Biografie über Ernst TollerEin Dichter für die Unterdrückten

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Auch als Redner konnte Ernst Toller die Zuschauer in seinen Bann schlagen.
Auch als Redner konnte Ernst Toller die Zuschauer in seinen Bann schlagen. Hulton Archive/Getty Images

Die Literaturwissenschaftlerin Veronika Schuchter hat eine tiefschürfende Biografie über Ernst Toller geschrieben, der kurz an der Spitze der Münchner Räterepublik stand, bevor er zu einem der wichtigsten Dramatiker der Weimarer Republik wurde und später im Exil für eine neue Welt kämpfte.

Von Christian Jooß-Bernau

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„Biografien erreichen selten die Kompliziertheit individuellen Daseins, viele Konturen des ,vollständigen Menschen‘ bleiben unterbelichtet (...)“. So beginnt Ernst Tollers Autobiografie „Eine Jugend in Deutschland“, erschienen 1933 im Jahr der Machtergreifung Hitlers. Es ist das Jahr, in dem der Star-Dramatiker der Weimarer Republik emigriert – erst einmal in die Schweiz. Die Literaturwissenschaftlerin Veronika Schuchter hat sich dem Autor, in dessen Leben sich die Geschichte festgeschrieben hat wie in wenigen, jetzt mit einer umfassenden Biografie gewidmet: „Ernst Toller“. „Revolutionär, Schriftsteller, Antifaschist“, heißt sie im Untertitel, der schon andeutet, wie komplex dieser Künstlermensch mit seiner Zeit verbunden war.

Für einen kurzen Moment war Toller der mächtigste Mann Bayerns. Am 8. April 1919 wurde er Vorsitzender des Zentralrats der Münchner Räterepublik, die nach den Verheerungen die Monarchie ersetzte, die in einer Revolution weggefegt worden war. Geboren wird Toller 1893 in der Kleinstadt Samotschin, die nach dem Ersten Weltkrieg an Polen geht. Er ist ein Kind der bürgerlichen Oberschicht in einer säkularen jüdischen Familie. Schulzeit in Bromberg, erste Gedichte. Studium in Frankreich, Grenoble. Als der Erste Weltkrieg ausbricht, will er unbedingt an die Front. Im Schützengraben zerbricht die nationalistische Illusion an der Realität des Todes.

Veronika Schuchter arbeitet als Senior Scientist am Institut für Germanistik an der Universität Innsbruck. Sie hat die zweibändige Ausgabe von Ernst Tollers Briefen mit herausgegeben und sich in diversen Veröffentlichungen mit dem Schriftsteller beschäftigt. In ihrer Biografie entsteht das Bild des Künstlers gestützt auf eine beeindruckende Zahl von Quellen, von Zeitungsartikeln bis Zeugnissen von Kollegen. Und ja, es geht weit über die Toller'sche Autobiografie hinaus, die natürlich Selbstinszenierung und -deutung ist und mit drei Sätzen endet: „Ich bin dreißig Jahre. Mein Haar wird grau. Ich bin nicht müde.“ Es ist 1924, Toller ist gerade aus dem Gefängnis Niederschönenfeld entlassen worden.

Zur Haft verurteilt worden war er nach der brutalen Zerschlagung der Räterepublik. Nach München war er schon 1916 als Student gekommen, fand künstlerisch ähnlich Interessierte im Dunstkreis des berühmten Literatur- und Theaterwissenschaftlers Artur Kutscher. Der vom Krieg traumatisierte Toller entwickelt eine politische Haltung. Toller ist ein Unbehauster: Nach einigen Zwischenstationen verschlägt es ihn 1918 wieder nach München. Er landet im Streik. Die Räterepublik ist nicht mehr weit. Bis zum Ende seines Lebens wird der Bürgersohn sich auf die Seite der Unterdrückten, Ausgebeuteten stellen. Sein erstes Drama „Die Wandlung“, das er in Haft fertig schreibt, wird ein biografisch grundiertes, expressionistisches Werk, das die Erweckung feiert.

