Süddeutsche Zeitung

Eröffnung:Wikipedia-Community bekommt eigenes Büro in der Innenstadt

Lesezeit: 3 min

Von Silke Lode, München

Den Traum vom eigenen Büro hat die Münchner Wikipedia-Community auf einem Foto festgehalten. Das Bild ist, wie fast alle Träume und Pläne der Wikipedia, öffentlich im Netz zu sehen - schließlich sind hier Leute am Werk, die für freie Inhalte kämpfen. Das Bild zeigt einen Tisch mit bunten Zetteln, auf denen Schlagworte stehen wie "Mindestens zwei Räume", "Erreichbarkeit: Innerhalb des Mittleren Rings / ÖPNV" oder "Schaufenster?".

Nun werden Träume selten ganz und gar Realität - das gilt erst recht, wenn der Münchner Immobilienmarkt mit im Spiel ist. Doch der Traum der Wikipedianern ist tatsächlich wahr geworden: Wikipedia hat ein neues Büro in München, die Aktiven aus der Region nennen es schlicht "WikiMUC".

Aus dem Traum von zwei Räumen wurde ein großes Ladenlokal mit Schaufenster, in dem Platz ist für Workshops, weiter hinten gibt es einen Besprechungsraum und ein kleines Büro. Die große Front gehört zu einem Gebäude der Gewofag, das nicht nur innerhalb des Mittleren Rings liegt, sondern sogar innerhalb des Altstadtrings. WikiMUC ist künftig an der Angertorstraße 3 zu Hause, zur nächsten Tramhaltestelle geht man eine Minute.

An Grenzen stößt der Traum der Wikipedianer bisher nur intern: Das ehrgeizige Ziel, das Büro Ende Mai zu eröffnen, konnten sie nur bedingt erreichen. Kein Wunder, denn in den wenigen Wochen seit der Schlüsselübergabe türmte sich die Arbeit. Die Räume mussten entmüllt, geschrubbt und gestrichen werden, Möbel wurden mit Lastenrädern angekarrt, Regale durchs Glockenbachviertel getragen, Computer aufgestellt und Netzwerke aufgebaut. Viel Arbeit für ein Team, das ausschließlich aus Ehrenamtlichen besteht.

Von der To-Do-Liste bis zum Kostenplan ist alles online

Das Geld für Miete, Mobiliar, technische Ausstattung und Veranstaltungen kommt vom Verein Wikimedia Deutschland - der wiederum finanziert sich ausschließlich aus Spenden und Beiträgen der Fördermitglieder. Auch das lässt sich alles im Netz nachlesen - von der To-Do-Liste bis zum Kostenplan steht bei Wikipedia alles online. Als eine Art WikiMUC-Manager wird hier Burkhard Mücke genannt, ein ehemaliger BR-Journalist.

"Wir wollten Anfang Juni groß eröffnen", erzählt er. "Erst intern mit den Wikipedianern in und um München, dann offiziell mit Vertretern von Wikimedia Deutschland, Vertretern der Stadt und Kulturschaffenden in München." Auch ein Fest für Vereine und Organisationen in der Nachbarschaft war geplant. Daraus ist bislang nichts geworden, "wir lassen das WikiMUC erst mal mit kleineren Veranstaltungen anlaufen", sagt Mücke. Was aber nicht heißen soll, dass im Laufe des Sommers nicht noch ein großes Fest folgt.

Wer mit Münchner Wikipedianern spricht, hört immer wieder heraus, dass das Büro für die Ehrenamtlichen schon ein ziemlich ehrgeiziges Projekt ist. Seit gut zehn Jahren treffen sich einige Mitstreiter der Online-Enzyklopädie auch in der echten Welt. Einmal pro Monat findet der Stammtisch statt, ein harter Kern von fünf bis zehn Aktiven kommt fast immer.

Gelegentlich unternehmen die Wikipedianer auch Ausflüge - mal gehen sie wandern, mal ins Museum, manchmal führt einer durch sein Stadtviertel. Doch das ist etwas anderes als gemeinsam ein Büro mit festen Öffnungszeiten und einem Veranstaltungsprogramm auf die Beine zu stellen - zumal die Wikipedianer ihre eigentliche Aufgabe darin sehen, die Enzyklopädie fortzuschreiben.

"Wir wollten stärker in die Stadtöffentlichkeit rein"

Dafür ist das WikiMUC-Projekt schon ziemlich weit gediehen: An einem großen Konferenztisch aus Holz stehen einige Rechner, viele Besucher bringen ohnehin ihre eigenen Laptops mit und klinken sich einfach in das Wlan des Büros ein. Auf dem Corso Leopold stellten die Wikipedianer kürzlich ihr Projekt vor, am 30. Juni bieten sie den ersten Workshop in ihren neuen Räumen an. Thema: "Schreiben in und für Wikipedia." Damit lasse sich am ehesten eines der Hauptziele des WikiMUC realisieren, nämlich "neue Autoren für die Enzyklopädie zu gewinnen", sagt Mücke.

Kritzolina, eine andere Aktive, die nur mit ihrem Autorenname in der Zeitung erscheinen möchte, nennt noch andere Gründe, warum Wikipedia sich ein Büro in München gewünscht hat: "Wir wollten stärker in die Stadtöffentlichkeit rein und andere Gruppen einbinden", sagt sie. Kritzolina wünscht sich, dass Wikipedia bei Fragen direkt ansprechbar ist - für neue Autoren ebenso wie für Kritiker.

Denn natürlich wird auch viel moniert an der freien Enzyklopädie, an der jeder mitschreiben darf. "Und wir brauchen schlicht Arbeitsplätze, an denen wir Bildmaterial bearbeiten oder einscannen können", erzählt Kritzolina. Natürlich besteht das Lexikon nicht nur aus Texten, sondern auch aus Bildern. Ideen für den neuen Wikipedia-Stützpunkt hat Kritzolina noch viele, im Idealfall solle das Büro "ein kultureller Treffpunkt rund um freie Inhalte" werden. Doch das ist bislang wirklich noch ein Traum.

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SZ vom 23.06.2016
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