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Eröffnung des NS-Dokuzentrums:Braune Besetzung der Gartenstadt

  • Am 1. Mai eröffnet das NS-Dokumentationszentrum in München. Die SZ setzt sich in mehreren Texten mit der schwierigen Vergangenheit der Stadt auseinander und wirft einen ersten Blick in das neue Haus.
  • Alles zum Thema finden Sie auf dieser Seite.
  • Im folgenden Artikel lesen Sie, wie die Münchner Maxvorstadt sich von einem begehrten Wohnviertel zum Zentrum der NS-Bewegung entwickelte.

Von Jakob Wetzel

In München waren die Wege kurz. Wenige Meter trennten etwa die Reichsleitung der SS von der "Obersten SA-Führung" an der Barer Straße. Nicht mehr als einen Steinwurf entfernt, am Karolinenplatz, fällte das oberste Parteigericht der NSDAP seine Urteile, gleich gegenüber dem "Reichsrechtsamt" der Partei. An der Karlstraße hatten die Nationalsozialisten ihre Büros geradezu aneinandergereiht, ob für den "Nationalsozialistischen Deutschen Dozentenbund", ihre "Reichsjugendführung" oder ihre "Reichspropagandaleitung". Und an der Brienner Straße, wo heute das NS-Dokumentationszentrum steht, hatte Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß seinen Dienstsitz - in Sichtweite zum Arbeitsplatz von "Reichsschatzmeister" Franz Xaver Schwarz, einem der mächtigsten Funktionäre der Nazi-Partei.

Die Reihe ließe sich lange fortsetzen. Es gibt kaum einen Ort in Deutschland, den die NSDAP bis 1945 derart geprägt hat wie die Münchner Maxvorstadt. Es sind nicht nur ihre Repräsentationsbauten und Kultstätten am Königsplatz, die zum Teil heute noch stehen. Die Partei belegte viele weitere, heute unauffällige Häuser. Zeitweilig arbeiteten hier etwa 6000 Menschen für sie, in 68 Gebäuden, alle innerhalb weniger Straßenzüge um den Karolinenplatz.

Welchen Charakter die Maxvorstadt ursprünglich hatte

München, die "Hauptstadt der Bewegung", beherbergte bis Kriegsende die Zentrale der NSDAP. Berlin mochte Reichshauptstadt sein, München blieb Parteisitz. Ein Wegzug stand nie zur Debatte. Selbst nach dem Regierungsantritt 1933, als die Grenzen zwischen Partei und Staat verschwammen und viele Parteikader längst Ministerien in Berlin bezogen hatten, blieben in München zumindest Verbindungsbüros bestehen. In der NSDAP wurde auch fortan keine Entscheidung getroffen, ohne dass sie über einen der Schreibtische in der Maxvorstadt ging.

Dabei war das Viertel ursprünglich alles andere gewesen als ein Ort für lärmende SA-Männer und graue Verwalter. Die Maxvorstadt war eine Gartenstadt: Sie war in der Zeit König Maximilians I. Joseph angelegt worden, nach den Ideen des Kronprinzen Ludwig, des Architekten Carl von Fischer und des Landschaftsplaners Friedrich Ludwig von Sckell, der in München bereits den Englischen Garten entworfen hatte.

Sie galt als bevorzugtes Wohngebiet in unmittelbarer Nähe zum "Fürstenweg", der die Altstadt-Residenz der Wittelsbacher mit Schloss Nymphenburg verband. Nach dem Ersten Weltkrieg aber veränderte das Viertel sein Gesicht.

Wie die NSDAP das Viertel für sich entdeckte

Manche Einwohner gerieten wegen des Krieges in wirtschaftliche Schieflage, andere kehrten der Maxvorstadt nach der Räterevolution den Rücken. In immer mehr Palais der Gartenstadt zogen Firmen und Privatleute als Mieter ein. Mehrere Eigentümer verkauften; an wen, konnten sie sich nicht immer aussuchen.

