „gar nicht ausüben möchte“, seien eine Realität, die es anzuerkennen gelte. Wer bis dahin noch glaubte, es gehe an diesem Abend vor allem um Cloud-Architekturen, wusste nun: Es geht um das große Ganze.

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) kam ohne lange Einleitung zur Sache: „Europa muss besser werden.“ Und: „Those who fail to prepare must prepare to fail“ – wer sich nicht vorbereitet, bereitet sein eigenes Scheitern vor. Freiheit, so Reiche, sei kein Dauerzustand, sondern tägliche Arbeit. Wettbewerbsfähigkeit sei „die praktischste Form politischer Freiheit in der Weltwirtschaft“. Wer technologisch abhängig sei, verliere schleichend die Möglichkeit, selbst zu bestimmen – über Standards, Sicherheit und Wohlstand.

Es war kein Schönwetter-Vortrag. Europa sei zu langsam, Deutschland oft zu zögerlich. „Nostalgie ist keine Strategie“, sagte sie später. Und auch an die eigene Adresse gerichtet klang es nach Reformwillen: weniger lähmende Regulierung, mehr Tempo, mehr Mut zum Risiko. Freiheit verteidige sich nicht von selbst. In ähnlichem Ton forderte Manfred Weber (CSU), Vorsitzender der Münchner Europakonferenz: Europa müsse geschlossener auftreten, strategischer denken, schneller entscheiden.

Europas digitale Souveränität stand auf dem Programm dieser Jubiläumsveranstaltung in der Unternehmenszentrale von Giesecke+Devrient.
Europas digitale Souveränität stand auf dem Programm dieser Jubiläumsveranstaltung in der Unternehmenszentrale von Giesecke+Devrient. Stephan Rumpf

Neben Reiche saß auf dem Podium Gerd Chrzanowski, CEO der Schwarz Gruppe – dem Handels- und Technologiekonzern hinter Lidl und Kaufland sowie der IT-Sparte Schwarz Digits. Für ihn ist Souveränität keine theoretische Frage, sondern unternehmerische Praxis. „Abhängigkeit mögen wir nicht“, sagte er. „Unabhängigkeit ist in unserer DNA.“

Sein Unternehmen habe bereits 2017 begonnen, eine eigene Cloud-Infrastruktur aufzubauen – zu einer Zeit, als viele das für übertrieben hielten. Heute, da digitale Infrastruktur zunehmend als geopolitisches Druckmittel diskutiert wird, wirkt dieser Schritt vorausschauend. „Es geht darum, selbst entscheiden zu können“, sagte Chrzanowski.

Beim Thema KI-Gigafactories wurde er konkret. Die EU plant bis zu fünf dieser hochleistungsfähigen Rechenzentren in Europa. Sein Konzern investiere bereits Milliarden in entsprechende Infrastruktur und sei nicht zwingend auf europäische Förderung angewiesen. Kleine und mittelgroße Unternehmen könnten die enormen Kosten jedoch nicht allein stemmen. „Der Mittelstand wird eine Giga-Factory brauchen, um wettbewerbsfähig zu bleiben“, sagte er.

Als sich der Abend langsam wieder ins Networking auflöste, blieb ein Gedanke haften: Sicherheit beginnt nicht erst bei Raketenabwehr und Truppenstärke. Sie beginnt bei Chips, Clouds und der Frage, wem die Infrastruktur gehört.

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