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Ermittlungen nach Todesfall in Klinik:Überdosis Schmerzmittel

Ein 82-Jähriger kommt mit einem Beinbruch in eine städtische Klinik - und stirbt an einer tödlichen Dosis Schmerzmittel. Das war vor vier Jahren. Einige merkwürdige Einträge in der Krankenakte machten die Rechtsmediziner stutzig. Doch zur Rechenschaft gezogen wurde bis heute niemand.

Ein Münchner stirbt in einem städtischen Krankenhaus an einer Überdosis Schmerzmittel. Das war vor vier Jahren. Doch zur Rechenschaft gezogen wurde bis heute niemand. Der Sohn des Opfers kann den für ihn völlig unbegreiflichen und rätselhaften Tod des Vaters einfach nicht verarbeiten. Oft steht er an dessen Grab und hält Zwiesprache: "Papa, was ist damals wirklich passiert?" Eine tiefe Depression hat ihn erfasst, über die Jahre Herz und Lunge angegriffen - der 53-Jährige ist mittlerweile zu 70 Prozent schwerbehindert.

Im Dezember 2007 war sein damals 82 Jahre alter Vater von einem Auto angefahren worden und hatte einen Beinbruch erlitten. Eigentlich kein Problem: "Das wird wieder", versicherten die Ärzte vor der Operation dem besorgten Sohn. Als er zwei Tage später wieder zu Besuch kam, fing ihn eine junge Ärztin ab. "Herzliches Beileid", sagte sie und dann noch: "Das Herz."

Auch für die routinemäßig eingeschalteten Rechtsmediziner schien das erst ein Routinefall zu sein, denn rasch stand fest, dass die Bein-Operation ohne Komplikationen verlaufen war. Stutzig machten sie dann allerdings einige merkwürdige Einträge in der Krankenakte. Weitere Untersuchungen zeigten dann eine dramatisch hohe Konzentration des Opiats Tramal im Blut des Toten, dazu noch außerordentlich viel von dem Schmerzmittel Novalgin. Der Patient habe zu schnell und viel zu viel von diesen Medikamenten erhalten, stellten die Gerichtsmediziner fest. "Versehentlich?", fügten sie noch in Klammern ihrem Bericht hinzu.

Allerdings bekam die Staatsanwaltschaft erst im April 2009 diese Akten auf den Tisch - es wurde ein Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt eingeleitet. Die Staatsanwältin mahnte mehrmals bei der Polizei an, Ermittlungen anzustellen. Als das zwei Jahre lang zu keinem Ergebnis führte, rügten die inzwischen beauftragten Anwälte Kai Fickert und Nina Damm dies beim Generalstaatsanwalt. Der sagte im Februar 2010 eine "zügige Fortführung der Ermittlungen" zu. Bald darauf liefen die Untersuchungen nicht mehr "gegen Unbekannt", sondern konkret gegen zwei Krankenschwestern. Doch die können sich angeblich nach so langer Zeit an nichts mehr erinnern.

Im Juli 2011 schrieb ein anderer inzwischen mit den Ermittlungen betrauter Staatsanwalt, dass die Münchner Gerichtsmedizin "aufgrund der Komplexität des Falles" immer noch an dem angeforderten Gutachten arbeite: "Es gibt keine vergleichbaren Fälle und kaum Literatur."

"Man darf gespannt sein"

Ein weiterer Vorstoß beim Generalstaatsanwalt im August, wann mit dieser Expertise endlich gerechnet werden dürfe, zeigt eine gewisse Hilflosigkeit der Strafverfolgungsbehörde: Noch gebe es dieses Ergänzungsgutachten nicht, "durch engmaschige Sachstandsanfragen wird seitens der Staatsanwaltschaft München I jedoch auf eine zeitnahe Erstellung gedrungen".

Erst jetzt im November kam ein positiver Zwischenbescheid: Ein Teil dieses Gutachtens sei fertiggestellt - die Akte liege jetzt dem Experten "zur abschließenden rechtsmedizinischen Stellungnahme" vor. Anwalt Fickert: "Angeblich gibt es in Deutschland nur zwei oder drei Fachleute, die diesen schwierigen Sachverhalt beurteilen können - man darf also gespannt sein, wann dieses Expertise endlich vorliegt."

Den Sohn Michael P. quält besonders, dass aus dem Krankenhaus bis heute niemand mit ihm geredet hat - die Krankenschwestern haben laut P. von der Haftpflichtversicherung wohl einen "Maulkorb" verpasst bekommen, und die Ärzte schweigen. So bleiben ihm nur seine Therapiegespräche - und der stille Gedankenaustausch am Grab.

© SZ vom 19.11.2011/afis
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