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Ernährung:Wenn das Essen in München nur drei Tage reicht

Obst und Gemüse, 2016

Obst und Gemüse in einem Geschäft am Elisabethmarkt - viele unserer Lebensmittel entstammen internationaler Industrieproduktion.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

In einer Großstadt scheint es Lebensmittel in Hülle und Fülle zu geben. Doch die Versorgung ist störanfälliger, als viele meinen.

Hat da wer ein Problem? Auf den ersten Blick wohl nicht. Man muss ja nur einen x-beliebigen Supermarkt betreten, und das vielleicht nicht gerade eine Viertelstunde vor Ladenschluss am Tag vor einem Wochenende mit anschließendem Feiertag. Dort sind die Regale voll mit lauter Dingen, mit denen man sich mehr als ausreichend ernähren kann. Das Ernährungsproblem, so scheint es zu sein, besteht vor allem in der Qual der Wahl. Und dafür braucht es nun also einen Ernährungsrat in München?

Nein, dafür nicht. Wenn sich in gut zwei Wochen, am 18. Juni, der Münchner Ernährungsrat offiziell konstituiert, dann geht es zwar auch um die Frage, was man am besten essen soll. Aber auf einer viel grundsätzlicheren Ebene. Die 70 bis 80 Vereine, Gruppen, Initiativen, Hersteller und öffentlichen Einrichtungen, die sich dann zusammentun, wollen die Lebensmittelversorgung der Stadt auf eine neue Grundlage stellen. "Es geht letztlich darum", sagt Agnes Streber, "Ernährungssouveränität zu erlangen."

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Sie leitet hauptamtlich das Münchner "Ernährungsinstitut KinderLeicht" und ist derzeit als Koordinatorin für den neuen Ernährungsrat tätig, hat zuvor für das Bundesumweltministerium das Projekt "Ernährungswende" in München begleitet. Ernährungsräte gibt es bereits in Berlin, Köln, Hamburg und Frankfurt - und neuerdings sogar in Fürstenfeldbruck. Die Brucker haben die Münchner überholt und ihren Rat im Februar gegründet, als erster Landkreis in ganz Deutschland übrigens.

Ernährungssouveränität, das ist ein großes Wort. Letztlich geht es darum, die Versorgung einer Stadt mit Lebensmitteln sicherzustellen. Und obendrein nach Möglichkeit mit solchen, die ihr Geld auch wert sind. Denn die übervollen Supermarktregale täuschen: Die Nahrungsmittelversorgung einer Großstadt ist viel störanfälliger, als man gemeinhin glauben würde. München kann sich derzeit zum Beispiel nur zu zwei Prozent selbst mit Lebensmitteln versorgen, wie das Freiburger Öko-Institut in einer Studie ermittelt hat.

Der Autor Wilfried Bommert hat mit seinem Berliner Institut für Welternährung herausgefunden, "dass die Lebensmittelvorräte in den großen Städten gerade mal für drei Tage reichen". Ein Großteil der Nahrungsmittel stamme aus nationaler oder internationaler Produktion, sei standardisiert, weitgehend vorgefertigt und werde "just in time" angeliefert - obwohl es oft genug Hersteller in der Region gebe, die das Gleiche liefern könnten. Schon in naher Zukunft, so Bommert bei einer der Auftaktveranstaltungen für den Münchner Ernährungsrat, könne das bereits bei kleineren Krisen zu erheblichen Problemen führen.

Umso wichtiger sei es, dass gerade die großen Städte einen Plan für die Ernährung ihrer Einwohner haben. Der fortschreitende Klimawandel, der Verlust an fruchtbaren Böden auf der ganzen Welt, der sich abzeichnende Wassernotstand und nicht zuletzt der Artenschwund bei den Nutzpflanzen sowie die Finanzspekulationen mit Nahrungsmitteln stellten große Risiken dar.

So gesehen, sagt Agnes Streber, sei es unerlässlich, "nachhaltige Lebensmittelerzeugung in der Region voranzutreiben". Oder um es mal pathetisch zu formulieren: Ernährungsräte sind der lokale Wurmfortsatz einer globalen Überlebensstrategie für die Menschheit. In München und seinem Speckgürtel drumherum seien die Voraussetzungen dafür eigentlich besonders gut, sagt Streber. "Hier gibt es viel Landwirtschaft, und das Bewusstsein in der Bevölkerung für die Bedeutung dieser Thematik ist sehr groß." Es gebe bereits zahlreiche lokale Initiativen. Auch Bommert sagt: "In München ist am meisten los, was die Aktivitäten in der Zivilgesellschaft angeht." Streber sieht als eine der ersten Aufgaben der neu zu gründenden Vereinigung die Bestandsaufnahme: "Wir wollen uns erst einmal anschauen, wie die Stadt mit Nahrungsmitteln genau versorgt wird. Erst danach kann man sagen, was man verbessern kann."