Kritik:Verrückte Normalität

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Kritik: Frank-Markus Barwasser legt als Erwin Pelzig wieder den Finger in die Wunden.

Frank-Markus Barwasser legt als Erwin Pelzig wieder den Finger in die Wunden.

(Foto: Dita Vollmond)

Nach langer Pause reaktiviert Frank-Markus Barwasser seinen Erwin Pelzig - und lässt ihn in München zu neuer Hochform auflaufen.

Von Oliver Hochkeppel, München

Rückkehr zur Normalität? Was sei denn überhaupt normal, fragt Frank-Markus Barwasser in seiner Bühnenrolle Erwin Pelzig gleich eingangs der Premiere seines neuen Programms "Der wunde Punkt" im Deutschen Museum. Klar seien viele während der Corona-Zeit komisch geworden - für ihn selbst war der Abend ja der lange ersehnte und auch ein wenig gefürchtete "Tag X" nach 17 Monaten ohne Auftritt -, aber vieles vor der Pandemie "Normale" wolle man ja gar nicht zurückhaben. All den Wahnsinn und Fanatismus etwa, den der gute Pelzig aus seiner Therapiegruppe kennt ("ich sollte da nur einen Stuhl reparieren, aber nach zwei Stunden hat der Therapeut gesagt, ich soll gleich da bleiben") und der jetzt durch Corona neue Allianzen bildet. Alle seien sie irgendwie gekränkt, schlussfolgerte Barwasser/Pelzig, und das führte ihn zum - schon vor Corona entwickelten - Generalthema des Programms.

Ausgehend von den durch Sigmund Freud konstatierten drei großen Kränkungen der Menschheit - der kosmologischen, nicht mehr der Mittelpunkt des Universums zu sein, der biologischen, nicht mehr die Krone der Schöpfung zu sein, und der psychologischen, sogar sich selbst nicht im Griff zu haben - ließ Barwasser seinen Pelzig durchdeklinieren, welche weiteren Kränkungen inzwischen dazu gekommen sind. Vieles war und ist ja zum Verrücktwerden: von der Finanzkrise bis zur Pandemie, vom Rassismus bis zu "Me Too", von der Kindesmisshandlung (die er ausführlich als zentrale Kränkung vieler Missetäter nachwies) bis zur Sterblichkeit an sich. Und wow, wie klug, ironisch und dramaturgisch stringent arbeitete sich Barwasser/Pelzig durch sein großes Thema! Ließ von einer Sprecherin viele jeweils passende Zitate von Geistesgrößen einspielen, bis die streikte, weil nur Männer zitiert wurden - und Barwasser danach insgeheim nur noch Frauen zitierte. Nahm im spielerischen Perspektivwechsel provokant die Positionen von jungen Demokratiegegnern oder gar des Coronavirus ein. Brachte das Ganze zwei Mal durch seine Männerrunde mit Hartmut und Dr. Goebel zum Explodieren. Und hatte zuletzt sogar einen zielführenden Vorschlag parat.

Kaum enden wollte da der Schlussapplaus. Man merkte, wie glücklich alle waren, dass da nach so langer Pause wieder diese besondere Stimme der Vernunft und der Aufklärung erklang. Die des polternden Stoikers, des kämpferischen Empathen, des bodenständig Verständigen, der trotzdem nicht alles besser weiß, die des Normalen, der weiß, dass er auf seine Weise verrückt ist. Barwassers Pelzig, den hatten wir vermisst. Und den wollen wir auch nach Corona wiederhaben.

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