Ernährung:Konzil der Besseresser

Lesezeit: 3 min

Bio-Gemüse in MV

Regional, nicht global sollen die Lebensmittel sein, mit denen Großstädte versorgt werden. Dafür will sich ein neuer Ernährungsrat einsetzen.

(Foto: Jens Büttner/dpa)

Ein Ernährungsrat will regional erzeugte Lebensmittel fördern

Von Franz Kotteder

"Ein Ernährungsrat? Gibt's nicht schon genug Ernährungsratgeber?" Solche Fragen bekommt Lea Kliem gelegentlich zu hören. Dann muss sie erklären, dass es beim Ernährungsrat nicht darum geht, wie man am geschicktesten "detoxt" oder sich paläo-vegan durchfuttert. Sondern dass es beispielsweise darum geht, die Stadtregierung dabei zu beraten, wie man die Versorgung mit regional erzeugten Lebensmitteln ausbauen kann. Und überhaupt ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wie Ernährung in einer Stadt funktionieren kann.

Solche Erklärungen will demnächst auch Jürgen Müller vom Münchner Kartoffelkombinat abgeben müssen. Er ist einer von jenen Aktivisten, die in München die Gründung eines Ernährungsrats vorantreiben. Das Kartoffelkombinat ist ein Zusammenschluss von mittlerweile 1600 Haushalten, die gemeinsam verschiedene Gemüsesorten anbauen. Weiter wachsen will man nicht, aber man möchte andere solcher Gruppen unterstützen und Neugründungen anregen. "Ein Ernährungsrat ist ein Schritt auf dem Weg dahin, regionale Nahrungsmittelproduktion zu fördern", sagt Müller. Es handelt sich dabei um ein Gremium aus Ehrenamtlichen, das aus Verbrauchern, Politikern und Vertretern von Handel und Gastronomie besteht. Es soll die Stadt in Ernährungsfragen beraten und Bewusstsein bilden, aber auch Fortbildung in Sachen gesunder Ernährung anbieten.

Spätestens Anfang 2018 soll so ein Rat für München gegründet werden. Bisher gibt es ähnliche Einrichtungen in Köln, Hamburg und Berlin. Wie das Münchner Modell aussehen soll, darüber diskutierten gut 60 Vertreter diverser Vereine und Gruppierungen sowie aus der Verwaltung jetzt bei einem Fachtag zum Thema "Lokale Ernährungskonzepte". Als gemeinsame Stoßrichtung kristallisiert sich heraus: Der Ernährungsrat soll saisonale und regionale Lebensmittel fördern, er soll Einfluss nehmen auf die Politik und notfalls auch Rückhalt für unpopuläre Entscheidungen geben.

Tatsächlich gibt es für die Ernährungsräte auch von staatlicher Seite viel Unterstützung. Almut Jering vom Umweltbundesamt erläuterte, warum. Immer mehr Menschen zögen in die Städte: "2050 werden zwei Drittel der Menschheit in den Städten wohnen." Die würden in zunehmendem Maße durch einen globalisierten Lebensmittelmarkt versorgt, der weltweit zur Verödung der Böden und zum Verschwinden der Artenvielfalt führe. Dem könne man ein Stück weit entgegenwirken, wenn man vermehrt auf regionale Produktion setze.

Warum das sinnvoll ist, erläuterte Wilfried Bommert vom Institut für Welternährung. Nur zwei Prozent der Lebensmittel, die eine deutsche Großstadt verbraucht, werden auch dort und im Umland hergestellt. Alle anderen Nahrungsmittel kommen von weit her und werden "just in time" geliefert, "denn die Vorräte einer Großstadt reichen gerade mal zwei bis drei Tage". Die großen Städte seien somit viel zu abhängig von globalen Handelssträngen und der Lebensmittelindustrie.

Dabei hat München durchaus Potenzial, wie Michael Böhm von der Gesellschaft Ecozept sagt. Das Freisinger Büro betreut seit sieben Jahren ein Projekt, mit dem die Stadt die rund 100 Landwirte, die noch innerhalb der Stadtgrenzen anbauen, unterstützt. "Die landwirtschaftliche Fläche pro Einwohner beträgt zwar nur 32 Quadratmeter", sagt Böhm, "obwohl man rund 2400 Quadratmeter bräuchte, um die Stadt autark zu machen. Dafür produziert das Umland aber beispielsweise dreimal so viel Kartoffeln, wie wir essen."

Es wäre also möglich, die landwirtschaftliche Produktion besser zu steuern, wovon alle etwas hätten: Landwirte, Händler, Verbraucher. Was die Unterstützung durch die Politik angehe, seien viele Aktivisten jedoch skeptisch, nachdem die Stadt den Kriterienkatalog für Oktoberfestbewerbungen zuungunsten biologischer Waren geändert habe. "Das war eine ziemliche Schlappe für das Bündnis Artgerechtes München", befand Jürgen Müller. Er beobachtet generell, dass die Politik niemandem mehr wehtun wolle und auf Verbote sowieso verzichte. Die seien aber manchmal unumgänglich, wenn sich etwas zum Besseren hin ändern solle.

Derzeit arbeiten die potenziellen Ernährungsräte an einer Satzung, denn ohne Vereinsstatus, das ergaben die Berichte aus Berlin, Hamburg und Köln, ist die Arbeit schwierig. Das Interesse ist jedenfalls groß, sagt Müller, in kaum einer anderen Stadt gibt es so viele einschlägig tätige Gruppierungen wie in München - von Slow Food über die "Genussgemeinschaft Städter und Bauern" bis hin zur Schweisfurth-Stiftung. Vom nächsten Jahr an wollen sie nun auch in der Kommunalpolitik mitreden, denn, so Müller: "Essen ist überhaupt politisch."

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema