Olympiadorf Kinderkrippe muss wegen Erziehermangels schließen

Jetzt sind auch die Kinder der Kinderkrippe Frieden Christi, hier vor ihrem bisherigen Hort im Olympiadorf, von der Schließung betroffen.

(Foto: Florian Peljak)
  • Die einzige öffentliche Krippe im Olympiadorf muss bald wegen Erziehermangels schließen. Dort kommt künftig nur noch eine Krippe auf 6000 Einwohner.
  • In anderen Einrichtungen der Landeshauptstadt fehlen ebenfalls Fachkräfte. Dadurch kann es immer wieder zu Engpässen kommen.
Von Jerzy Sobotta

Das Olympiadorf ist eigentlich ein idealer Ort, um eine Familie zu gründen. Der Meinung sind auch Til und Melanie Huber, die schon lange dort wohnen und vor einigen Monaten ihr drittes Kind bekommen haben. Vor ihrer Wohnung spielen die beiden Älteren mit den Nachbarskindern und ins Grüne hat es die junge Familie auch nicht weit. Nun aber ist die Stimmung getrübt, weil die jungen Eltern um einen Krippenplatz für ihr neugeborenes Kind bangen.

Die einzige öffentliche Krippe im Olympiadorf steht vor dem Aus. Grund dafür ist, dass die Leitung der Krippe Frieden Christi kein neues Personal mehr findet. Nachdem vor einem Jahr eine Kinderpflegerin gekündigt hatte, konnte ihre Stelle bis heute nicht nachbesetzt werden. Nun hat zu Ende August auch noch die zweite Fachkraft der Krippe gekündigt.

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Auf gut 6000 Einwohner kommen im Olympiadorf bislang zwei Krippen. Eine ist privat, die andere öffentlich in Trägerschaft der katholischen Kirche. Sie ist Teil des Hauses der Kinder, in dem sich auch ein Kindergarten und ein Hort befindet. "Voraussichtlich kann die eingruppige Krippe im neuen Schuljahr 2019/2020 vorerst nicht weiter betrieben werden", bestätigt die Erzdiözese München und Freising der SZ. Die Suche nach Personal gehe allerdings weiter und auch die Betriebserlaubnis für die Krippe bleibe bestehen. "Wenn die Krippe einmal geschlossen ist, dann wird es sehr schwierig, sie wieder zu öffnen", sagt Enikö Roszjár vom Elternbeirat.

Schon in diesem Jahr sei nur die Hälfte der Krippenplätze für eigentlich zehn Kinder belegt. "Und das nur durch die Mithilfe der Eltern und von Betreuern aus dem Hort", sagt Roszjár. Lange hätten die Eltern unterschätzt, wie schwierig es mittlerweile in München geworden ist, eine Pflege- oder Erziehungskraft zu finden. "Wir hätten anfangs nie gedacht, dass es so ernst werden könnte und irgendwann die Schließung droht", sagt Til Huber, dessen dreijähriger Sohn bis vor Kurzem in der Krippe war.

Bald ist es so weit und die Hubers befürchten, dass sie ihr kleinstes Kind quer durch München fahren müssen. Das betrifft auch andere Eltern, denn das Interesse nach den Krippenplätzen in Frieden Christi ist groß. Verantwortung für die drohende Schließung sehen die Hubers und Roszjár neben dem allgemeinen Mangel an Erziehungspersonal auch beim Träger, dem Katholischen Kita-Verbund München Nord des Erzbistums München Freising. Der habe lange nur halbherzig in der Kirchenzeitung nach neuen Kräften gesucht. Als im Februar 2018 erstmals von einer möglichen Schließung der Krippe die Rede gewesen sei, bemühten sich die alarmierten Eltern selbst um eine Neubesetzung. Sie organisierten einen Tag der offenen Tür, inserierten auf kostenpflichtigen Websites. Doch auch ihre Bemühungen blieben ohne Erfolg.

