Europa- und Weltmeisterin:Dem Gorilla ins Herz

Europa- und Weltmeisterin: Um das schwere Gerät halten zu können, macht Brigitta Reger regelmäßig Krafttraining. Auf echte Tiere könnte sie nie schießen, sagt sie.

Um das schwere Gerät halten zu können, macht Brigitta Reger regelmäßig Krafttraining. Auf echte Tiere könnte sie nie schießen, sagt sie.

(Foto: Elena Winterhalter)

Brigitta Reger kam durch ihren Sohn vor 20 Jahren zum Bowhunting, einem boomenden Sport. Dabei wird auf Tierattrappen geschossen. Heute ist die 59-Jährige eine der besten in ihrer Altersklasse

Von Elena Winterhalter, Ohlstadt

Ein eingezäuntes Waldstück bei Schwaiganger, ehemaliges Militärgelände. Brigitta Reger hat sich positioniert. Kerzengerade steht sie da, die Füße hüftbreit auseinander. Zwischen einzelnen Vogellauten ist es mucksmäuschenstill. Dann löst die 59-Jährige Zeige-, Mittel-, und Ringfinger von der bis zum Anschlag gespannten Sehne ihres Bogens. Ein knallendes Schnalzen, und mit einem dumpfen Plopp bohrt sich der Carbonpfeil in die 20 Meter entfernte Eule aus Kunstharz. Ein Volltreffer. Der Schaft mit den knallorangefarbenen Federn steckt im Innersten der drei Kreise, die auf der Tierattrappe zu sehen sind. Ein Schuss, wie er einer Meisterschützin ansteht.

Nach etlichen Europameistertiteln und Treppchenplatzierungen bei Weltmeisterschaften hat Brigitta Reger im Juni im italienischen Chianti in der Seniorenklasse die Weltmeisterschaft im Bowhunting gewonnen. So heißt der Sport, der im Gegensatz zum klassischen Bogenschießen mitten in der Natur stattfindet und seit einigen Jahren boomt. An mehreren Tagen durchlaufen die Schützen in kleinen Gruppen jeweils einen drei bis fünf Kilometer langen Parcours mit 28 Zielstationen.

Geschossen wird in zwölf unterschiedlichen Bogenklassen auf Tierattrappen oder Tierbilder, die auf Wiesen, im Wald oder in den Bergen aufgestellt werden. Eule, Biber oder Bär in Lebensgröße müssen aus einer Entfernung von maximal 54 Metern getroffen werden. Am meisten Punkte bekommen die Schützen, deren Pfeile in der sogenannten Killzone landen, einer zielscheibenförmigen Markierung auf dem Tierkörper.

Warum macht man diesen Sport? Eine echte Jagd mit Pfeil und Bogen kann sich die gelernte Damenschneiderin nicht vorstellen: "Ich würde niemals auf echte Tiere schießen. Ich hätte große Angst, das Tier nicht richtig zu treffen." Den Reiz mache für sie das Naturerlebnis aus. Viele Stunden verbringt Reger bei Wettkämpfen und dem Training draußen "bei Wind und Wetter", und erlebt eindrucksvolle Landschaften. "Dadurch, dass man sich voll auf das Schießen konzentrieren muss, taucht man in eine andere Welt ein", sagt Reger, die den Sport seit 1997 ausübt.

Auf dem Vereinsgelände der Bogenschützen Oberland stehen allerdings auch Figuren, die so gar nicht in die bayerische Wald- und Wiesenlandschaft passen wollen: Bison, Tiger und Gorilla dienen hier als Zielscheiben. Das wirkt befremdlich. Und tatsächlich darf je nach Regelungen in den austragenden Ländern bei internationalen Wettkämpfen nicht auf den Tiger und den Gorilla geschossen werden, da diese Tiere unter Naturschutz stehen. In Deutschland wird das lockerer gehandhabt. Es sind ja nur Attrappen.

