Erotik-Shop im Tal:Das Geschäft wird der Rentnerin "schrecklich fehlen"

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Ihre erste Frage an einen Kunden vor dem Filmregal lautet meistens: Wollen Sie den Film zusammen sehen oder alleine? Und lieber Story oder Power? Wer Charlotte Binder solche Fragen beantwortet und dann vielleicht auch fragt, welches Spielzeug für die eigene Frau oder den Mann geeignet sein könnte, der hat eine Verbindung zu der Verkäuferin aufgebaut, vielleicht wie zu einem Barmann in der Stammkneipe. Barfrau Binder sagt dann zum Beispiel: "Nimm halt mal eine Gleitcreme, bevor du immer in der Wüste Gobi herumwanderst."

Das Internet war bei Binder im Tal kein großes Problem, sagt sie. Pornos umsonst schauen zu können und sich anonym Sex-Spielzeug bestellen, hat keinen Einfluss gehabt? "Ein Jahr lang. Dann haben die Leute gemerkt, dass man Dildos nicht zurückschicken kann und man im Internet mit Werbung zugemüllt wird." Für viele seien Pornos Entspannung, das gehe nicht im Netz. Auch den Einsamen, die sich in ihr Kino setzen und mit ihr ratschen, hilft das Internet nicht weiter. Und die Zukunft der Branche?

Erotik-Shop im Tal: Die Zeiten ändern sich: Die ersten 15 Jahre kamen nur Männer in den Sex-Shop von Charlotte Binder.

Die Zeiten ändern sich: Die ersten 15 Jahre kamen nur Männer in den Sex-Shop von Charlotte Binder.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Binder zeigt eine Packung mit einem sogenannten We-Vibe. "Das ist ein Paar-Vibrator, der beide beim Sex stimulieren kann." Vor allem aber kann man den auch über eine App steuern. "Bei den zunehmenden Fernbeziehungen kann der eine in Rosenheim den anderen in Hamburg stimulieren." Solche Accessoires wird es in Zukunft immer mehr geben, sagt Binder.

Binder raucht, es liegt leichter Mentholdunst in der Luft, Musik dudelt, ein Mann Ende 40 kommt rein, Binder ruft. "Griasdi!" Sie weiß oft alles über diese Menschen, ihre Geldsorgen, ihren Stress mit dem Chef und wie es im Bett läuft sowieso. Wenn im Sommer die Touristen kommen, weiß sie auch, wie das abläuft. Kunden aus Dubai geben im Hotel die Tasche ab, kommen rüber und "kaufen die günstigsten künstlichen Vaginas, die gehen von 35 bis 300 Euro". Früher seien auch viele Pfarrer gekommen, sagt Binder ein bisschen leiser als sie zuvor gesprochen hat.

Wer über Penisse und Vaginas spricht, hat keine Zeit für großes Drumherumreden. Der muss auf den Punkt kommen. "Zu 99 Prozent gebe ich einen Kommentar ab", sagt Binder, vor allem, wenn es Leute sind, die zu ihrem "harten Kern" gehören.

Binder sagt, dass ihr das Geschäft "ganz schrecklich fehlen" werde. Wohl nicht unbedingt die Gleitcreme-Beratung. Dieser Frau, die Produkte verkauft hat, die Menschen zueinander bringen sollen oder ihnen zumindest das Gefühl geben sollen, dieser Frau wird vor allem das Gefühl fehlen, ein wenig wahre Nähe in all der künstlichen um sie herum herzustellen.

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