Wochenlang saßen sie auf der Anklagebank und schwiegen. Doch dann legten Sami D. und sein Bruder Zakaria D. sowie deren Bekannter Jaber H., die sich seit Anfang Mai vor dem Landgericht München I verantworten mussten, Geständnisse ab. Im Januar 2024 hatten die zwei aus Syrien und mittlerweile in München und Umgebung lebenden Männer im Alter zwischen 29 und 45 Jahren in der Dachauer Straße einen Schleuser gekidnappt.
Er hatte Sami D. und seinem Bruder versprochen, ihnen dabei zu helfen, ihre Schwester, deren Mann sowie deren gemeinsame Kinder von Syrien nach Deutschland zu bringen. Dafür mussten sie ihm 50 000 Euro zahlen. Danach war der Schleuser jedoch erst einmal verschwunden. Sami D. und sein Bruder spürten ihn allerdings in einer Shishabar in München auf und entführten ihn kurze Zeit später mithilfe ihres Bekannten Jaber H. sowie drei weiteren laut Anklage noch unbekannten Männern.
Für die Tat verurteilte die 9. Strafkammer am Landgericht München I unter Vorsitz von Richter Christian Daimer die drei Angeklagten nun wegen erpresserischen Menschenraubs in Tateinheit mit Geiselnahme. Sami und Zakaria D. kamen jeweils mit einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren davon. Jaber H. wurde zu einer Gefängnisstrafe von drei Jahren verurteilt.
Es war gegen 5 Uhr am Morgen des 20. Januar 2024, als die Angeklagten den Schleuser in ihre Gewalt brachten, in einen Pkw verfrachteten und zu einer Halle in einem Industriegebiet brachten. Dort hätten, wie einer der Verteidiger sagte, der Mieter der Halle, ein Händler namens Arafat, sowie weitere Männer als „Empfangskomitee“ bereitgestanden. Sami und Zakaria D. hatten von dem Händler 40 000 Euro geliehen bekommen, damit sie den Schleuser bezahlen konnten. Nun wollten sie ihr Geld zurück.
Um ihrer Forderung auf Rückzahlung Nachdruck zu verleihen, wurde der Schleuser nach Überzeugung des Gerichts auf einen Stuhl gesetzt, mit Klebeband gefesselt und mit Schlägen und Drohungen massiv unter Druck gesetzt. Unter anderem zwangen die Entführer ihn, seine Mutter anzurufen und ihr zu sagen, dass er entführt worden sei. Überdies sollte der Schleuser ihr ausrichten, dass er „in Stücken“ an sie zurückgeschickt werde, sollte sie nicht bis 20 Uhr an jenem 20. Januar 2024 100 000 Euro an die Entführer überweisen. Von dem Gespräch mit der Mutter lag dem Gericht eine Aufnahme vor. Zusätzlich zu den Drohungen sollen Arafat und die anderen Männer aus dem „Empfangskomitee“ dem Schleuser auch mit einem Elektroschocker zugesetzt haben.
Auch wenn Sami D. und sein Bruder sowie Jaber H. bei den Übergriffen anwesend waren, hätten sie glaubhaft machen können, dass das Geschehen „eine Richtung annimmt, die sie nicht wollten“, sagte Richter Christian Daimer bei der Urteilsbegründung. Im Hinblick auf Jaber H. kam das Gericht zu dem Ergebnis, dass dieser sich an den Bedrohungen und Verletzungen des Schleusers zwar „nicht aktiv“ beteiligt habe. Gleichwohl hätte er nach Überzeugung der Kammer die Misshandlungen verhindern können.
Auch wenn die Wut von Sami D. und seinem Bruder auf den Schleuser nachvollziehbar sei, hätten sie dennoch kein Recht auf Selbstjustiz, so Richter Daimer. Angesichts ihrer Geständnisse wertete die Kammer die Tatbeiträge aller drei Angeklagten als minderschweren Fall. Als Sami und Zakaria D. für einen Moment allein mit dem Schleuser in der Lagerhalle in Nürnberg waren, banden sie diesen los, setzen ihn in ihr Auto und brachten ihn in den frühen Morgenstunden des 22. Januar 2024 zurück nach München.

