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Erzählungen:Aus der Distanz zu sich selbst

Erzählt Schwermütiges in federleichter Sprache: Ayeda Alavie.

(Foto: Hagebutte Verlag)

Die Iranerin Ayeda Alavie findet im Deutschen "neuen Raum zum Nachdenken".

Von Yvonne Poppek

"Deutsch ist wie ein Fenster, mit starkem Rahmen und zugleich durchsichtigen, klaren Scheiben", schreibt Ayeda Alavie im Vorwort ihres schmalen Erzählbandes "Ein Bild von mir". "Auf Deutsch kann ich um die Vergangenheit trauern und trotzdem die Trauer überstehen", notiert die Autorin an anderer Stelle. Deutsch gebe ihr neuen Raum zum Nachdenken. "Es schenkt mir Distanz. Zu mir selbst."

Tatsächlich ist ein Fremdeln mit der deutschen Sprache in Alavies Texten nicht zu erkennen. Die Autorin und Übersetzerin wurde 1974 im Iran geboren, 2000 kam sie nach Deutschland. In ihrer Heimat übersetzte, verfasste und illustrierte sie Bücher für Kinder und Jugendliche. Zudem schreibt sie eben auf Deutsch. Es sind Texte, die das Kunststück vollbringen, Schwermütiges in federleichter Sprache zu erzählen. Zum Beispiel in "Das": Die Ich-Erzählerin, die man augenblicklich mit Alavie verbindet, erzählt hier von ihrem ersten Job in Deutschland, bei dem sie in einer Fabrik Nüsse verpackt. Deutsch kommt dort "sparsam zum Einsatz". Eine Vorarbeiterin benutzt gar nur das Wort "das" und deutet auf Gegenstände, um Anweisungen zu geben. Eine unwürdige Situation, die Alavie heiter erzählt. Doch über die Auslassungen kriecht Traurigkeit in die Geschichte, beiläufig und tonnenschwer.

Gleiches gilt etwa auch für die Titelgeschichte "Ein Bild von mir". Alavie erzählt von einem Porträtfoto, das in Iran für die Schule entstand, aber den Standards nicht entsprach - das Kopftuch verdeckte nicht das Haar. Ausgehend von dem Foto schafft es die Autorin, den Bogen von Kindheitserinnerungen, von Krieg, Fremdsein und Ankommen in Deutschland zu spannen. In ganz feinen Strichen.

Ayeda Alavie: Ein Bild von mir, Hagebutte Verlag, 88 Seiten, 15 Euro

© SZ vom 20.01.2021
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