Erziehungsfragen "Wo ist die Überwachungskamera?"

Dass Vorschulkinder in Deutschland eher spielerisch lernen, überrascht die Besucher aus China einigermaßen.

(Foto: Alexa Glawogger-Feucht)

Eine Delegation aus China macht sich im integrativen Kinderhaus Maria Trost ein Bild vom Münchner Kita-Alltag

Von Victoria Michalczak

Pfarrer Leslaw Magdziarek hat extra einen Anzug angezogen, Kirchenpflegerin Getraud Krause hält die Fotokamera bereit, selbst die Kinder hätten schon den ganzen Tag lang gefragt, wann denn der Besuch aus China endlich komme, erzählen die Erzieherinnen Judith Ettner und Julia Arlt. Die Aufregung im Kinderhaus Maria Trost in Untermenzing gilt dem Besuch einer Delegation aus Peking, die sich den integrativen Kindergarten persönlich ansehen möchte. Schon vor einer halben Stunde hätten die Gäste eintreffen sollen, Pfarrer Magdziarek läuft ungeduldig telefonierend in der Sonne hin und her.

Das Kinderhaus "Maria Trost II" besuchen etwa 70 Kinder zwischen drei und zehn Jahren. Zehn davon sind sogenannte "Integrationskinder", solche mit einer körperlichen, geistigen oder emotionalen Behinderung. In China sind gleich Hunderte Kinder in jedem Kindergarten. Die Untermenzinger rätseln, wie sie das anstellen. Endlich ertönt ein lautes Brummen und rund 30 Erwachsene entsteigen in Begleitung einiger Kinder einem weißen Reisebus. Sie versammeln sich im Eingangsbereich und beginnen sodann diesen flächendeckend abzufotografieren, während sie um ein Gruppenfoto bitten.

Das Personal des Kinderhauses schlägt leicht irritiert vor, vielleicht erst einmal zur Begrüßung zu kommen: "Ni-Men-Hao!", ruft Pfarrer Magdziarek heiter in die Runde. Das heißt auf Chinesisch so etwas wie "Hallo". Fröhlicher Applaus schallt ihm entgegen. Den Rest seiner Rede kann er auf Deutsch halten, darum kümmert sich die Übersetzerin Fang Yang.

Man habe gehört, dass Bayern ein anspruchsvolles Schulsystem habe, und sich gedacht: "Dann schauen wir uns dort Kindergärten an, denn die legen ja den Grundstein", übersetzt Frau Fang für die Leiterin der Kita-Delegation Sun Yanbing. Umso mehr wundert es Frau Sun, dass kein Unterricht im Kindergarten stattfindet: "Lernen die Kinder denn noch gar nichts?", fragt sie nach. Kita-Leiterin Julia Arlt erklärt, die Kinder würden sehr wohl lernen: freiwillig, individuell und im Spiel.

Die Gruppe zieht weiter auf die Wiese des Innenhofs der Tagesstätte, der mit Spielgeräten bestückt und von niedrigen Häusern umsäumt ist. Sofort machen die Besucher Halt und fotografieren interessiert einen Jungen, der anscheinend vor Schreck aus einer Hängematte geplumpst ist. Das Kind daneben starrt nur verständnislos in die knipsende Menge, während die chinesischen Kinder längst auf die Spielgeräte geklettert sind. Die Frauen fotografieren sich indes kniend zwischen verdutzten blonden Kindergruppen.

Dann führt das Personal durch den großen Kindergarten. Im Raum der Regenbogengruppe stimmt der Pfarrer mit den Kindern "Gottes Liebe ist so wunderbar" an, aber der Besuch beachtet vielmehr die Dekoration im Dschungel-Design. Grünes Kreppband, Stoffschlangen und gebastelte Affen baumeln von der Decke. Pfarrer Magdziarek kann nur noch höflich eine Plastikschlange hochhalten, unter der alle ins nächste Zimmer schlüpfen. Der abgedunkelte Ruheraum fasziniert mit dem Licht einer Discokugel. Der Werkraum hingegen löst helle Aufregung aus. Da liegen Sägen und Werkzeug drin, die die Kinder benutzen. Viel zu gefährlich, finden offenbar die Gäste aus Asien.

Am meisten aber beeindruckt die Vertreter der größten chinesischen Kindergartenkette "RYB" die direkte Grenze zum Wald. So etwas gebe es bei ihnen nicht. Während des Rundgangs kommen bei der chinesischen Delegation einige Fragen auf, die sie anschließend im Pfarrsaal stellen: Wo sind die Überwachungskameras? Wollen die Eltern nicht jederzeit wissen, was ihre Kleinen tun? Und wenn sich ein Kind verletzt, wird der Kindergarten dann verklagt? Schmunzelnd erläutert Julia Arlt, das sei noch nie passiert. Sollte sich mal ein Kind wehtun, rufe man die Eltern auf dem Handy an. Nein, die seien dann auch nicht sauer. Die Besucher nicken interessiert und kauen ihre Brezen.

Mit der Zeit tippt die Dolmetscherin immer häufiger auf die Uhr. Die Gruppe muss weiter, um sich den Waldkindergarten anzusehen. Rasch werden Gastgeschenke getauscht. Und dann, so schnell wie er gekommen ist, braust der große weiße Reisebus wieder davon.