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Ausstellung zum 80. Todestag von Erich Ohser:Über das traurige Schicksal des Schöpfers der Vater-und-Sohn-Comics

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Seine Bildergeschichten machten ihn berühmt. Nun widmet das Valentin-Karlstadt-Musäum dem Comic-Zeichner Erich Ohser alias e.o.plauen eine Sonderausstellung - darin geht es auch um die Schattenseiten seines Lebens.

Von Barbara Hordych

Nach einer Verbindung zwischen e.o.plauen - oder Erich Ohser, wie er mit bürgerlichem Namen hieß - mit seinem Zeitgenossen Karl Valentin mussten die Ausstellungsmacher im Valentin-Karlstadt-Musäum nicht lange suchen. "Natürlich ist da das Thema Humor und beider Beobachtungsgabe; aber auch ganz konkret porträtierte Valentin Ohser und dieser widmete ihm in seinem Panoptikum das Artefakt ,Vater und Sohn', zwei zusammengeklappte und einander zugeneigte schwarze Regenschirme, einer klein, einer groß", sagt Musäums-Direktorin Sabine Rinberger bei einem ersten Rundgang in der Ausstellung "Die vergessenen Rosinen".

Sie saß mit dem Autor und Comic-Künstler Steffen Haas im Turmstüberl zusammen, da entstand die Idee aus Anlass des 80. Todesjahres von Erich Ohser: "Es gibt ja kaum jemanden, der nicht mit diesen Vater-Sohn-Geschichten zumindest in der Schule in Berührung gekommen ist. Denn dort gehörten die Cartoons oft zur Aufgabe Bildbeschreibung", sagt Rinberger. Was der Kurator Haas bestätigt. Er selbst verdanke Ohser sein erstes Erfolgserlebnis im Deutschunterricht, berichtet er. "Im Diktat war ich immer schlecht, doch im Aufsatz zur Bildergeschichte war ich endlich einmal gut", erinnert er sich.

Und führt zu einem seiner Lieblingscartoons: Da verschüttet der Sohn Tinte auf einem Teppich. Der Vater rennt weg, um zur Bestrafung die Rute zu holen. Doch als er zurückkehrt, sieht er, dass der Sohn aus dem Tintenklecks ein Äffchen zeichnet. Und schon vergießt er selbst Tinte auf dem Teppich, um gemeinsam mit seinem Sohn weiterzuzeichnen. Gerne werde im Verhältnis von Eltern und Kindern die "berühmte Augenhöhe" gefordert, sagt Haas. Wie diese ausschauen und gelingen könnte, zeigen die "Geschichten mit Witz und Liebe von e.o.plauen" - so der Untertitel der Ausstellung - ganz undidaktisch und alltagsnah. Auch wenn es eher ungewöhnlich sein dürfte, die "vergessenen Rosinen" wie in dem titelgebenden Cartoon mit dem Gewehr in den fertig gebackenen Kuchen zu schießen.

Im Gegensatz zu den bekannten Vater- Sohn-Geschichten sind die Umstände ihrer Entstehung und das tragische Schicksal ihres Schöpfers weitaus unbekannter. Erich Ohser, in den Zwanziger- und frühen Dreißigerjahren ein politischer Karikaturist, der unter anderem in der sozialdemokratischen Zeitung "Vorwärts" veröffentlichte, wurde von den nationalsozialistischen Machthabern der Eintritt in den Reichsverband der Deutschen Presse verweigert, was für ihn ab 1933 praktisch ein Berufsverbot bedeutete. Zugleich wurden aber auch deutsche Äquivalente für Disneys Micky Maus gesucht - nicht zuletzt waren auch Goebbels und Hitler große Comic- und Trickfilm-Fans. Weil Ohser einen "so genialen Strich hatte", wie Haas erklärt, wollte man nicht auf ihn verzichten. Er erhielt das Zugeständnis, weiter zu publizieren, allerdings nur unter Pseudonym und mit der Auflage, "nichts Politisches" zu zeichnen.

1934 erschien dann die erste Vater-und-Sohn-Geschichte unter dem Künstlernamen e.o.plauen nach Ohsers sächsischer Herkunftsstadt Plauen in der Berliner Illustrirten Zeitung, der Auftakt zu einer wöchentlich erscheinenden Erfolgsserie, die ihm ein Millionenpublikum bescherte. Und das, obwohl der Vater sich oft genug entgegen der damaligen Erziehungsmaßstäbe nicht als Autoritätsperson verhält, sondern dem Sohn zugewandt und als dessen Spielgefährte agiert: Man betrachte nur die Geschichte "Geburtstagsfeier", bei der der Vater der Enthusiastische in der Kinderschar ist.

