Frohe Botschaften gehören bei engagierten Laien in katholischen Pfarrgemeinden nur mehr partiell zum Tagesgeschäft. Oft sind sie es, die Frust und Ärger abbekommen von Menschen, die sich von ihrer Kirche abwenden oder ihr lange schon kritisch gegenüberstehen. Weil sie Nachbarn und damit leicht greifbar sind, werden sie gern nach Antworten gefragt auf die zahllosen Missbrauchsfälle in der Institution oder die ewig währende Ungleichbehandlung von Frauen. Am 1. März wählen die Katholiken in Bayern ihre Ehrenamtlichen wieder in den Pfarrgemeinderat – auch in den 111 Pfarreien der Landeshauptstadt.
Der Pfarrgemeinderat setzt oft den Ton im Leben einer Pfarrei: Das geht von der Entscheidung über die gesellschaftliche Angebots-Palette rund um den Kirchturm, etwa Nachbarschaftshilfe, Bildungsprogramme oder Geflüchtetenhilfe, bis zur Bestimmung pastoraler Schwerpunkte wie Eltern-Kind-Gottesdienste. Wahlberechtigt ist, wer das 14. Lebensjahr vollendet hat, gewählt werden können Gemeindemitglieder ab einem Alter von 16. Alle vier Jahre wird zu den Urnen gerufen, seit 2022 auch online. Die Wahl des Pfarrgemeinderats ist eines der raren demokratischen Verfahren in der katholischen Kirche.
Wir haben Menschen, die innerhalb Münchens in einem besonders herausfordernden Kirchenumfeld aktiv sind, nach dem Grund ihres Engagements gefragt: Die Grundschullehrerin, die sich für Gleichberechtigung in der Kirche einsetzt, die Heilpraktikerin, deren Pfarrkirche St. Mauritius in Moosach die erste nach Jahrzehnten in München sein könnte, die profaniert und verkauft wird. Außerdem die Studentin, die im Pilotprojekt Ideen entwickelt, wie in künftig immer weniger kirchlichen Gebäuden ein neues Netz an pastoralen Angeboten geknüpft werden kann. Schließlich den Abiturienten, der Zeltlager für die jüngsten Gemeindemitglieder organisiert, statt durch die Clubs zu ziehen wie andere in seinem Alter.
Sybille Schraml, Heilpraktikerin, 62, St. Mauritius Moosach

Wir stehen in unserer Pfarrgemeinde vor ziemlich großen Herausforderungen. Das denkmalgeschützte Ensemble im brutalistischen Baustil, also die Kirche mit Turm und Pfarrheim, ist dringend sanierungsbedürftig. Wasser läuft in die Kirche. Wir können uns die Sanierung aber nicht leisten. Deshalb sind wir in Gesprächen mit Interessenten, die eine andere, sinnvolle Nutzung für unser Kirchengebäude haben.
Man kann das natürlich alles schrecklich finden. Aber ich persönlich denke, das ganze Leben ist ein Werden und Vergehen, ein Transformationsprozess. Wir sind da nicht nur als Kirche, sondern als Gesellschaft mittendrin.
Ich bin jetzt seit acht Jahren im Pfarrgemeinderat. Mich regt Lamento auf, ich tendiere generell dazu, wo es möglich ist, ein Licht anzuzünden, und will diesen Wandel mitgestalten.

Kein Geld für die Kirchen:Wenn das Gotteshaus womöglich zum Ladenzentrum wird
St. Mauritius in Moosach könnte die erste katholische Kirche seit Jahrzehnten werden, die in München kein sakraler Ort mehr sein darf. Die Pfarrgemeinde kann sich den Unterhalt nicht mehr leisten. Deutschlandweit stehen Tausende Kirchen vor dem gleichen Problem.
Das Potenzial von St. Mauritius ist groß und es ist wunderbar, dass es jetzt Interessenten gibt, die dieses Potenzial sehen und bereit sind, dafür Geld in die Hand zu nehmen, und auch Möglichkeiten eröffnen, dass die Gemeinde trotzdem ihre Kirche und Räume mitnutzen und irgendwie beheimatet bleiben kann. Einen Platz, der im Grunde mit einem Flatterband umspannt ist, wieder in etwas Belebtes umzuwandeln, wo Begegnung stattfindet in diesen herausfordernden Zeiten. Das ist für mich die Besinnung auf das Wesentliche, ein göttlicher Funke. Inzwischen macht sich bei uns so was wie verhaltene Aufbruchsstimmung breit. Das motiviert mich auch weiterzumachen.
Tanja Daubner, 54, Grundschullehrerin, Pfarrei Fronleichnam Hadern