Werbung ohne Erfolg

Die Kirche gibt an, ihre offenen Stellen auf verschiedenen Wegen beworben zu haben: Im Internet, auf fachspezifischen und allgemeinen Stellenportalen im Internet, bei der Arbeitsagentur, dem Erzbistum und anderen Kindergärten. "Die Resonanz war leider sehr gering. Die wenigen Bewerbungen, die es zuletzt gab, bezogen sich auf den Kindergarten und den Hort, nicht auf die Krippe. Der Arbeitsmarkt für pädagogische Kräfte ist leider generell nahezu leergefegt", heißt es dazu auf Anfrage. Im Internet finden sich zurzeit weitere Stellenanzeigen des Katholischen Kitaverbundes für den Hort und den Kindergarten in St. Agnes in der Lerchenau sowie dem Kindergarten St. Mauritius in Moosach. Überhaupt würden in fast allen Kindertageseinrichtungen der Kirche Fachkräfte gesucht, sagt das Ordinariat. Weitere Schließungen drohten derzeit aber nicht.

In den Einrichtungen der Landeshauptstadt sind 8,5 Prozent der Stellen für Erzieher und 7,2 Prozent der für Kinderpfleger unbesetzt. Daher komme es immer wieder zu kurzfristigen Engpässen. Schließen musste deshalb eine städtische Kindertageseinrichtung bislang allerdings nicht, heißt es beim Referat für Bildung und Sport.

Dass es die Eltern im Norden Münchens schwerer haben, als in vielen anderen Teilen der Stadt, zeigt ein Blick in die Statistik: Die Versorgungsrate von ein- bis dreijährigen Kindern liegt in Milbertshofen-Am Hart mit 43 Prozent deutlich unter dem stadtweiten Durchschnitt von 63 Prozent. Auch der Stadtbezirk Feldmoching-Hasenbergl liegt mit 51 Prozent darunter.

Für die Krippe Frieden Christi fordert Til Huber mehr Bemühungen von der Kirche: "Da muss man mehr Geld in die Hand nehmen", sagt er und regt einen Headhunter an, der neue Angestellte finden soll. Notfalls müsse man die Bezahlung verbessern. Diese richtet sich in den katholischen Einrichtungen nach dem Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst, sodass sie mit städtischen Einrichtungen nahezu identisch ist. Neben einem Grundgehalt bekommen Pfleger und Erzieher die sogenannte Münchenzulage von etwa 130 Euro und seit 2014 eine Arbeitsmarktzulage von 200 Euro. Zusammen mit Tariferhöhungen hätte sich das Gehalt in den vergangenen zehn Jahren so um fast 50 Prozent gesteigert, sagt das Bildungsreferat. Das Einstiegsgehalt für Erzieher nach der Ausbildung betrage derzeit 3336 Euro.

Die Situation ist vielerorts angespannt

In einem mehrjährigen Investitionsprogramm schafft die Stadt für 320 Millionen Euro von 2016 bis 2020 weitere 2500 Krippen- und 4600 Kindergartenplätze. Auch an der Piccoloministraße in Milbertshofen ist im vergangenen Jahr eine neue Einrichtung mit einer Krippe und einer mobilen Tagesbetreuung entstanden. Die Eröffnung war schon für vergangenen Oktober geplant, musste allerdings wegen Fachkräftemangel verschoben werden. "Wir haben mittlerweile zwar mehr Bewerber als vergangenes Jahr", sagt die Krippenleiterin Maria Zeller. "Aber die Situation ist immer noch angespannt." Dass es am Gehalt der Fachkräfte liegt, glaubt sie allerdings nicht. Das Problem sei vielmehr, dass die fünfjährige Ausbildung in der Regel nicht vergütet ist. "Viele junge Leute gehen deswegen in andere Berufe", weiß Zeller aus Gesprächen mit Schulabgängern.

Die Stadt und das Land Bayern wollen daher mit alternativen Ausbildungswegen gegensteuern. Ein Beispiel ist das Programm Optiprax, das vom Freistaat seit 2016 erprobt wird. Es bietet eine praxisnahe dreijährige Ausbildung, die mit etwa 1100 bis 1250 Euro im Monat vergütet wird. Außerdem werbe die Stadt gezielt auf Azubimessen, Infotagen, Schnupperwochenenden und mit großflächigen Plakatkampagnen sowie Radiowerbung.

Langfristig könnten solche Bemühungen den Leerstand in Krippen, Kindergärten und Horten zumindest ein Stück weit verkleinern. Den Hubers, die ihr Kind in die Krippe Frieden Christi schicken wollten, werden sie aber nicht mehr helfen. Es sei denn, es findet sich bis zum Sommer noch eine Erzieherin.

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