Am Nikolausabend ist draußen in der Fußgängerzone kaum ein Durchkommen: Im Schein der Christkindlmarkt-Buden schiebt sich Mensch an Mensch durch die Neuhauser Straße auf der Suche nach Geschenken, Weihnachtsstimmung und womöglich auch nach dem ganzen Sinn dieser adventlichen Rushhour. Drinnen, hinter der schweren Holzpforte von St. Michael, haben zur gleichen Zeit 50 Menschen gefunden, was sie wohl vermisst haben: den Heiligen Geist oder – weniger salopp – eine spirituelle Heimstatt.
Der Altarraum der prächtigen Jesuitenkirche ist umstellt von 31 Männern und 19 Frauen, viele tragen dunkle Festgarderobe, Anzug mit weißem Hemd, auch mal langes Kleid. Kardinal Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising, spendet an diesem zweiten Adventswochenende die Firmung und diesmal nicht wie üblich an Menschen in jugendlichem Alter, sondern ausschließlich an Spätberufene, an Erwachsene. Mit diesem dritten Sakrament nach Taufe und Kommunion bekennen sich Christen gewissermaßen selbstbestimmt zum katholischen Glauben. In Zeiten, da der Institution gleichzeitig immer mehr Menschen den Rücken kehren.
In jeder Hinsicht ein weites Feld, das sich am Samstagabend kurz nach 18 Uhr im Altarraum auftut: Erstmals gibt es Firmlinge, die inzwischen im Erzbistum leben und größtenteils in Deutschland geboren wurden und doch aus allen fünf Kontinenten der Welt stammen. Menschen aus Sumatra sind dabei, aus Südafrika oder aus den USA.
Der Jüngste ist 19, der Älteste 78. „Die Kerngruppe ist zwischen 25 und 30 Jahre alt“, hat am Nachmittag vor dem feierlichen Gottesdienst Thomas Hürten erzählt. Der Pastoralreferent ist Fachreferent für Glaubensorientierung in der Erzdiözese München und Freising und bereitet die Gruppen auf dieses Sakrament vor, das zweimal im Jahr an Erwachsene gespendet wird. „Ein Drittel sind immer Konvertiten“, sagt Hürten, „fast ausnahmslos aus dem freikirchlichen oder anders evangelischen Bereich.“
Hilko Nikolaus Denekas ist einer von ihnen. Der 45-Jährige ist in einem kleinen ostfriesischen Dorf aufgewachsen, „urprotestantisch“ und in seiner einstigen Kirche auch engagiert, wie er vor Gottesdienstbeginn vor einem Seitenaltar erzählt. Sein Haar hat der Herrenausstatter zurückgegelt, seine Garderobe ist auf Maß geschneidert.

Seit 20 Jahren liebäugle er schon damit, die Konfession zu wechseln und sich den Katholiken anzuschließen. Warum? „Die evangelische Kirche wendet sich verstärkt weltlichen Themen zu und ab von den Geheimnissen des Glaubens und der Mystik.“ Bei der Schwesterkirche dagegen finde er dies. „Die katholische Kirche ist außerdem eine Weltkirche, die ist überall gleich, egal, ob ich in München bin, in Rom, Afrika oder Asien. Das Weltumspannende finde ich großartig!“
Die Missbrauchsfälle in der Kirche, ein Grund für massenhafte Austritte, sei für ihn „selbstverständlich“ ein Thema gewesen. „Es ist grauenhaft, was den Opfern angetan wurde, man hätte sich von Anfang an von solchen Kriminellen, und nichts anderes sind die Täter, abwenden und sie dem Strafgericht zuführen müssen.“ In seinen Augen finde innerhalb der katholische Kirche inzwischen eine Umkehr statt, die er für glaubwürdig halte. „Ich sehe gerade auch hier in München ernsthafte Bemühungen.“
In seinem Umfeld müsse er sich wegen seines Wechsels zu den Katholiken durchaus erklären, es gehe dabei nicht nur um Missbrauchsthemen, sondern „um Vorurteile über den katholischen Ritus und goldbarocken Prunk, die Vorurteile hatte ich früher ja auch selbst.“ Aber durch etliche Besuche in Gemeinden und etwa einen in der katholischen Kirche engagierten guten Freund, habe er „tiefere Einblicke“ erhalten.
Ganz ohne Bürokratie lässt sich die spirituelle Heimat nicht wechseln: Am Tag vor der Firmung ist Hilko Nikolaus („Mein Firmname und Lieblingsheiliger“) Denekas aus der evangelischen Kirche ausgetreten. Nach der Firmung meldet er sich als Mitglied der katholischen Kirche an.


Neben dem Block an Konvertiten, sagt Pastoralreferent Thomas Hürten, gibt es zwei weitere stabile Gruppen, die sich als Erwachsene firmen ließen: welche, die als Jugendliche die Firmung verpasst oder keine Lust darauf hatten. „Da gibt es manchmal so ein verspätetes religiöses Erwachen und sie melden sich zehn Jahre später, haben Ausbildung, Studium abgeschlossen und jetzt beginnt eine neue Phase des Nachdenkens und die Frage nach dem ganzen Sinn des Daseins.“
Die dritte Gruppe bildeten schließlich Menschen, die Paten werden wollten und dafür gefirmt sein müssen, oder solche aus anderen Ländern, die in Deutschland leben, aber in ihrer Heimat katholisch heiraten wollen – was dort ohne Firmung nicht zugelassen werde, etwa in Italien, Kroatien, Portugal, Polen oder Spanien.
Ein Firmling nach dem anderen tritt, begleitet von seinem Paten, auf Reinhard Marx zu, kniet nieder. Der Erzbischof zeichnet im Gottesdienst mit dem Daumen ein Kreuz aus Chrisam-Öl auf die Stirn der 50, als Zeichen für den Bund zwischen Gott und den Menschen. Bereits davor hat der Kardinal von der Bedeutung der Gemeinschaft der Christen in einer zunehmend polarisierten Welt gesprochen. „Das Volk Gottes ist in der modernen Welt mit all ihren Schattenseiten ein kraftvolles Zeichen, dass wir Menschen eine Gemeinschaft sind, dass wir ohne Liebe und Hoffnung nicht leben können und dass es einen Gott gibt, der den Weg mit uns geht.“
Insgesamt haben in diesem Jahr 85 Erwachsene in München das Sakrament der Firmung empfangen. 2024 waren es 62, 2023 noch 45. An sieben Abenden hat Thomas Hürten sie jeweils in einer Art Grundkurs katholischen Glaubens vorbereitet. Er nehme bei den Aspiranten eine verstärkte Suche nach Sinn wahr. „Es gibt eine Banalität des Daseins für manche Leute, die darin besteht, immer nur die eigenen persönlichen Ziele zu verfolgen – und das angesichts der Katastrophen in der Welt.“ Auftrag von Gefirmten sei es, der Gesellschaft zu dienen.
Draußen vor der Pforte von St. Michael ist die adventliche Suche ebenfalls weitergegangen.