Auch wenn er seinen Sohn in den strengen Augen von Passanten oder Lehrern eigentlich bestrafen müsste, geht die Angelegenheit oft anders aus: Entweder schlägt er sich auf die Seite seines Sohns - oder er verabreicht sich selbst wie etwa im Cartoon "Schmerzhafte Selbstkritik" die Schläge. "Nur ganz selten bestraft er seinen Sohn tatsächlich; trotzdem führte das, ebenso wie die Tatsache, dass der Vater häufig raucht, vermutlich dazu, dass die Geschichten in den vergangenen Jahren in Vergessenheit gerieten", erklärt Rinberger. Fairerweise müsse man die Entstehungszeit der Geschichten berücksichtigen - und da sei doch herausstechend, dass sie "zutiefst menschlich" seien.

Kann es zu viel Erfolg geben? Ohser muss es so empfunden haben, wie er es etwa in der Bildergeschichte "Die Kehrseite des Ruhms" zu Papier brachte. Jedenfalls wurde ihm "der Rummel um seine Person zu viel, auch wenn er sich dadurch ein Atelier und einen dicken Wagen leisten konnte", wie Kurator Haas erklärt. 1937, nach rund 150 Folgen, erschien die letzte Bildergeschichte in der Berliner Illustrirten, in dem aussagekräftigen Cartoon schickte er Vater und Sohn zum Mond.

Ohser selbst reiste 1942 nach Venedig, nahm an der Biennale teil und stellte im Deutschen Pavillon aus. "Was genau er dort zeigte, wissen wir heute nicht mehr", sagt Haas. Allerdings ist in der Ausstellung eine Seite aus der Berliner Illustrirten Zeitung zu sehen, auf der er seine Eindrücke aus Venedig collagierte. Darunter ein Foto, das ihn und den Schauspieler-Star Hans Albers im Gespräch zeigt. "Soooo große Rosen habe ich hier bekommen", wird Albers dabei in den Mund gelegt - ein Ausspruch, der eines "Münchhausen" würdig ist, lautet dazu der Kommentar.

Das Drehbuch zu ebendiesem Film "Baron von Münchhausen" schrieb ein anderer Erich, Erich Kästner, unter dem Pseudonym Bertold Bürger. Gemeinsam mit Erich Knauf, dem Redakteur und zwischenzeitlichen literarischen Leiter der Büchergilde Gutenberg, traten sie Ende der Zwanziger- und Anfang der Dreißigerjahre als "die drei Erichs" in Erscheinung, reisten nach Frankreich und zogen später nach Berlin. Verbunden auch durch das Bemühen, sich und ihre Angehörigen durch die Zeit des Nationalsozialismus zu bringen - Ohser war mit der Kinderbuchillustratorin Marigard Bantzer verheiratet, 1931 kam ihr einziges Kind Christian zur Welt.

Die Freundschaft zwischen Knauf und Ohser hielt bis zu beider Lebensende an, sie kamen in einem Haus am Stadtrand von Berlin unter. Ihre Nachbarn waren ein Ehepaar Schultz. Nachdem Bruno Schultz im Luftschutzbunker Äußerungen der beiden Freunde unter anderem über die NSDAP als "braune Pest" belauschte, denunzierte er sie bei der Gestapo. Im März 1944 wurden die beiden Freunde verhaftet. Roland Freisler, der berüchtigte Präsident des Volksgerichtshofs, ließ noch vor der Verhandlung Goebbels berichten, dass "zwei Todesurteile mindestens wahrscheinlich sind". Diesem kommt Ohser zuvor, indem er sich im April im Gefängnis in Alt-Moabit erhängt, Knauf wird im Mai zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Die vergessenen Rosinen, Geschichten mit Witz und Liebe von e.o.plauen, bis 17. September, Valentin-Karlstadt-Musäum. Begleitbuch von Steffen Haas im Allitera Verlag (Steffen Haas tritt am 16. Mai, 19 Uhr, mit seiner "Motionless Movie Show" im Musäum auf); Kuratorenführungen am 16. Juni um 10 Uhr und am 6. Juli um 11 Uhr (Anmeldung unter vermittlung@valentin-musaeum.de

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