Ein Dichter im Exil: Ernst Toller am 14. September 1933 in London.
Ein Dichter im Exil: Ernst Toller am 14. September 1933 in London. ASSOCIATED PRESS

Schuchter gräbt nach dem, was den Rastlosen antreibt – und stößt auf ein Paradox. Toller braucht den Feind, um zu sich zu finden. Die Autorin zitiert aus einem Nachruf: „Als er ganz vage zu irrlichtern schien, kam ihm Hitler zu Hilfe, gab ihm einen neuen Feind, eine neue Arena.“ Seine Arena schafft sich Toller nicht nur als Dramatiker. Er ist ein begnadeter Redner, der auch im Exil in Amerika bei Vorträgen die Menschen begeistert. Seine Kunst will Weckruf sein.

Schon 1930 erkennt Toller, was falsch läuft im Umgang mit antidemokratischen, rechten Kräften und schreibt in der Zeitschrift Weltbühne über die nationalsozialistische Partei: „Sie wird es sich wohl gefallen lassen, auf demokratische Weise zur Macht zu gelangen, aber keinesfalls auf Geheiß der Demokratie sie wieder abzugeben.“ Diese visionären Momente sind bis heute aktuell. Einen blinden Fleck aber gibt es, den Schuchter mit spürbarem Unbehagen konstatiert und für den sie keine einfache Erklärung finden will: Tollers Schweigen zur Judenverfolgung. Selbst kurz nach der Reichspogromnacht setzt er den Fokus einer Rede auf andere Gruppen politisch Verfolgter in Deutschland.

Schuchter gelingt es an vielen Stellen, die Entwicklung Tollers einzuspannen in den zeithistorischen Kontext, der manchmal auch etwas über die Gegenwart erzählt. Besonders interessant, aus aktueller Sicht, wird das bei der Beschreibung der Emigration Tollers in die USA, die nicht der sichere Hafen sind, als die sie in der Rückschau oft dargestellt werden. Schuchter dokumentiert, wie präsent nationalsozialistische Gesinnung auch in den USA war. Nicht nur, dass es verbreitete Stimmungen gegen Immigranten gab, „die von verschiedenen Seiten genährt und bewusst geschürt wurden“. In den USA formieren sich auch nationalsozialistische Organisationen, Jugendgruppen nach Vorbild der Hitler-Jugend. 22 000 Menschen jubelten am 20. Februar 1939 im Madison Square Garden bei einer Kundgebung unter Hakenkreuzfahnen.

Der Sozialrevolutionär Toller liebte auch den Luxus

Wenige Jahre vor seinem Tod reist Toller in den spanischen Bürgerkrieg. Ein Schriftsteller an der Ebro-Front aufseiten der republikanischen Truppen. Kein Draufgänger mit romantischer Ader wie Hemingway, sondern ein Geisteskämpfer, schon im Griff seiner Depressionen. Zurück in Amerika versucht er Unterstützung für die republikanische Armee zu organisieren. Francos Truppen siegen. Auch in Spanien wird es dunkel. Am 22. Mai 1939, nur zwei Tage vor seiner geplanten Rückkehr nach Europa, erhängt sich Ernst Toller im Badezimmer seines Hotelzimmers im Mayflower Hotel in New York.

Schuchter meidet monokausale Erklärungen für Tollers Leben und auch für seinen Tod. Die komplexe Persönlichkeit des Schriftstellers entwickelt sich bei ihr auf verschiedenen Ebenen: Da ist der Furor des Sozialrevolutionärs. Da ist aber auch ein Mann mit „Vorliebe für Luxus und die Annehmlichkeiten des westlichen Lebensstandards“, der bei aller Sympathie für die Sowjetunion, in die er 1926 reist, nicht geschaffen ist für den proletarischen Lebensstil. Toller trägt Anzug. Leidenschaftlich.

Und da ist das von Toller immer sehr dezent aber nicht unproblematisch gehandhabte Thema Frauen, die der oft melancholisch wirkende Dichter liebt – unverheiratet oder verheiratet. 1935 heiratet er die damals 18-jährige Christiane Grautoff. Als die Liebesbeziehung der beiden begann, war Grauthoff, wohl gerade einmal 15. Es ist die Stärke dieser Biografie, keinem Rechtfertigungsdrang nachzugeben und solche Irritationen in Erklärungsversuchen aufzulösen. Sie bleiben stehen. Toller würde vielleicht sagen als „Kompliziertheit individuellen Daseins“.

Veronika Schuchter: Ernst Toller. Revolutionär, Schriftsteller, Anarchist. Eine Biografie. Wallstein Verlag, 413 Seite, 36 Euro

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