Estebar Wo sich das Publikum in Stunden um Jahrzehnte verjüngt

Wenn abends das rote Licht der Tresenbeleuchtung den Raum erhellt, wechselt das Publikum in der Estebar. Aus alt wird jung, die Vorliebe für Bier und entspannte Kneipenstimmung teilen aber alle Gäste.

(Foto: Robert Haas)

In der Estebar lösen in den Abendstunden junge Gäste die alten ab. Doch warum kommen die jungen Menschen in eine Boazn?

Von Philipp Crone

Die Verwandlung passiert nach Sonnenuntergang. Wenn in der kleinen Estebar an der Feilitzschstraße die rote Gläserwandbeleuchtung hinter dem Tresen kräftig in den Raum schimmert und die grün gestrichenen Wände im schwächeren Tageslicht verblassen. Wenn die Neonröhren der beiden Spielautomaten greller leuchten und der Barkeeper die Kerzen auf den zwei Stehtischen und dem Hütten-Ecktisch im hinteren Bereich aufstellt und anzündet, dann passiert an der Hausnummer 19 ein Wandel, der wohl selten in einer Münchner Kneipe zu sehen ist. Das Tagespublikum macht Platz.

Oft sind das Stammgäste, schon leicht ergraut und beruflich so aufgestellt, dass ein Tagesbier eher zum Standard als zur Ausnahme gehört. Fragt man abends nach, sind Beschreibungen zu hören, die den Alkoholkonsum der Tagesgäste hervorheben. Abends werden selbstverständlich hier auch Bier und andere Rauschgetränke ausgeschenkt, allerdings könnte man auf den ersten Blick stutzig werden, ob hier wirklich alle an der Theke schon volljährig sind. Das Publikum verjüngt sich in Stunden um Jahrzehnte.

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Warum kommen junge Menschen in eine Boazn? Zum einen wohl genau deshalb. Durchgestylte Lokale gibt es genug, leicht abgerissene Atmosphäre ist da vielleicht mal eine Abwechslung. Es läuft kaugummizäher Hip-Hop aus Boxen, die so aussehen, als ob sie jederzeit eine formidable Tanzparty akustisch befeuern könnten. Zudem hat der Ort etwas Selbstverständliches. Selbstverständlich keine Kleiderordnung, selbstverständlich ein Helles, auch Weißbier ist erlaubt, aber die Verweigerung jeglicher Besonderheit führt auch zu einem sehr entspannten Genuss von Bier (Ayinger Hell, 0,5 Liter, 3,20 Euro), bei dem man nur durch die aberwitzig schnelle Zapftechnik des Barmanns aus seiner angenehmen Feierabend-Bierseligkeit geschubst wird.

Mittwochabend, ein Dutzend junge Menschen, die in den ersten Zügen ihrer Ausbildung sind, sitzen zusammen. Da wirken die beiden Männer am Stehtisch beinahe wie mitgeschleifte Erziehungsberechtigte. Dabei ist es eher ein Geschäftstermin. Ein Kreativ-Bart, Mitte 40, redet auf einen grauen Anzugmann ein, der künftige Geldgeber seiner Start-up-Idee? Vielleicht stammen beide nicht aus München, dann hätte der Kreativ-Bart sicher vorab gesagt: "Lass uns in die Estebar gehen, die ist urig."

Die jungen Menschen wechseln regelmäßig in kleinen Rauchergrüppchen auf den Bürgersteig, wo ebenso regelmäßig End-Teenager vorbeiziehen. Der Wedekindplatz ist offenbar zu einem Schwabinger Jungbrunnen im Nachtleben geworden. Drinnen in der Estebar, die nach dem Vornamen des Betreibers Stefan so getauft wurde, checkt eine junge Frau mal kurz Insta, aber ansonsten läuft alles überraschend analog ab. Keine Spur von Handysucht oder was der Generation U20 sonst gerade so unterstellt wird. Das einzige, was Mode-Fetischisten monieren könnten, ist bei den Männern die auffällige Häufung vom optischen Schweighöfer-Style.

Die Gäste ignorieren die Spielautomaten, sie konzentrieren sich auf Getränk und Gespräch. Es ist fast so wie bei den Alten tagsüber.