Eröffnung des neuen Standorts Form und Haltung

Die Designfakultät der Hochschule für angewandte Wissenschaften will in ihren neuen Räumen nicht nur schöne Dinge gestalten, sondern auch Antworten auf gesellschaftliche Fragen geben

Von Sabine Buchwald

In hellem Backsteinrot leuchtet das ehemalige Zeughaus von weitem sichtbar an der Lothstraße 17. Mit seinen Türmchen, Rosetten und Fensterbögen im sogenannten Maximiliansstil in den 1860er-Jahren geplant und gebaut, verweist es auf eine Zeit, in der Schlichtheit nicht en vogue gewesen ist. Was dieses Haus wohl sein mag?, haben sich wohl viele schon gefragt, die daran vorbeikamen. Ab sofort kann man sagen: Das ist die Designfakultät der Münchner Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW). Eine andere Antwort wäre: Das ist das bayerische Zentrum für Design.

Noch ist diese zweite Antwort eher eine Vision, die Präsident Martin Leitner für die Fakultät 12 seiner Hochschule hat. Doch so weit gegriffen scheint die Vorstellung nicht zu sein. Immerhin ist die Fakultät die größte staatliche Institution für akademische Designforschung und -lehre in der Landeshauptstadt. Es wird nun darauf ankommen, wie diese historisch aufgeladene, mit sehr viel Aufwand für die Gegenwart zweckdienlich gemachte Hülle inhaltlich gefüllt werden wird.

Etablierte Firmen kooperieren regelmäßig mit der Hochschule und lassen sie in den Werkstätten über Produkte nachdenken.

(Foto: Florian Peljak)

Die Voraussetzungen eignen sich für eine gute bis sehr gute Prognose: Nach der Gründung im Jahr 1971 als Fachbereich Gestaltung der Hochschule lehrte und studierte man jahrelang unter zergliederten Bedingungen an der Infanteriestraße. Nun sind Bachelor- und Masterstudiengang sowie die drei Studienrichtungen unter einem Dach vereint. Das macht die Wege kürzer und die Kommunikation einfacher. An diesem Mittwoch wird das Gebäude von Präsident Leitner, Dekan Ben Santo und Wissenschaftsminister Bernd Sibler nach zehn Jahren Planung und Bau offiziell eröffnet.

Die gemeinhin als "Fotoschule" bezeichnete Münchner Institution hat nun hier ihre Räume samt gigantischer neuer Hohlkehle im Keller des Gebäudes, der eigens dafür tiefer gelegt wurde. Besonders dürften sich darüber die Modefotografen freuen. Die Schule war 1900 gegründet worden und von 1921 bis 2002 in der Clemensstraße ansässig. Seit 2007 gehört sie als Studienrichtung Fotodesign zur HAW. Zudem kann man hier Kommunikations- und Industriedesign studieren. So steht es auf den Wegweisern der Studienrichtungen.

Die Designfakultät an der Lothstraße liegt in unmittelbarer Nähe des geplanten Kreativquartiers.

(Foto: Florian Peljak)

Vor allem in den Anfangssemestern wird erst mal viel grundsätzliche Gedankenarbeit gefordert, bis man zur konkreten Entwicklung etwa einer Corporate Identity, eines Stuhls oder Autos gelangt. Letzteres wird tatsächlich derzeit in Kooperation mit einem deutschen Rennwagenhersteller auf höchstem Niveau in der Tonwerkstatt umgesetzt.

"Man braucht Leute, die sehr fein auf etwas spezialisiert sind, etwa auf Modefotografie oder Autodesign", sagt Ben Santo, seit zwei Jahren Dekan der Fakultät. Design sei aber eine Schnittstellendisziplin, man müsse mit ganz vielen Personen interagieren und ein Problem lösen. "Wir versuchen Generalisierung und Spezialisierung zu kultivieren." Eine Art Grundlehre, wie sie sich im Bauhaus vor 100 Jahren etabliert hatte, wird hier immerhin im ersten Semester angeboten. Das verbringen alle Studierenden gemeinsam. Fotografen müssen zeichnen, Industriedesigner auch fotografieren. Im zweiten Semester geht man dann in die gewählte Richtung.

