Erzieher-Ausstand:Kein Streik wie jeder andere

Erzieher-Ausstand: Ernste Stimmung: Mit einem Schweigemarsch ziehen Erzieher am Dienstag vor das Rathaus, um für bessere Arbeitsbedingungen zu demonstrieren.

Ernste Stimmung: Mit einem Schweigemarsch ziehen Erzieher am Dienstag vor das Rathaus, um für bessere Arbeitsbedingungen zu demonstrieren.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die vierte Woche in Folge: Zwei Drittel der städtischen Kitas sind geschlossen. Mit einem Schweigemarsch ziehen Erzieher, Eltern und Gewerkschaften vor das Rathaus. Es ist eine von vielen Aktionen, um den Druck auf die Arbeitgeber zu erhöhen. Ein Überblick der vergangenen Wochen

Von Inga Rahmsdorf

Es ist ein besonderer Streik. Bei dem Ausstand der Erzieher, Kinderpfleger und Sozialarbeiter sind nicht nur Gewerkschaften, kommunale Arbeitgeber und Arbeitnehmer involviert, sondern auch Kinder und Eltern. Sie leiden wohl am stärksten unter dem Streik, denn für sie wird es zunehmend schwieriger, zu improvisieren und eine Betreuung zu organisieren, weil viele Kitas in München bereits seit mehreren Wochen geschlossen sind. Am Dienstag zogen Gewerkschaften, Erzieher und Eltern bei einem Schweigemarsch durch die Stadt. Schweigemarsch, Menschenkette, Singen im Rathaus - das Besondere an diesem Streik sind auch die unterschiedlichen Proteste. Ein Überblick.

Roter Teppich

21. April: Der Karlsplatz wird zum sozialen Promi-Lauf. Um zu zeigen, wer die wirklichen Stars der Gesellschaft sind, laufen am Stachus Menschen aus sozialen und erzieherischen Berufen über einen roten Teppich und werden geehrt unter dem Motto: "Richtig was wert". Gewerkschaften und Arbeitgeber kommen in den Tarifverhandlungen zu keiner Einigung.

Aufruf zum Streik

8. Mai: Die Gewerkschaften rufen zum Streik auf, denn die überwiegende Mehrheit ihrer Mitglieder hat für einen Ausstand im Sozial- und Erziehungsdienst gestimmt. Verdi und GEW fordern für die bundesweit 240 000 Beschäftigten eine bessere Eingruppierung, im Schnitt wären das etwa zehn Prozent mehr Lohn.

Kitas schließen

11. Mai: Streikbeginn. Etwa zwei Drittel der städtischen Kindertagesstätten in München schließen, das Bildungsreferat stellt 1000 Notplätze zur Verfügung. In den Sozialbürgerhäusern legen etwa 60 Mitarbeiter die Arbeit nieder, zwei der fünf Kindertagestreffs öffnen nicht. Auf dem Karlsplatz demonstrieren Angaben der Gewerkschaften zufolge etwa 4000 Menschen.

Bunter Demonstrationszug

18. Mai: Anders als sonst üblich, legen die Gewerkschaften die Kundgebung auf den frühen Abend, damit mehr Münchner und die Kollegen von den freien Trägern Zeit haben, ihre Solidarität auszudrücken. Und die Beteiligung ist groß: Mit einem bunten Demonstrationszug und etwa 4000 Teilnehmern geht es durch die Stadt.

Wütende Eltern im Rathaus

21. Mai: Viele Eltern sind verzweifelt und ziehen singend durch die Gänge des Rathauses unter dem Motto: "Wir kommen, um zu stören." 50 Eltern und Kinder konfrontieren Armin Auer, Geschäftsführer des Kommunalen Arbeitgeberverbands Bayern, mit ihren Sorgen. Verdi geht auf die Eltern zu und bietet an, die Notgruppen von 1000 auf 3000 Plätze aufzustocken.

Isar-Indianer singt

27. Mai: Eltern rufen selbst zu einer Demonstration auf und laden die Gewerkschaften GEW und Verdi, den Arbeitgeberverband (VKA) und Vertreter der Stadt München ein. Etwa 2500 Protestler kommen. Der Münchner Liedermacher Willy Michl tritt auf dem Marienplatz auf und unterstützt die Streikenden - und singt.

Menschenkette um das Rathaus

29. Mai: Etwa 2000 Menschen versammeln sich in der Innenstadt unter dem Motto: "Hand in Hand Stärke zeigen - Gemeinsam für die Aufwertung sozialer und erzieherischer Berufe - Jetzt!" Sozialpädagogen, Heilpädagogen, Kindheitspflegerinnen, Erzieherinnen, Kita-Leitungen und Eltern bilden pfeifend eine Menschenkette ums Rathaus, weil so viele gekommen waren sogar in mehreren Reihen.

Dialog mit den Eltern

1. Juni: Bei vielen Eltern wächst die Verzweiflung, und ihr Verständnis für den Streik sinkt. Doch die Gewerkschaften brauchen die Eltern, und so betonen sie, wie wichtig ihnen der Dialog ist. Die Arbeitnehmervertreter laden Eltern zu einer Protestversammlung ein, etwa 1000 Teilnehmer kommen auf den Marienplatz. Nach sechswöchiger Pause treffen sich Gewerkschaften und Arbeitgeber erstmals wieder zu Verhandlungen. Verdi-Chef Frank Bsirske stellt ein baldiges Streik-Ende in Sicht. Die Kitas bleiben aber geschlossen.

Schweigemarsch

2. Juni: Die Stimmung wird ernster. Ohne Trillerpfeifen und schwarz gekleidet ziehen etwa 800 bis 1000 Menschen bei einem Schweigemarsch von der Schwanthalerstraße zum Rathaus. "Wir halten jetzt durch", sagt Heinrich Birner, Verdi-Geschäftsführer in München. Die Verhandlungen dauern an. Solange kein annehmbares Ergebnis vorliegt, werde gestreikt, sagen die Gewerkschaften. Wann die Kitas wieder öffnen, ist unklar.

Es geht weiter Für diesen Mittwoch ist die nächste Demo angekündigt: Um 11.30 Uhr protestieren Sozialarbeiter am Sendlinger Tor.

© SZ vom 03.06.2015
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