Ernährung Nächste Trainingseinheit: Essen

Nächste Trainingseinheit: Essen. Wer bei Restaurants wie Gym Cook einkehrt, dem ist wahrscheinlich auch wichtig, dass es schmeckt. Aber beileibe nicht nur das. Sondern ob die Nährstoffe des Gerichts in den Trainingsplan passen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Auf Münchner, die ihre Fitness so richtig ernst nehmen, wartet ein neuer Trend: Restaurants bieten Gerichte an, die aufs persönliche Workout-Programm abgestimmt sind.

Von Laura Kaufmann

Der Burritoladen ums Eck hat sich für seinen Bestellzettel eine neue Frage ausgedacht, um herauszufinden, ob der Kunde Rind, Hühnchen oder Gemüse in seinem Burrito möchte: "Welche Proteine?" Genauso will der neue hawaiianische Bowl-Laden in der Türkenstraße wissen, ob es Thunfisch oder doch lieber Tofu sein soll. Ach, Protein, du göttlicher Essensbaustein. Machst satt statt fett. Proteine sind der heilige Gral aller Fitnessjünger, belohnen die Anstrengung am Crosstrainer mit einem Sixpack. Bauchmuskeln natürlich, nicht Bier.

Mittlerweile gibt es ein paar neue Lokale, die so auftreten, als richteten sie sich ausschließlich an Selbstoptimierer. Oder, schlimmer: Es bräuchte heutzutage ein Studium der Ernährungswissenschaft, um eine Speisekarte zu verstehen. Wer nicht weiß, welche Fette, wie viele Proteine, Kohlehydrate und Vitamin B 12 er für den Muskelaufbau oder Gewichtsverlust zu sich nehmen muss, handelt da beinahe schon fahrlässig; mutmaßlich ist es von da nur mehr ein kleiner Schritt zum Whiskey im Morgenkaffee.

Es gab mal eine Zeit, da waren Restaurants noch ein Ort, den man besuchte, um zu genießen. In dem Gäste alle Fünfe gerade sein ließen und Geschmack das oberste Gebot war. Aber dieses oberste Gebot wird schleichend durch ein anderes ersetzt. Immer mehr Lokale scheinen sich in eine Art Werkstatt zu verwandeln, aus der ein möglichst optimal gewarteter Körper heraus kommen muss. Genuss weicht immer öfter der Effizienz, die Mahlzeit muss optimal abgestimmte Nahrung zum sich selbst verschriebenen Work-Out-Programm sein.

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Das hip aufgemachte Gym Cook an der Nymphenburger Straße ist das perfekte Beispiel. "Erst mit der optimalen Ernährung schaffst du es, der zu werden, der du sein willst. Wir helfen dir dabei", verkündet das Team auf seiner Facebookseite und kocht dem Gast nach dessen Trainingsplan zusammengestellte Mahlzeiten. Wie viele Kalorien und Kohlehydrate die Bowls, Shakes und Burger haben, steht nicht nur bei den Gerichten an der Tafel angeschrieben, sondern auch auf der Rechnung. Den Fitnessbegeisterten und Ernährungsbewussten ein tatsächlich gesundes, individuell angepasstes Ernährungskonzept zu bieten, sei die Idee, ist aus der Geschäftsführung zu hören. Man habe sich dieser Herausforderung gestellt, obwohl das anspruchsvoll in der Umsetzung sei - aber die große Nachfrage bestätige, dass sich diese Mühe lohne.

Letztendlich ist dieses Aufdröseln aller Bestandteile eben ein guter Service für die Hobbybodybuilder. Eine Spaßbremse aber für den, der gerade Datteln und Banane in seinem Shake geil findet und den Zucker- und Fettanteil gar nicht so genau wissen wollte, sondern sich einfach mal was gönnen. Die Botschaft, dass der Smoothie eigentlich auch schon eine halbe Mahlzeit ist, wird ungefragt mitserviert. Bei manch einem drängt sich da schnell ein eher ungesundes Über-Ich auf, das sagt: "Meinst du nicht, du solltest besser das Gericht links oben bestellen, das kalorienärmere?"

Gut, niemand wird gezwungen, bei Gym Cook Rühreier mit Streukäse light zu frühstücken und dazu einen Fat-Burner-Smoothie zu trinken, aber so langsam traut man sich da kaum mehr, Freunden den Besuch einer stinknormalen Pizzeria vorzuschlagen. Wenn, dann höchstens eine, die gut bekömmliches Ur-Getreide verarbeitet. Oder ist das auch schon Sünde? Erntet der, der sich eine profane Quattro formaggi bestellt, bald einen ähnlich abschätzigen Blick wie der, der sich am Nebentisch eine Zigarette anzündet?

Auch für gehobene Restaurants ist der Fitnessfood-Trend interessant geworden. Das ehemalige Salt am Rundfunkplatz gehört mittlerweile zum Boxstudio darüber, heißt nun Box-Kitchen und serviert "gehobene und gesunde Küche", wie es auf der Homepage heißt. Die Leute, die oben Trainieren, sollen später ohne Reue im Restaurant essen können. "Gesund heißt bei uns aber vor allem, dass mit frischen Zutaten gekocht wird, ohne Convenience oder Chemie. Und das wird natürlich positiv aufgenommen von unseren Gästen", sagt Chef Daniel Tenschert. Schließlich steht auf der Homepage auch: "Die wöchentlich wechselnden Gerichte sind für jeden Trainingsplan geeignet; oder einfach nur lecker." Einfach nur lecker, das klingt dann doch beruhigend.

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