Europäische Schule Das offene Klassenzimmer

Ein Jahr vor der Fertigstellung dürfen Besucher schon einmal über die Baustelle der Europäischen Schule am Fasangarten spazieren - mit dem Ende der Platznot will man auch Kinder aus der Nachbarschaft aufnehmen

Von Patrik Stäbler, Fasangarten

Noch ragen Kabel aus der Decke, in den Fluren stehen Gerüste neben Paletten voller Baumaterial, in der Luft liegen Staub und Baustellengeruch. Kaum vorstellbar, dass in weniger als einem Jahr an gleicher Stelle rund 1500 Schüler unterrichtet werden, im Pausenhof tollen und in der Turnhalle toben sollen - Schüler, die zum Großteil aus den 28 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union stammen. Denn in der sogenannten Ami-Siedlung, direkt am S-Bahnhof Fasangarten, baut die Europäische Schule München (ESM) eine neue Zweigstelle. Auf dem fast 45 000 Quadratmeter großen Areal sollen eine Grundschule und ein Kindergarten entstehen sowie eine Dreifachturnhalle samt großzügiger Außensportanlagen. Die Gesamtkosten des Projekts, das am Sonntag bei einem Tag der offenen Baustelle der Öffentlichkeit vorgestellt wurde: rund 78 Millionen Euro.

Erste Eindrücke von der neuen Schule verbanden sich mit einem Rahmenprogramm.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die ESM ist eine von nur 14 derartigen Schulen in der EU; gegründet wurde sie 1977 anlässlich der Eröffnung des Europäischen Patentamts. Dort arbeiten bis heute die meisten Eltern der rund 2300 Schüler der ESM, die in Neuperlach an der Elise-Aulinger-Straße über einen Kindergarten, eine Grundschule und eine höhere Schule verfügt, welche mit dem Europäischen Abitur abgeschlossen wird. Prinzipiell sind die Europäischen Schulen, an denen mehrsprachig unterrichtet wird, vor allem für Kinder jener Eltern gedacht, die bei EU-Institutionen arbeiten - für sie ist der Schulbesuch kostenlos. Überdies können die Schulen aber auch andere Kinder aufnehmen, etwa aus der Nachbarschaft; ihre Eltern zahlen ein jährliches Schulgeld von rund 3800 (Kindergarten), 5200 (Grundschule) oder 7100 Euro (höhere Schule). Solche sogenannten Privatschüler hat die ESM zuletzt kaum mehr aufgenommen: Der Standort Neuperlach, wo die höhere Schule verbleibt, platzt trotz diverser Container-Erweiterungen aus allen Nähten.

Direktorin Alexia Giannakopoulou und Generaldirektor Rudolph Ensing zeigten das Kunst-am-Bau-Modell.

(Foto: Stephan Rumpf)

Schon 2007 waren daher Überlegungen aufgekommen, eine Zweigstelle auf dem bundeseigenen Grundstück am S-Bahnhof Fasangarten zu bauen, wo bis dahin unter anderem ein Einkaufsmarkt und das alte Heizkraftwerk standen. Aus einem Architektenwettbewerb ging 2012 das Büro Léon Wohlhage aus Berlin als Sieger hervor. Basierend auf seinen Plänen begannen 2015 die Bauvorbereitungen, die jedoch alles andere als glatt verliefen. So entstanden bei der Freimachung des Baufelds nicht nur unerwartete Mehrkosten von rund drei Millionen Euro. Ende 2015 stieß man auch auf eine Fliegerbombe. In einer groß angelegten Aktion inklusive S-Bahn-Sperrung konnte der Sprengkörper erfolgreich entschärft werden.

Tag der Baustelle: Lange offene Gänge sind noch zu sehen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Seit 2016 läuft der Bau des viergruppigen Kindergartens im Westen des Geländes, der daran anschließenden Turnhalle, des Fuß- und Basketballplatzes sowie der Grundschule. Sie erstreckt sich entlang der Gleise und besteht aus fünf Einzelhäusern, die im Erdgeschoss über eine sogenannte Schulpromenade miteinander verbunden sind. Diese wiederum beinhaltet nicht nur eine Pausenhalle, sondern dient auch als Lärmschutz gegen die S-Bahn. Im Parterre der Gebäude finden sich eine Bibliothek, die Mensa, Musik- und Werkräume; die Klassenzimmer sind darüber untergebracht. Die Erschließung erfolgt auf zwei Wegen: Wer mit Bus oder Bahn anreist, gelangt über den neugestalteten Auguste-Kent-Platz ins Gebäude. Die Busse - sie spielen bei der ESM eine größere Rolle als bei anderen Schulen - gelangen über die Lincolnstraße zu einem Parkplatz im Norden des Areals, von wo aus man ebenfalls auf die Schulpromenade kommt.

Die Europäische Schule am Fasangarten direkt liegt an der S-Bahn.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die Verkehrsfrage war das heißeste Eisen bei der Planung. "Das macht uns immer noch Sorgen", sagt etwa Birgit Knoblach, die für die SPD im Bezirksausschuss Obergiesing-Fasangarten sitzt. Sie befürchtet eine zusätzliche Verkehrsbelastung durch die Busse und die vielen Eltern, die ihre Kinder bringen. Um die Situation zu entspannen, hat sich der Bezirksausschuss für eine Verbindung von der Ständler- zur Lincolnstraße über die Herbert-Quandt-Straße ausgesprochen - in Form einer Einbahnstraße. Inwiefern diese Lösung kommen wird, ist jedoch offen.

Unterdessen treibt Birgit Knoblach und viele Anwohner noch etwas anderes um: "Wir hoffen, dass die Europäische Schule im Sinne der Integration ihre Turnhalle und den Sportplatz am Abend für die Öffentlichkeit zur Verfügung stellt." In diesem Punkt signalisiert ESM-Direktor Rudolph Ensing Bereitschaft. Er macht auch jenen Eltern Hoffnung, die ihr Kind an die Schule schicken wollen, obgleich sie nicht bei einer EU-Institution arbeiten. "Wir hatten Platzmangel und deshalb eine restriktive Aufnahmepolitik", sagt Ensing. Mit der Eröffnung der neuen Zweigstelle zum Schuljahr 2019 werde diese Not jedoch ein Ende haben. Man arbeite daran, Möglichkeiten zu schaffen, "dass Schüler von Nicht-EU-Beamten aufgenommen werden".