Für die Erstsemester übrigens, die bereits im Herbst noch in Baustellenatmosphäre an der Lothstraße angefangen haben, gab es zum ersten Mal keine Noten. Ein intern viel diskutiertes Experiment, das laut Santo das Engagement nicht gebremst, sondern sogar gefördert hat. Prinzipiell gehe es in dem Studium, das kein "Partystudium" sei, viel darum, "eine Haltung" zu entwickeln. Santo spricht auch von einem "erweiterten Designbegriff" und von "Social Design". Dazu gehöre, nachzudenken, wie man leben wolle oder wie eine Stadt sein solle. "Das Studium ist nicht vorrangig darauf ausgerichtet, Stardesigner hervorzubringen", ergänzt Markus Frenzl, Professor für Design- und Medientheorie. Im Idealfall könne man mit Design das Verhalten der Menschen ändern. Er hat dabei die Herausforderungen der Zukunft durch "Globalisierung und Digitalisierung" im Kopf, vor allem in Bezug auf den sozialen Wandel, Ökologie und Nachhaltigkeit. Das ist die politische Funktion von Design.

In den nächsten Jahren soll mit Ateliers, Wohnraum und Möglichkeiten für junge Firmen ein Ort für viele neue Ideen entstehen.

(Foto: Florian Peljak)

Die beiden Professoren führen zufrieden durch das Haus, hinterlassen Fingerspuren auf den matten Aluminiumflächen. Das ist von den Architekten so gewollt. Die Gesamtfläche ist mit 5000 Quadratmetern im Vergleich zu den alten Gebäuden etwa gleich geblieben. Aber es gibt neue Möglichkeiten: Die Clay-, Holz- und Lackierwerkstätten sind besser ausgestattet, um handwerklich zu arbeiten. Der Werkstattleiter sitzt etwas erhöht hinter Glas und kann beobachten.

Ein großer, offener Aufenthaltsraum mit beweglichen Tischen, Schließfächern und viel Tageslicht ist ein Treffpunkt mit Arbeitsatmosphäre, der auch Rückzug gestattet. Die Unterrichtsformen haben sich geändert: Viele Arbeitsaufträge sollen gemeinsam bewältigt werden. Dazu muss man Möglichkeiten schaffen, zu sprechen und vielleicht in ein Sandwich zu beißen. Mit seinen Maßmöbeln aus grauen Viroc-Platten dürfte der Raum moderner und hochwertiger ausgestattet als die meisten WG-Zimmer der Studierenden. "Dieses Haus und seine Ausstattung betrachte ich auch als Wertschätzung, die das Land Bayern unserer Arbeit entgegen bringt", sagt Frenzl. Die gestiegene Relevanz der Designdisziplin spiegele sich in diesem Bau.

Schon seit diesem Wintersemester unterrichten Dekan Ben Santo (links) und Theorieprofessor Markus Frenzl in den neuen Räumen der Designfakultät.

(Foto: Florian Peljak)

Wie er tragen alle 485 Studierenden, 15 Professoren und 35 Lehrbeauftragten eine Magnetkarte, mit der sich die schweren Glas- oder Metalltüren öffnen lassen. Projektbezogen werden sie freigeschaltet, so dass die Studenten interdisziplinär zusammenfinden können.

Dass in München im Hochschul- und Wissenschaftsbereich eine besonders starke Konkurrenz um Personal und Studierende existiert, weiß man an der HAW. Das neue Gebäude dürfte die Attraktivität für das Studienfach Design durchaus steigern. Allerdings genügt das nicht allein. "Wir wollen angewandtes Forschen in bessere Bahnen bringen", sagt Santo. "Dazu bräuchten wir bessere Personalressourcen." Er wolle ja nicht meckern, aber die Hochschule habe nicht genug Personal im Mittelbau. Diese Lücke füllen beim Konkurenten Technische Universität (TU) beispielsweise die Doktoranden.

Über den Umbau informiert eine Ausstellung, die von Donnerstag, 7. Februar, an zu sehen ist. Ab 19 Uhr steht an diesem Tag das Haus für alle Interessierten offen.