Eröffnung:Deutsche Film-Elite entsetzt über Moderation von Comedian Harry G

Eröffnung: Markus Stoll alias Harry G ist durch Bashing-Videos über bayerische und Münchner Klischees bekannt geworden.

Markus Stoll alias Harry G ist durch Bashing-Videos über bayerische und Münchner Klischees bekannt geworden.

(Foto: Robert Haas)

Er hatte bei der Eröffnung des Filmfests München versucht, wie bei der Oscar-Verleihung über die Branche herzuziehen.

Von Philipp Crone

Günter Rohrbach ist der Erste, der geht, noch bevor der Eröffnungsfilm am Donnerstagabend begonnen hat. Der Produzent ("Das Boot") kehrt erst zurück, als "Toni Erdmann" schon läuft. Auch Schauspieler Andreas Giebel verlässt den Saal. Im Nebenkino, wo die Eröffnung aus dem Hauptsaal übertragen wird, steht eine Frau auf und sagt: "Aufhören!"

Sie meint den Moderator bei der Eröffnung des 34. Münchner Filmfests, Comedian Harry G. Der durch tausendfach im Netz geklickte Bashing-Videos über bayerische und Münchner Klischees bekannt gewordene Markus Stoll alias Harry G hat nach einer kurzen Begrüßung einen etwa fünfminütigen Kabarett-Auftritt, in dem er sich über die Branche lustig macht. Er sinniert dabei, wie wohl die Namen der Schauspieler Jimi Blue oder Wilson Gonzalez Ochsenknecht zustande gekommen sind: indem Vater Uwe Ochsenknecht betrunken aus der Kneipe im Kreißsaal angerufen habe.

Stoll wirft Veronica Ferres als einzigen Makel vor, mit dem Finanzmanager Carsten Maschmeyer verheiratet zu sein. Es ist der Versuch, wie bei einer Oscarverleihung sich selbst und die Branche zu veralbern. Nur dass es einen Unterschied macht, ob Vollprofis mit Sinn für präzise in die Situation passende Gemeinheiten scherzen, etwa Tom Hanks über sich und Brad Pitt, oder Harry G über Uschi Glas. Bei der Party anschließend im Bayerischen Hof gibt es jedes Jahr kritische Stimmen, die sich aber sonst immer damit auseinandersetzen, dass dem ein oder anderen der Eröffnungsfilm nicht gefallen hat. An diesem Abend ist es anders.

Unter den knapp 1500 Gästen sind alle hingerissen von der skurrilen und bewegenden Komödie "Toni Erdmann". Doch die große Film-Euphorie kann beim Empfang das Entsetzen über die misslungene Moderation nicht überdecken. Rufus Beck sagt: "Unter aller Kanone! Witze, die nicht zünden - einfach unglaublich schlecht. Das wird dem Filmfest nicht gerecht." Es sei ja im Eröffnungsfilm schon um Fremdschämen gegangen, als wunderbar verstörendes Stilmittel, "aber doch bitte nicht auch noch echtes Fremdschämen für das, was auf der Bühne passiert."

Künstleragentin Ulrike Weis schüttelt den Kopf und spricht vor sich hin: "Wie provinziell!" Andreas Giebel sagt: "Das kann man so nicht machen", und für Ulrike Kriener war es "einfach unterirdisch, furchtbar". Man könne ja einen Comedian moderieren lassen, sagt sie, "Anke Engelke macht das wunderbar auf der Berlinale, aber man muss sich in den Dienst der Sache stellen und nicht als Minimalkonsens mit dem Publikum das Ferres-Bashing suchen". Wenn die Reden der Politiker den höchsten Unterhaltungswert haben, sagt Kriener, "dann läuft etwas falsch".

Filmfestchefin Diana Iljine sagt am nächsten Tag: "Ich stehe dazu. Wir probieren neue Dinge aus, Harry G hat Tausende junge Fans. Und ich bin mir sicher, dass er noch groß rauskommen wird, auch filmisch." Dem Bekanntheitsgrad des Moderators hat der Auftritt zumindest nicht geschadet.

© SZ vom 25.06.2016/axi
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