Ich will, dass Frauen die gleichen Rechte wie Männer in der Kirche haben. Das ist meine zentrale Forderung und deshalb engagiere ich mich bei der Reformbewegung Maria 2.0.
Seit etwa vier Jahren gibt es in der Erzdiözese München und Freising Wortgottesfeiern von engagierten Gläubigen. Seither halten überwiegend Frauen bei uns im Pfarrverband Salvator Mundi einmal im Monat, auch an Sonntagen, Wortgottesfeiern. Das ist für mich fast gleichzusetzen mit einem Gottesdienst, nur dass Laien ohne Theologiestudium am Altar stehen und predigen. Die Predigten sind gut und aus dem Leben gegriffen. In unserem Pfarrverband machen das sieben Frauen und drei Männer. Vier weitere lassen sich gerade ausbilden.
Durch diese Einführung ist eine Hierarchie aufgebrochen worden. Es ist eine Chance, die man nutzen sollte. Es ist neues liturgisches Leben sichtbar. Mich freut das. Ich bin seit vergangener Wahlperiode im Pfarrgemeinderat aktiv. Wir unterstützen diese neuen Wortgottesfeiern. Ich bin richtig stolz, dass sie bei uns von den Gläubigen sehr gut angenommen werden.
Die Kirche vor Ort ist es, die mich motiviert, noch einmal für den Pfarrgemeinderat zu kandidieren. Dass ich mich einsetzen kann, dass zumindest hier Frauen akzeptiert werden. Was die Institution Kirche angeht, bin ich mir unsicher, ob ich Hoffnung auf Veränderung haben kann. Meine Motivation ist, dass sich von unten etwas ändert.
Ansonsten ist für mich Kirche immer ein offener Raum. Ich komme aus meiner Blase raus. Ich treffe Menschen mit unterschiedlichen politischen Ansichten, unterschiedlicher Herkunft, Junge, Alte, Kranke und Gesunde und somit sehe ich die Vielfalt der Gesellschaft. Das fasziniert mich. Hier ist mein Lebensraum, den ich gern mitgestalten möchte.
Ferdinand Schmidbauer, 19, Abiturient, St. Martin Untermenzing

Das Engagement in unserer Pfarrgemeinde ist eine Konstante in meinem Leben. Ich setze mich da jetzt seit elf Jahren ein, es hat angefangen als Schnupper-Ministrant, jetzt bin ich Oberministrant, Firmgruppenleiter, ich organisiere Zeltlager und bin beim Maibaum aufstellen dabei, hab gelernt, für Kinder Gruppenstunden zu gestalten und einfach mit anderen Menschen umzugehen. Es ist ein Ort, an dem man extrem viele Sachen fürs Leben lernt, auch Verantwortung zu übernehmen und eine Gemeinschaft findet, die immer da ist. Jeden Freitag trifft sich bei uns die Jugend, das macht enorm viel Spaß.
Auf mich sind Leute zugekommen und haben gefragt, ob ich für den Pfarrgemeinderat kandidieren will. Beim letzten Mal gab es keinen direkt gewählten Vertreter aus der Jugend im Gremium. Ich hab’ mich dafür entschieden mitzumachen, weil es noch mal eine andere, eine coole Rolle ist und ich als junger Mensch vielleicht eine andere Perspektive und frischen Wind mitbringe. Ich will mich dafür einsetzen, dass die Jugendarbeit weitergeführt wird und auch die nachkommende Generation genauso schöne Erfahrungen hier machen kann wie ich.
Lena Crhak, 22, Master-Studentin, St. Nikolaus Neuried

In unserm Dekanat läuft das einzige Münchner Pilotprojekt der Erzdiözese München und Freising zum „Gesamtstrategieprozess Immobilien und Pastoral“. Wir sind insgesamt 14 Pfarreien von Neuried bis Thalkirchen. Es geht darum zu klären, welche Gebäude wir uns künftig noch leisten wollen und können und mit welchem pastoralen Angebot. Ich bin seit vier Jahren im Pfarrgemeinderat und kümmere mich in der Projektgruppe darum, wie christliches Leben und Pastorales weiter bestehen können – trotz finanzieller Notsituation.
Ich habe den Eindruck, auch in unserer Pfarrgemeinde ist vielen die Not nicht bewusst, weil wir eine relativ neue Pfarrkirche haben und die Dorfkirche auch 2017/2018 restauriert wurde. Aber auch auf uns wird zukommen, dass wir uns mit den anderen vernetzen müssen, weil wir bei uns nicht mehr alles anbieten können. Es wird eine Herausforderung, da alle mitzunehmen. Es gibt immer die Sorge um Veränderungen. Um uns überhaupt austauschen zu können, haben wir alle Pfarreien nach ihren pastoralen Aktivitäten abgefragt. Das war sehr mühsam.
Ich wurde in St. Nikolaus getauft, gefirmt, habe da ministriert, es ist meine Heimatgemeinde. Ich habe gerade als junger Mensch das Gefühl, dass ich bei diesem Umgestaltungsprozess dabei sein sollte, weil ich jemand bin, der hier viel Zukunft hat und diesen Prozess komplett erleben wird. Deshalb möchte ich ihn mitgestalten, um für mich, aber auch die nächste Generation eine gute Lösung zu schaffen. In einigen Jahren wird das Pfarrleben ganz anders aussehen.