Die Eigentümer eines Anwesens an der Ecke Arcisstraße und Brienner Straße, unmittelbar am Königsplatz gelegen, suchten Ende der Zwanzigerjahre ihr Glück in einem Caféhaus, um das Grundstück halbwegs rentabel zu verwerten. Im Palais Barlow schräg gegenüber, dem späteren Braunen Haus der Nationalsozialisten, verkaufte von 1925 bis 1928 die Münchner Firma Neubauer Möbel.

Im Jahr 1930 kam die NSDAP. Die Partei hatte als Geschäftsstelle zuvor ein Hinterzimmer im Gasthof Sterneckerbräu im Tal genutzt, später Räume einer früheren Wirtschaft an der Corneliusstraße 12 im Gärtnerplatzviertel, schließlich ein Rückgebäude an der Schellingstraße 50. Doch während der Wirtschaftskrise Ende der Zwanzigerjahre trieben ihr Verarmung, Angst und Arbeitslosigkeit viele Neumitglieder zu, eine größere Zentrale wurde nötig. Und der Blick fiel auf die Maxvorstadt.

Wie Fritz Thyssen den Nationalsozialisten half

Hier stand bereits seit 1928 das Palais Barlow zum Verkauf. Mögliche Käufer waren rar, aber für dieses Gebäude interessierte sich auch die Stadt München: Sie spielte mit der Idee, am Königsplatz einen neuen Konzertsaal zu errichten. Doch die Haus-Erbin Elisabeth Barlow brauchte das Geld dringend, und so erhielten die Nationalsozialisten für 805 864 Goldmark den Zuschlag.

Das Geld trieb die Partei bei ihren Mitgliedern ein, sie warb um Spenden für das sogenannte "Parteiheim". Zudem vermittelte ihr der Industrielle Fritz Thyssen einen Kredit. Eingefädelt hatten den Kauf wohl frühe Förderer Hitlers, die Verlegerfamilie Hugo und Elsa Bruckmann, die am Karolinenplatz wohnte.

Und die NSDAP expandierte. Schon vor 1933 erwarb die Partei weitere Grundstücke, später überplante sie den gesamten Bereich östlich des Königsplatzes mit kolossalen Parteibauten. Die Eigentümer der dort bislang stehenden Häuser verkauften häufig unter Druck, so wie Alfred und Hedwig Pringsheim, die Schwiegereltern von Thomas Mann. Im August 1933 bekamen sie 600 000 Reichsmark für ihr Stadtpalais im Stil der Neorenaissance, einen Betrag weit unter Wert. Das Anwesen wurde im November abgerissen. An seiner Stelle entstand der NSDAP-"Verwaltungsbau".

Welche Pläne der NSDAP nicht mehr verwirklicht wurden

Franz Xaver Schwarz leitete von hier aus als "Reichsschatzmeister" bis 1945 die Finanz- und Mitgliederverwaltung der Nazi-Partei. Weil dafür auch der große Neubau nicht ausreichte, bildete sein Amt in der Umgebung mehrere Außenstellen. 1942 unterstanden Schwarz mehr als 3000 Angestellte, mehr als die Hälfte des Personals der Parteileitung insgesamt.

Für die weitere Umgebung hatten die Nationalsozialisten ebenfalls große Pläne. Zum Beispiel sollte dort, wo 2011 das neue Gebäude der Hochschule für Fernsehen und Film eingeweiht wurde, eine Partei-Kanzlei entstehen. Am heutigen Standort der Pinakothek der Moderne sollte es einen "Platz der NSDAP" geben, östlich davon, wo damals bereits unter anderem die evangelische Markuskirche stand, eine "Halle der Partei" mit angegliedertem Grabmal Hitlers. Von der Kanzlei wurden noch Teile des Kellers errichtet. Das Übrige verhinderte der Krieg.

© SZ vom 29.04.2015/sekr
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