Reger nimmt seit 2001 erfolgreich an internationalen Wettkämpfen teil, nur 2003 und 2008 stand sie nicht auf dem Treppchen. In ihrem Trophäenschrank in Hohenbirken (Gemeinde Bad Heilbrunn) liegen 18 internationale Medaillen. Dazwischen steht auch der ein oder andere Fußballpokal aus der Zeit, als ihr Mann Erich Reger Spieler bei der DJK Wolfram war. Und auch die drei Kinder der Regers haben zu dem Auszeichnungs-Sammelsurium im Wohnungsflur beigetragen. Schließlich war es Thomas, der älteste Sohn, dem nach und nach die ganze Familie zum Bogenschießen folgte. Aus dem Hobby des Ältesten wurde ein Familiensport.

"Der Sport boomt", sagt Walter Luksch, Präsident des Deutschen Feldbogenverbands. "Vor fünf Jahren waren es vielleicht acht bis neun Vereine, die sich unserem Verband angeschlossen hatten. Mittlerweile sind es um die 90. Das hat sich rasant verändert." Auch die Zahlen bei internationalen Wettkämpfen schnellen in die Höhe. Bei der jüngsten Weltmeisterschaft in Deutschland im Jahr 2010 waren es schon 450 Teilnehmer. Für die Bowhunter-Europameisterschaft nächstes Jahr in Oberwiesenthal hätten sich bereits 2200 Bogenschützen angemeldet, sagt Luksch.

Brigitta Reger steuert auf dem Parcours bei Schwaiganger die nächste Station an. Ein größeres Tier. Aus 54 Meter Entfernung zielt die Schützin auf einen Braunbären, der mannshoch auf seinen Hinterbeinen steht und die Tatzen zeigt. Auf den ersten Blick sieht er seinen lebendigen Artgenossen zum Verwechseln ähnlich. Die 59-Jährige steht seitlich zum Ziel, ihre rechte Hand zieht die Sehne aus Kunstfaser nach hinten bis zum sogenannten Ankerpunkt im Gesicht. Bei ihrem Bogenmodell, dem Recurve, hat die Schützin weder Zielvorrichtung noch Loslass-Hilfe, wie es andere Modelle besitzen. Selbst die Aufschrift am Mittelteil des Bogens wird bei Wettkämpfen von den Bogenprüfern abgeklebt, um zu verhindern, dass der Schütze die Entfernung zum Ziel besser schätzen kann. Die ist nämlich beim sogenannten 3D-Schießen, eben auf Tierattrappen, wie es im Bowhunting praktiziert wird, nicht angegeben.

Der Sport geht in die Arme: Bei gespannter Sehne hält Reger 34 Pfund Gewicht. Während der viertägigen internationalen Meisterschaften mit jeweils 28 Stationen am Tag und weit mehr als 100 abgeschossenen Pfeilen ist ein enormer Kraftaufwand nötig. Dementsprechend trainieren die Regers Schulter- und Rückenpartie. Dazu haben sie die roten und blauen Gymnastikbänder gleich unter dem Sofatisch verstaut. "Manchmal sitzen wir auf der Couch und machen da unsere Übungen nebenbei", sagt Brigitta Reger.

Aber nicht nur Kraft und Kondition sind entscheidend für ein gutes Schieß-Ergebnis. "Der Kopf muss auch mitmachen", sagt Reger und gesteht: "Mental bin ich nicht stark. Mich bringen oft Kleinigkeiten oder Konkurrenzsituationen in der Schießgruppe aus dem Konzept." Wenn dann zu Hause bei den Kindern zum Beispiel eine wichtige Prüfung in der Schule anstand, war die dreifache Mutter mit ihrer Konzentration nicht 100 Prozent beim Wettkampf, was sie womöglich den ein oder anderen Sieg kostete. "Deshalb bin ich so froh, dass dieses Jahr bei der WM in Italien einfach alles gepasst hat."

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